Stimmrechtsalter 16 – «Die Krise hat gezeigt, wie wichtig politisches Mitbestimmen für Junge ist»

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Stimmrechtsalter 16«Die Krise hat gezeigt, wie wichtig politisches Mitbestimmen für Junge ist»

Der Nationalrat will bereits 16-Jährige an die Urne gehen lassen. Politologe Lukas Golder ordnet ein, wie klug das ist.

von
Bettina Zanni
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Der Nationalrat machte am Mittwoch den Weg frei für das Stimmrechtsalter 16. 

Der Nationalrat machte am Mittwoch den Weg frei für das Stimmrechtsalter 16. 

Screenshot Twitter
«Wenn Junge auf die Strasse gehen, ist es ein Ausdruck politischer Ohnmacht», sagt Politologe Lukas Golder.

«Wenn Junge auf die Strasse gehen, ist es ein Ausdruck politischer Ohnmacht», sagt Politologe Lukas Golder.

20min/Simon Glauser
«Viele 16-Jährige interessieren sich für Politik», so Golder.

«Viele 16-Jährige interessieren sich für Politik», so Golder.

GFS Bern

Darum gehts

  • Der Nationalrat sagte Ja zum Stimmrechtsalter 16. 

  • «Viele 16-Jährige interessieren sich für Politik», sagt Politologe Lukas Golder.

  • Um über Gesetze abstimmen zu können, müsse man nicht alles über Politik wissen und über jede Vorlage top informiert sein, so Golder.  

Herr Golder, der Nationalrat sprach sich am Mittwoch für das Stimmrechtsalter 16 aus. Wie beurteilen Sie diesen Entscheid?
Ältere Leute stimmen fleissiger ab als jüngere. Deshalb herrscht bei den Abstimmungen ein Übergewicht. Die Corona-Krise hat gezeigt, wie wichtig politisches Mitbestimmen auch für Junge ist. Unter 18-Jährige litten unter den Massnahmen besonders, weil ihr Freiraum eingeschränkt war, konnten aber nicht an der Abstimmung über das Covid-19-Gesetz teilnehmen.

An Demos konnten sie aber teilnehmen.
Wenn Junge auf die Strasse gehen, ist es ein Ausdruck politischer Ohnmacht. Das sieht man auch bei der Klimajugend.

Sind 16-Jährige reif genug, um über Gesetze abzustimmen?
Viele 16-Jährige interessieren sich für Politik. Um darüber abstimmen zu können, muss man nicht alles über Politik wissen und über jede Vorlage top informiert sein. Auch die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger sind bei weitem nicht perfekt aufgeklärt, wenn sie ihr Stimmcouvert einwerfen. Wird das Stimmrechtsalter tatsächlich eingeführt, erhöht dies aber den Druck, die politische Bildung in der Schule zu verbessern.

Ein 16-Jähriger könnte dann über das Transplantationsgesetz abstimmen, aber noch nicht selber einen Lehrvertrag unterzeichnen. Macht das Sinn?
Das Konzept der Mündigkeit steht in einem Widerspruch – das kann man nicht wegdiskutieren. In der Realität übernehmen 16-Jährige aber schon viel Verantwortung. Etwa die Entscheidung für eine Lehrstelle stellt für ihre Zukunft wichtige Weichen.

Denken 16-Jährige bei einer Abstimmung mehr an die Zukunft als 60-Jährige?
Häufig lassen sich die Stimmbürgerinnen und -bürger von bestimmten Interessen beeinflussen. So könnte man den Eltern einer 16-Jährigen etwa vorwerfen, dass diese bei Abstimmungen stärker auf das eigene Portemonnaie schauen als auf gesamtgesellschaftliche Notwendigkeiten der Veränderung.

Welche Chancen geben Sie dem Stimmrechtsalter 16?
Die Senkung des Mindestalters ist mutig und signalisiert, dass der Wille für eine echt gelebte Demokratie da ist. Diese geht davon aus, dass die Macht bei der Bevölkerung liegt. Zuerst muss aber noch der Ständerat darüber befinden. Dort rechne ich mit viel Widerstand – auch, weil der Nationalrat nur knapp dafür gestimmt hat. Und das letzte Wort hat ohnehin das Volk. Es bleibt spannend.

*Lukas Golder ist Politologe und Co-Leiter des Forschungsinstituts GFS Bern.

*Lukas Golder ist Politologe und Co-Leiter des Forschungsinstituts GFS Bern.

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