Milo Moiré: «Die Kinderfrage nervt und verunsichert»
Aktualisiert

Milo Moiré«Die Kinderfrage nervt und verunsichert»

Die Schauspielerin Jennifer Aniston hat sich in einem offenen Brief zum Frauenbild unserer Gesellschaft geäussert. Schweizer Frauen reagieren nun auf diesen.

von
Qendresa Llugiqi
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In ihrem Wut-Brief schrieb die Schauspielerin Jennifer Aniston: «Wir sind vollständig mit Mann oder ohne, mit Kind oder ohne.»

In ihrem Wut-Brief schrieb die Schauspielerin Jennifer Aniston: «Wir sind vollständig mit Mann oder ohne, mit Kind oder ohne.»

epa/Paul Buck
Gleich zu Beginn räumt sie mit allen Mutmassungen auf: «Ich bin nicht schwanger, sondern habe die Nase voll.»

Gleich zu Beginn räumt sie mit allen Mutmassungen auf: «Ich bin nicht schwanger, sondern habe die Nase voll.»

Screenshot Huffington Post
Milo Moiré, Schweizer Performance-Künstlerin: «Endlich spricht eine Frau mit Vorbildfunktion Klartext.»

Milo Moiré, Schweizer Performance-Künstlerin: «Endlich spricht eine Frau mit Vorbildfunktion Klartext.»

Peter Palm

Jennifer Aniston hat genug: Ständig wird sie von Paparazzi belauert, die dann Vermutungen anstellen, ob sie schwanger ist. Ihre Wut hat die Schauspielerin in ein Essay gepackt, das sie in der «Huffington Post» veröffentlicht hat. Mit allen Mutmassungen räumt sie auf: «Ich bin nicht schwanger. Aber ich habe die Nase voll.» Sobald sie aus einem ungünstigen Winkel fotografiert werde, heisse es, sie sei fett oder schwanger.

Die Schauspielerin prangert das Frauenbild unserer Gesellschaft an. Ihr sei klar geworden, wie sehr der Wert einer Frau darüber definiert werde, ob sie verheiratet sei oder Kinder habe. Aniston: «Wir sind vollständig mit Partner oder ohne, mit Kind oder ohne.» Man müsse nicht unbedingt Mutter sein. Junge Frauen sollten sich nicht unter Druck setzen lassen. Doch werden sie das?

Milo Moiré, Performance-Künstlerin: «Endlich spricht eine Frau mit Vorbildfunktion Klartext.»

Die Schweizer Performance-Künstlerin Milo Moiré kann Anistons Wutbrief nachvollziehen: «Sie spricht damit vielen Frauen aus dem Herzen, die sich durch solche immer wiederkehrenden Situationen verunsichert und genervt fühlen. Auch mir!» Moiré bezeichnet Anistons Brief als «Befreiungsangriff»: «Endlich spricht eine Frau mit Vorbildfunktion Klartext.»

Auch die Schweizer Gesellschaft würde ein eher traditionelles Frauenbild vertreten: «Schweizer Karrierefrauen sind besonders in ländlichen Gegenden der Schweiz noch kleine Exoten», so Moiré. Auch hierzulande werde der Wert der Frau darüber definiert, ob sie verheiratet sei und Kinder habe. Das könne sich durch die Bildungschancengleichheit zwar ändern, allerdings nur langsam. Moiré: «Die Schweiz hält gerne an Traditionen fest und steht Veränderungen generell zögerlich gegenüber.»

Über sie sei zwar bisher noch nie spekuliert worden, ob sie schwanger sei. Doch: «Mich hat noch nie ein männlicher Journalist gefragt: ‹Wollen Sie mal Kinder haben?› Es sind immer Frauen, die mir die Kinderwunsch-Frage stellen», erklärt Moiré, die seit 11 Jahren eine glückliche Beziehung führt. Diese rollenstereotypischen Fragen seien falsch: «Frauen sollen anderen Frauen nicht durch klassische Rollenbilder Unvollkommenheit suggerieren. Was Lebenserfüllung bedeutet, kann nur die einzelne Frau beantworten und nicht eine ganze Gesellschaft.»

