Aktualisiert 08.06.2012 15:56

KindsmisshandlungDie Kleinsten werden am meisten gequält

Häusliche Gewalt gegen Kinder hat in der Schweiz im vergangenen Jahr zugenommen. Für den Anstieg von fast 30 Prozent gibts mehrere Gründe.

Im vergangenen Jahr haben Schweizer Kinderkliniken insgesamt 1180 Fälle von Kindsmisshandlungen gezählt. Das sind 28 Prozent mehr als im Jahr 2010, wie die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie am Freitag mitteilte.

Der Anstieg ist teilweise mit der besseren Meldedisziplin der Kinderkliniken erklärbar: Von den insgesamt 27 Spitälern schickten im vergangenen Jahr 18 ihre Daten zur Auswertung an die Fachgruppe Kinderschutz der schweizerischen Kinderkliniken. Im Vorjahr hatten sich 15 Kinderkliniken beteiligt. Erfasst wurden alle Missbrauchsopfer bis zum Alter von 18 Jahren.

«Diverse Kliniken haben aber auch deutlich mehr Fälle zu verzeichnen gehabt als im Vorjahr», schreibt die Fachgruppe Kinderschutz. Am häufigsten wurden die Kinder wegen körperlicher Misshandlung (347 Fälle) und Vernachlässigung (335) ins Spital eingeliefert.

Fälle von sexueller Misshandlung meldeten die Spitäler 291 Mal, psychische Misshandlungen stellten sie in 202 Fällen fest. Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom wurde fünf Mal verzeichnet. Dabei erfindet zum Beispiel die Mutter eine Krankheit für ihr Kind, um eine medizinische Behandlung zu erreichen. Diese subtile Form der Kindsmisshandlung kann bis zum Tod des Kindes führen.

Kleinste besonders bedroht

Am meisten zu leiden haben die Kleinsten: Mit 250 Fällen waren die Kinder im ersten Lebensjahr am häufigsten von Kindsmisshandlung betroffen. 602 Kinder oder 59 Prozent waren zum Zeitpunkt der Misshandlung zwischen 0 und 6 Jahre alt.

Im Gegensatz zum Vorjahr waren 2011 die Knaben mehr betroffen als die Mädchen. 54 Prozent aller gemeldeten Misshandlungen betrafen Buben. Einzig beim sexuellen Missbrauch ist das Verhältnis deutlich anders: 73 Prozent der sexuellen Missbrauchsopfer waren Mädchen.

Gefährliche Verwandtschaft

Am gefährlichsten für die Kinder sind Familienmitglieder. In 77,6 Prozent oder bei 916 Fällen kamen die Täter aus der eigenen Verwandtschaft. In 12,7 Prozent der Fälle wurden die Kinder von Bekannten missbraucht; nur in 9,5 Prozent der Fälle waren die Täter unbekannt oder Fremde.

542 Mal verzeichneten die Kinderspitäler männliche Täter, 335 Mal weibliche. In 219 Fällen wurden männliche und weibliche Täter registriert - das seien meistens die Eltern, heisst es in der Statistik. In rund zehn Prozent der Fälle wurden die Kinder von ebenfalls Minderjährigen missbraucht.

Nicht immer Konsequenzen

Die festgestellten Missbrauchsfälle haben nicht zwingend Konsequenzen: Bei rund der Hälfte der Fälle seien vormundschaftliche Massnahmen eingeleitet worden, heisst es in der Statistik. In jedem sechsten Fall wurden die mutmasslichen Täter bei der Polizei angezeigt.

Die Statistik wurde in dieser Form zum dritten Mal in Folge erstellt. Insgesamt beteiligten sich 66 Prozent der Schweizer Kinderspitäler. Da vor allem kleinere Kinderabteilungen keine Missbrauchsfälle gemeldet hätten, erfasse die Kinderschutzfall- Statistik einen «ganz grossen Teil» der Missbrauchsfälle, schreibt die Fachgruppe Kinderschutz. (sda)

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