Jean Zieglers neues Buch: «Die Konzerne richten über Leben und Tod»

Aktualisiert

Jean Zieglers neues Buch«Die Konzerne richten über Leben und Tod»

Er hält den Welthunger für ein Massaker und bezeichnet die Schweiz als Massenmord-Komplizin: Jean Ziegler über sein neues Buch, die Rolle der Schweizer Banken und die Unfähigkeit der UNO.

von
Sandro Spaeth
Jean Ziegler: Er entsorgt ungern abgelaufene Joghurts aus seinem Kühlschrank.

Jean Ziegler: Er entsorgt ungern abgelaufene Joghurts aus seinem Kühlschrank.

Herr Ziegler, Sie geben den Hungernden dieser Welt eine Stimme. Wann haben Sie letztmals Lebensmittel weggeworfen?

Jean Ziegler: Hin und wieder passiert es, dass ich von meinen Reisen zurückkomme und abgelaufene Joghurts im Kühlschrank habe. Sie zu entsorgen tut mir weh. Skandalös aber ist, dass in einer Stadt wie Genf ein Viertel der gekauften Lebensmittel weggeworfen wird.

Dieser Tage erscheint Ihr Buch «Wir lassen sie verhungern». Im Untertitel sprechen Sie von der «Massenvernichtung in der dritten Welt». Braucht es diese Kriegsrhetorik?

Das Buch ist eine Waffe, das die Leute mit klaren Worten aufrütteln will. Es soll den Aufstand des Gewissens fördern. Die weltweit dominierenden Nahrungsmittelkonzerne sagen, es sei niemand für die Hungersnöte verantwortlich und schieben die Schuld aufs Klima und die ungenügende Produktion. Das ist einfach nur falsch, doch die Leute glauben diese Lüge.

Sie schreiben, alle fünf Sekunden verhungere ein Kind unter zehn Jahren, obwohl die Erde genügend Nahrung für alle bieten würde. Wo liegt das Hauptproblem?

Die Hungertoten sind Opfer einer kannibalischen Weltordnung. Die Landwirtschaft könnte laut Uno-Organisation FAO zwölf Milliarden Menschen ernähren. Das Problem ist, dass 1,2 Milliarden Menschen nicht genug Geld haben, um die aufgrund von Spekulation gestiegenen Reis- oder Maispreise zu bezahlen. Zudem beherrschen zehn internationale Konzerne 85 Prozent des Nahrungsmittelhandels. Sie entscheiden, wer lebt und wer stirbt.

Eine sehr polemische Aussage...

Nein, das ist nicht polemisch. Das Buch ist mein Erlebnisbericht aus der Zeit als erster Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Jetzt kann ich endlich frei reden und die Halunken benennen.

Wirklich Schuld am Hunger sind laut Ihrem Buch Hedgefonds und Grossbanken. Sind Schweizer Institute mitschuldig?

Schweizer Grossbanken sind genau so schlimm wie die amerikanischen und die deutschen. Nach der Finanzkrise sind sie alle ins Geschäft mit Nahrungsmittelspekulation eingestiegen und machen astronomische Gewinne. Was mich wütend macht: Meine Stadt Genf ist wegen Steuererleichterungen zur Welthauptstadt der Rohstoffspekulanten geworden.

Das ist kein gutes Zeugnis für die linksgrüne Genfer Regierung.

Genf und die Schweiz machen sich zu Komplizen im Massenmord. Hierzulande kann die Bevölkerung die spekulationsbedingten Preisanstiege verkraften, doch in den Slums von Karachi oder Lima sterben die Kinder. Nahrungsmittelspekulanten gehören vor ein Nürnberger Gericht wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Sie beschuldigen auch Nestlé – nur nicht namentlich. Sie schrieben lediglich von einem Konzern, dem die Kontrolle übers Wasser unterliege. Haben Sie Angst vor dem Giganten?

Ich hatte schon neun Prozesse am Hals wegen meines Buches «Die Schweiz wäscht weisser» und wurde zu über 6 Millionen Franken Schadenersatz verurteilt. Derzeit konzentriere ich mich auf die Grossbanken, weil im öffentlichen Bewusstsein endlich deren kriminelle Aktivitäten wahrgenommen werden. Das gilt es zu vertiefen.

Was halten Sie von Nestlés Strategie, weltweit Wasserrechte zusammenzukaufen?

Diese Privatisierung von Wasser ist unannehmbar. Das Recht auf Wasser ist ein Menschenrecht, genauso wie das Recht auf Nahrung. Der Verkauf von Wasserrechten führt zu höheren Preisen. Den Ärmsten dieser Welt bleibt nur noch verschmutztes Wasser, was zu Cholera und Typhus führt. Wasserprivatisierung ist ein Delikt.