Christa Markwalder, FDP-Politikerin: «Frauen sollen nach ihren Leistungen und Talenten beurteilt werden.»

Die Nationalratspräsidentin Christa Markwalder hat den Brief von Aniston im Original gelesen: «Ich bin begeistert», sagt sie. «Ich finde sie ohnehin eine grossartige Schauspielerin und ihre Stellungnahme im Namen der (berühmten) Frauen verdient meinen grössten Respekt.»

Die Schauspielerin würde auch ihr aus dem Herzen sprechen. Markwalder fügt hinzu: «Aniston hat völlig recht, wenn sie schreibt ‹We are complete with or without a mate, with or without a child.›» («Wir sind auch mit oder ohne Partner und Kind vollkommen.») Markwalder hofft, dass Anistons Brief auch hierzulande eine entsprechende Wirkung erzeugt. «Frauen sollen nach ihren Leistungen und Talenten und nicht nach ihrem Aussehen oder ihrem Beziehungsstatus beurteilt werden.»

Sonja A. Buholzer, Unternehmerin und persönlicher Coach der Wirtschaft und Politik: «Wie wir Frauen auf Jahrgang und Äusseres reduziert werden, ist schlicht sexistisch.»

Die Inhaberin der weltweit tätigen Coaching-Company Vestalia Vision teilt Anistons Ansicht ebenfalls: «Auch ich habe nur noch ein müdes Lächeln übrig, laufend über Alter, Äusseres, Stereotypen und andere einfältige Kriterien reduziert zu werden», sagt Buholzer. Diese sublime Art von Sexismus finde jeden Moment statt. Und: «Es sind aber auch wir Frauen selbst, die dieses traditionelle Bild erfüllen wollen und auch von anderen Frauen erwarten, dass sie diesem Bild entsprechen. Wie Frauen mit Frauen umgehen, ist zu oft gnadenlos.» In der Männerwelt geschehe jedoch Analoges: «Ich glaube, dass auch Männer mit ihren Männerbildern zu kämpfen haben.»

Gerade deshalb müsse die Schweiz lernen, Partnerschaftsmodelle in alle Richtungen zu öffnen – etwa mit Patchwork-Familien, Single-WGs und Alters-WGs. Die neuen Parameter seien: «glücklich sein, das Leben leben, wertvoll, sinnvoll und experimentell den eigenen Werten folgen.» Indem jede Frau bewusst ihren Weg gehe und den «pathologischen weiblichen Mainstream» verlasse, ändere sie die «Normalität». Laut Buholzer kann es beispielsweise zuweilen reaktionär sein, das Diktat der Schönheitsindustrie zu unterminieren. «Oder wann waren Sie zuletzt bewusst ungeschminkt und dabei natürlich-selbstbewusst unter Menschen?», fragt sie. «Emanzipation ist Selbstbefreiung aus den Korsetten einer Gesellschaft, die sich an kleinmütigen Klischees, was echte Frauen – und übrigens auch echte Männer – sind, fast zu Tode langweilt. Unsere Gesellschaft hat weiss Gott andere Probleme zu lösen.»

Die Unternehmerin war selbst bereits verheiratet und lebt heute in einer «noch jungen, liebevollen Partnerschaft». «Unvollständig habe ich mich nie gefühlt. In den kurzen Phasen meiner Single-Abschnitte vielmehr frei und lebendig», so Buholzer. Das gehe allerdings nur dann gut, wenn man bereit sei, auf Konventionen zu pfeifen und man müsse konsequent den eigenen Weg gehen: «Nur wer sich zu etwas zwingen lässt, ist verloren.»

Was halten Sie von Jennifer Anistons offenem Brief? Können Sie diesen nachvollziehen? Oder sind wir in der Schweiz fortschrittlicher?

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