Kritik von Sexualstraftäter: «Die kleine Verwahrung kann zu leicht verlängert werden»
Publiziert

Kritik von Sexualstraftäter«Die kleine Verwahrung kann zu leicht verlängert werden»

Wegen eines Sexualdelikts sass L.T. jahrelang in psychiatrischen Institutionen. Jetzt kritisiert er in einem Interview, oft würden solche Therapien künstlich in die Länge gezogen.

von
Noah Knüsel

«Mittlerweile weiss ich, dass es falsch war, und schäme mich dafür»: T. spricht im Interview mit Noah Knüsel über seine Tat.

nk

Darum gehts

  • Jahrelang sass L.T. wegen eines Sexualdelikts in der sogenannten «kleinen Verwahrung».
  • T. spricht über seine Tat, die Therapie und darüber, was Rückfallrisiko wirklich bedeutet.
  • Seine Therapie sei verzögert worden, kritisiert er heute: Es sei zu leicht, Massnahmen wie seine zu verlängern.

Wenn man L.T.* gegenübersitzt, sieht man einen freundlichen Mann. Er hat wache Augen und drückt sich überlegt aus. Manchmal wirkt er unsicher. T. hat einen Teilzeitjob im Technikbereich und bildet sich nebenbei weiter. Was aber nur sein engstes Umfeld weiss: Von den letzten zehn Jahren verbrachte er acht in Gefangenschaft.

2010 stand T. wegen sexueller Handlungen mit Kindern vor Gericht. Ein psychiatrischer Gutachter habe bei ihm eine ängstliche Persönlichkeit und differenzierte Sexualentwicklung diagnostiziert, so T. Er wurde deshalb zu einer stationären Massnahme, auch «kleine Verwahrung» genannt, verurteilt. Eine Haftstrafe von 20 Monaten wurde dafür aufgeschoben.

«Das Urteil war gerechtfertigt», sagt er heute. «Ich sah ein, dass ich Probleme habe, und wollte die Therapie machen.» Wegen seiner Erfahrungen in seiner Kindheit und Jugend habe ihm im intimen Bereich die Sicherheit gefehlt, um auf erwachsene Frauen zuzugehen, erklärt sich T.

Doch seine therapeutische Massnahme dauerte deutlich länger als vom Gutachter eingeschätzt: Dieser rechnete mit einem Jahr stationärer Therapie – daraus wurden schlussendlich acht.

Das ist die «kleine Verwahrung»

Verurteilt das Gericht eine Person zu einer stationären therapeutischen Massnahme, kommt sie in eine geeignete Einrichtung. So wird etwa zwischen Sucht und psychiatrischen Erkrankungen unterschieden. Jedes Jahr muss die Vollzugsbehörde überprüfen, ob die angeordnete Massnahme noch nötig ist. Zudem muss alle fünf Jahre ein Gericht über die Weiterführung entscheiden. Grundsätzlich gibt es für die kleine Verwahrung aber keine zeitliche Beschränkung.

Die Zahl der ausgesprochenen stationären Massnahmen ist in den letzten rund 35 Jahren explodiert: von 12 auf 583 Fälle im Jahr 2018.

Grosse Probleme in Institution

In der ersten Zeit habe er Fortschritte gemacht, erzählt T. Nach rund zwei Jahren hätten mit einem Wechsel in der Gruppenleitung aber die Probleme begonnen. So habe die Institution im Berner Seeland etwa seine Diagnose drastisch verschärft und verlangt, dass er das widerspruchslos akzeptiere. Zudem seien viele seiner Probleme nicht mehr in die Therapie aufgenommen worden, sagt T. Drei Jahre lang habe dieser Stillstand angedauert: «Zu Beginn sah ich die Sache sehr nüchtern und rational, doch mit der Zeit stieg der Frust.»

