Christliche Sex-Sekte : «Die körperliche Liebe war lange ein Hauptbestandteil der Praxis»

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Christliche Sex-Sekte «Die körperliche Liebe war lange ein Hauptbestandteil der Praxis»

Ein ehemaliges «Children of God»-Mitglied erhebt schwere Vorwürfe gegen die Sekte. Ein Experte beantwortet die wichtigsten Fragen. 

von
Tim Haag

Philip Seibel erzählt von seinen Erfahrungen mit der Sekte «Children of God».

Video: 20min/Michelle Ineichen/Tim Haag

Sie lebten in Kommunen und praktizierten freie Liebe: Mitglieder von «Children of God». Nun packt ein ehemaliges Mitglied aus und erhebt schwere Vorwürfe. Philip Seibel (41) aus Bern spricht von Gewalt und sexuellen Misshandlungen, die er als Kind erlebte. Religions- und Sektenexperte Georg Otto Schmid ordnet ein.  

Herr Schmid, was steckt hinter «Children of God»?

«Children of God» ist der ursprüngliche Name der Sekte, die sich heute «The Family International» (TFI) nennt. Gegründet wurde die Sekte 1968 von David Berg in Kalifornien. Die offiziellen Ziele der Vereinigung sind die weltweite Evangelisation, die Gründung von Gemeinschaften, die «in brüderlicher Liebe» leben, die christliche Erziehung der Kinder und die Verkündigung der ab dem Jahre 1989 vorgesehenen «Endzeit». Bei diesem Weltuntergangsszenario werden nach Überzeugung der Anhänger nur die Mitglieder der «Familie» überleben. Ursprünglich kamen viele Mitglieder aus der Hippie-Szene. Die Gruppe wuchs schnell und breitete sich in anderen Ländern aus, wo «Kolonien» gegründet wurden. Seit Bergs Tod im Jahr 1994 wird die Sekte von seiner Witwe Karen Zerby geführt.

Welche Rolle spielt Sex?

Die körperliche Liebe war lange ein Hauptbestandteil der Praxis. Gründer David Berg und seine Gefolgschaft interpretierten den biblischen Satz «Liebe deinen Nächsten» als «Habe Sex mit deinen Nächsten». Wer den Sex mit einer anderen Person ablehnte, wurde nicht selten dafür bestraft. Frauen boten sich zudem zum «flirty fishing» an, also Prostitution, durch die Männer in die Sekte gelockt werden sollten.

Kam es zu sexuellen Misshandlungen von Kindern? 

Bis in die späten 80er-Jahre wurden sexuelle Misshandlungen von Kindern geduldet und sogar gefördert. Berg rechtfertigte diese Praxis mit der Begründung, dass Adam und Eva selbst erst wenige Tage alt waren, als sie erstmals sexuellen Kontakte hatten. Erst nach Bergs Tod wurde ein Schutzalter von 15 Jahren eingeführt, wobei sexuelle Handlungen zwischen Kindern und Jugendlichen weiter geduldet wurden. Der Kernglaube der freien Sexualität unter Erwachsenen wird heute noch immer vertreten, wobei potenzielle Misshandlungsdelikte von den Behörden zumindest in Europa viel hartnäckiger untersucht werden. 

Wie verbreitet ist die Sekte? 

In den 2000er-Jahren gab es jedoch auch eine Schweizer Kolonie, die rund 40 Mitglieder zählte. Heute halten sich in  der Schweiz wohl nur noch eine Handvoll verteilte Mitglieder auf. Weltweit hatte die Sekte auf ihrem Höhepunkt um 1990 rund 9000 Anhänger, wobei 6000 davon minderjährig waren. Über aktuelle Zahlen lässt sich nur spekulieren. Denn heute ist die Struktur der Organisation sehr viel loser geworden. Die Kolonien, in denen Bergs Anhänger früher ihr Leben verbrachten, gibt es nicht mehr. Ebenso wird auch kein Homeschooling mehr praktiziert. Die Kinder besuchen heute öffentliche Schulen und dürfen später auch in «weltlichen» Jobs arbeiten. 

Wie problematisch ist die Sekte heute?

Die Sekte hat sich schon mehrmals neu erfunden und auch schon mehrmals radikalisiert und entradikalisiert. Es lässt sich also nicht mit Sicherheit sagen, dass die Organisation diese lose Form beibehält – die Chancen auf ein grosses Comeback der Sekte sind aber eher tief.  

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Laut Sektenexperte ist «Children of God» der ursprüngliche Name der Sekte, die sich heute «The Family International» nennt. 

Laut Sektenexperte ist «Children of God» der ursprüngliche Name der Sekte, die sich heute «The Family International» nennt. 

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«Ich bin in der Sekte aufgewachsen. Gewalt stand an der Tagesordnung. Meine Eltern haben mich sexuell misshandelt, geschlagen und ausgepeitscht», sagt Philip Seibel (41) aus Bern.

«Ich bin in der Sekte aufgewachsen. Gewalt stand an der Tagesordnung. Meine Eltern haben mich sexuell misshandelt, geschlagen und ausgepeitscht», sagt Philip Seibel (41) aus Bern.

20min/MIE

Verjährung bei Sexualdelikten an Kindern

«Ich bin in der Sekte Children of God› aufgewachsen. Gewalt stand an der Tagesordnung. Meine Eltern haben mich sexuell misshandelt, geschlagen und ausgepeitscht», sagt Philip Seibel (41) aus Bern. Als Kind habe er in permanenter Angst gelebt: «Bestraft wurde man, wenn man den Glauben anzweifelte oder zu etwas Nein sagte.» Eine Schulausbildung sei den Kindern verweigert worden, stattdessen hätten sie auf der Strasse betteln müssen. Das Schlimmste für ihn sei die «freie Liebe» gewesen, die die Mitglieder auch mit Minderjährigen praktizierten. Mit 15 Jahren sei ihm der Ausstieg gelungen. Dass seine Eltern strafrechtlich nie belangt wurden, belaste ihn sehr: «Ich wollte sie vor zwei Jahren anzeigen, doch die Taten sind verjährt. Für Betroffene ist das ein Schlag ins Gesicht. Solche Taten dürfen niemals verjähren.» Laut Rechtsanwältin Julia Hofstetter dauert die derzeit geltende Verfolgungsverjährung bei sexuellen Handlungen mit Kindern, die sich gegen ein Kind unter 16 Jahren richten in jedem Fall mindestens bis zum vollendeten 25. Lebensjahr der Betroffenen, wenn die Straftat vor dem Inkrafttreten der Änderung vom 5. Oktober 2001 begangen worden ist und die Verfolgungsverjährung zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingetreten ist. Nicht verjähren können seit dem 1. Januar 2013 sexuelle Handlungen mit Kindern unter 12 Jahren.

Bist du minderjährig und von sexualisierter Gewalt betroffen? Oder kennst du ein Kind, das sexualisierte Gewalt erlebt?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Kokon, Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene

Castagna, Beratungsstelle bei sexueller Gewalt im Kindes- und Jugendalter

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Bist du selbst pädophil und möchtest nicht straffällig werden? Hilfe erhältst du bei Forio und bei den UPK Basel.

Wirst du oder wird jemand, den du kennst, von einer Glaubensgemeinschaft unter Druck gesetzt?

Hier findest du Hilfe:

Infosekta, Fachstelle für Sektenfragen, Tel. 044 454 80 80

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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