Haben Sie schon einmal persönlich mit Nestlé-Chef Peter Brabeck über die Problematik gesprochen?

Nein. Er ist, wie ich gehört habe, ein kluger, kultivierter Mensch. Es hätte aber keinen Sinn mit ihm zu sprechen und Vorschläge zu machen. Es geht um strukturelle Gewalt. Wenn es dem Nestlé-Präsidenten nicht jedes Jahr gelingt den Aktienkurs zu steigern, ist er weg. Selbst wenn Brabeck etwas machen wollte, könnte er nicht. Das ist im Kapitalismus einfach so.

Die Nahrungsmittelkonzerne argumentieren, man müsse den Hunger mit mehr Produktivität bekämpfen.

Dort liegt nicht das Problem. Es herrscht Überfluss auf jedem Sektor. Das Problem ist der Nichtzugang der Ärmsten 1,2 Milliarden Menschen dieser Erde. Ein weiteres Problem sind die Agrartreibstoffe. Es ist ein Verbrechen, auf einem Planeten mit so vielen Hungertoten Hunderte von Millionen Tonnen Mais als Biodiesel zu verbrennen.

Welche Rolle spielt die Korruption?

Internationale Konzerne kaufen derzeit massenweise Landreserven auf – letztes Jahr allein in Afrika 41 Millionen Hektaren. Diese gigantischen Käufe des «grünen Goldes» wären ohne Korruption unmöglich.

Die Unicef hat am Donnerstag bekanntgegeben, dass sich die Kindersterblichkeit in den letzten 20 Jahren halbiert hat. Eine Art von Entwarnung?

Das ist Schönfärberei. Proportional zu Gesamtweltbevölkerung gab es zwar Fortschritte, in absoluten Zahlen ist die Tragödie aber so schlimm wie eh und je.

Die UNO hat das Ziel, die Zahl der Hungernden bis 2015 um die Hälfte zu verringern, was kaum gelingen wird. Ist die UNO machtlos oder unfähig?

Die UNO ist total machtlos. Ihr Generalsekretär Ban Ki Moon ist ein farbloser Söldner der Amerikaner. Die Vereinten Nationen sind in einem bedauernswerten Zustand, sie sind eine jämmerliche Weltmacht.

Sie fahren der Organisation, der sie angehören, massiv an den Karren!

Man muss das aussprechen. Schauen sie nur nach Syrien, man sieht es überall: Die UNO ist unfähig die Spekulanten und die Landräuber in die Schranken zu weisen und die Produktion von Agrartreibstoffen zu stoppen. Die Konzerne sind stärker als die Staaten. Die UNO ist eine Organisation von Staaten.

Am Ende des Buches schreiben Sie: «Es wäre so absurd wie vergeblich, von Agrarkonzernen oder Spekulanten zu erwarten, dass ihnen das Gewissen schlägt.» Das tönt resigniert ...

Nein, eben nicht. Man muss diesen Halunken eine demokratische Gegenmacht entgegenstellen. Es hat keinen Sinn zu warten, bis deren Gewissen erwacht. Die Hoffnung besteht darin, die Zivilgesellschaft wachzurütteln und die Nahrungsmittelspekulation auf dem Gesetzesweg einzudämmen. Ich habe Hoffnung, denn es gibt keine Ohnmacht in der Demokratie.

Sind während ihrer Amtszeit als Uno-Sonderberichterstatter immer wieder in von Hungersnöten heimgesuchte Gebiete gereist. Hat sie das abgestumpft?

Die Hungersnöte verlieren nie an Schrecken. Es ist immer unerträglich, unterernährte Menschen zu sehen, vor allem Kinder. Diese Bilder vergisst man nie. Sie verfolgen mich noch heute als Albträume. Ich habe mir das Buch sozusagen von der Seele geschrieben.

Zieglers Bekannte: Che Guevara und Jean-Paul Sartre

Der Genfer Soziologieprofessor Jean Ziegler (78) hat sich durch seine Bücher als Radikalkritiker des globalisierten Finanzkapitalismus einen Namen gemacht. Mehrere davon wurden internationale Bestseller: «Das Imperium der Schande», «Der Hass auf den Westen», «Die Lebenden und der Tod».

Gaddhafi-Regime, was ihm starke Kritik einbrachte. (sas)

Jean Zieglers neustes Buch «Wir lassen Sie verhungern» erscheint im Bertelsmann Verlag und ist ab Mitte September 2012 im Schweizer Buchhandel erhältlich. Originalausgabe «Destruction massiv. Géopolitique de la faim», Editions du Seuil, 2011.

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