Erst als es um die Verlängerung seiner Massnahme ging, habe ein externer Gutachter seinen Fall untersucht: «Er war verwundert über meinen langsamen Therapiefortschritt und ging deshalb von einer geistigen Beeinträchtigung aus. Trotzdem attestierte er mir, dass Lockerungen in der Therapie rasch möglich seien.» Innert eines Jahres hätte er extern wohnen können. Vor allem der zweite Teil des Gutachtens habe ihm Hoffnung verliehen, so T.

Neuer Therapieplatz

Das Gericht sei der Empfehlung des Gutachters gefolgt, so T. Daraufhin habe er einen Platz in einer neuen Einrichtung bekommen. «Dort war alles anders», so T. «Sie sahen die Ressourcen, die in mir stecken.» Er verbrachte zwei weitere Jahre dort. Erst nach insgesamt acht Jahren wurde er aus dem Massnahmenvollzug entlassen. Die grösste Hürde sei für ihn die berufliche Wiedereingliederung gewesen, so T.: «Pro Jahr in der Massnahme verliert man zwei Jahre Berufserfahrung.» Von der Nachfolgeinstitution sei er aber glücklicherweise gut vorbereitet worden.

«Es ist, wie ein Instrument zu üben»: T. erklärt, wie eine Therapie funktionieren kann.

nk

«Institutionen haben Angst vor Rückfällen»

T. kritisiert heute, dass stationäre therapeutische Massnahmen zu leicht verlängert werden könnten. «Das passiert in vielen Fällen. Dabei sollte das die Ausnahme sein.» Wolle eine Institution eine Massnahme verlängern, könnten die Berichte entsprechend gestaltet werden, so T. «Auf deren Grundlage entscheidet schliesslich das Gericht.» So ausgeliefert zu sein, sei ein grosser Stressfaktor gewesen.

Weiter sagt T., bei der Therapie würden die Institutionen oft bremsen: «Ich kenne mehrere Leute, deren Fortschritte stagnieren, weil die Therapieziele zu vorsichtig geplant sind.» Das habe wohl auch damit zu tun, dass man Angst vor Rückfällen habe und darum auf Nummer sicher gehen wolle.

Eine Verzögerung der stationären Therapie ist aber laut T. aus mehreren Gründen schlecht. Einerseits werde die berufliche Wiedereingliederung viel schwieriger. Diese habe einen grossen Einfluss auf die Zukunftsperspektiven eines ehemaligen Straftäters. Zudem litten auch Motivation und Wille, sich in Therapie zu begeben. «Ein Ziel sollte auch sein, dass Klienten von sich aus wieder Hilfe suchen», so T.

«Wegsperren bringt nichts»

Seit zwei Jahren ist T. nun wieder in Freiheit, auch seine Bewährungszeit ist vorbei. Gefährlich sei er nicht mehr: «Ich habe gelernt, mit meinen Gefühlen umzugehen. Zudem kenne ich Strategien, um Probleme konstruktiv anzugehen.» So könne er ein stabiles Leben führen.

Das gesellschaftliche Bedürfnis nach Sicherheit vor Straftätern wie ihm könne er nachvollziehen, so T. «Leute einfach für immer wegzusperren, bringt aber nichts», sagt er. Er ist überzeugt: «Bei schweren Straftaten geht die grössere Gefahr von Ersttätern aus.» Zudem sei es schwierig, das Rückfallrisiko allgemein festzulegen: «Effektives Risiko kann man nicht statistisch abbilden.» Man könne es aber durch Unterstützung der einzelnen Personen verringern.

«Sperrt man präventiv weg – oder überlegt man sich, wie man das Monitoring sinnvoll aufbauen kann?»: T. über die Einschätzung der Rückfallgefahr.

nk

Er möchte der Gesellschaft einen Einblick in solche Therapien geben und zeigen, was man damit erreichen könne, so T.: «Das Ziel ist die Wiedereingliederung. Denn wenn man Straftäter einfach isoliert, führt das sicher nicht zu einer Senkung der Rückfallgefahr.»

*Name der Redaktion bekannt

Deine Meinung