Infektionen: Die Krux mit der Zecken-Impfung
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InfektionenDie Krux mit der Zecken-Impfung

Gegen die von Zecken übertragene FSME kann man sich immunisieren lassen - nicht aber gegen die Lyme-Borreliose. Warum das so ist, erklärt ein Experte für Zecken-Erkrankungen.

von
Runa Reinecke

Norbert Satz ist Facharzt für Innere Medizin und Spezialist für von Zecken übertragene Infektionen. Im Gespräch mit 20 Minuten Online erklärt der Experte, wie sich derartige Krankheiten äussern und warum es (noch) keinen Impfschutz gegen die heimtückische Lyme-Borreliose gibt.

20 Minuten Online:

Wie lässt sich eine durch Zecken übertragene Krankheit feststellen?

Norbert Satz:

Bei der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) geschieht das mit Hilfe einer Blutuntersuchung. Auch durch eine Analyse des Nervenwassers (Liqor), das Gehirn und Rückenmark umgibt, kann die Erkrankung nachgewiesen werden.

Und bei der Lyme-Borreliose?

Das ist deutlich komplizierter, weil man sich der Diagnose über das Ausschliessen anderer Krankheiten, die ebenfalls infrage kommen könnten, nähern muss.

Wie macht sich die Lyme-Borreliose bemerkbar?

Im Gegensatz zur FSME kommt die Lyme-Borreliose deutlich häufiger vor. Sie zeigt sich bei etwa 20 bis 30 Prozent der Betroffenen mit einer Wanderröte, einem roten Fleck rund um die Einstichstelle. Die Symptome der Lyme-Borreliose sind oft unspezifisch. In ihrem Verlauf kann es zu einer Hirn- oder Hirnhautentzündung kommen. Darüber hinaus sind Lähmungen oder andere neurofunktionelle Störungen möglich, die auch intellektuelle Ausfälle provozieren können.

Gibt es typische FSME-Symptome?

Nein, die gibt es nicht. Anfänglich äussert sich die Frühsommer-Meningoenzephalitis (Entzündung von Gehirn und Hirnhäuten) mit grippeartigen Symptomen wie Kopfschmerzen. Typischerweise treten auch Fieber und Erbrechen auf.

Warum ist die FSME-Impfung wichtig? Schliesslich kommt die Lyme-Borreliose – wie Sie selbst sagen - viel häufiger vor ...

Borreliose-Patienten können mit Antibiotika behandelt werden, während es zur Behandlung der FSME keine Medikamente gibt. Ausserdem entwickeln nur etwa vier Prozent der mit Borrelien Infizierten eine Lyme-Borreliose. Von diesen vier Prozent erleidet nur etwa ein Zehntel einen schweren Krankheitsverlauf.

Ist die FSME-Impfung zuverlässig?

Ja, sie bietet einen Schutz von nahezu hundert Prozent. Der Impfschutz ist aber erst dann gewährleistet, wenn man sich zwei Mal in einem Abstand von 14 Tagen immunisieren lässt. Er schützt in etwa ein Jahr. Eine dritte Spritze innerhalb eines Jahres schützt zehn Jahre vor FSME.

Muss man nach dem Impfen mit Nachwirkungen rechnen?

Sie sind lokal und geringer als bei einer Grippe-Impfung.

Beschrieben sind leichte Schmerzen im Arm oder Symptome, die etwa bei einer Grippe auftreten. Wenn sie überhaupt auftreten, dann zeigen sich diese Symptome nur sehr schwach.

Warum können wir uns nicht gegen Borreliose impfen lassen?

In den USA gab es einen Impfstoff – doch die Nachfrage war zu gering. Er wurde zurückgezogen, weil er wirtschaftlich nicht rentierte. Ursächlich dafür waren Nebenwirkungen, die mit dem Impfstoff in Verbindung gebracht wurden. Diese liessen sich aber nicht eindeutig auf das Vakzin zurückführen (siehe Info-Box).

Wann können wir mit einem Impfstoff für Europa rechnen?

Während in den USA nur ein Erreger aktiv ist, sind es in Europa gleich mehrere. Die Entwicklung eines solchen Vakzins ist deshalb noch komplexer. Aus diesem Grund wird es bei uns in absehbarer Zeit keinen Impfstoff gegen Borreliose geben.

Zeckenalarm

(Video: Keystone)

Hickhack um Borreliose-Impfstoff:

Während in Europa unterschiedliche Borreliose-Bakterien aktiv sind, müssen sich die US-Amerikaner nur vor einem Erreger der Lyme-Borreliose fürchten. Gegen dieses Bakterium entwickelten Forscher des deutschen Max-Planck-Instituts in Zusammenarbeit mit der Universität Heidelberg einen Impfstoff mit besonders cleverem Wirkungsmechanismus: Der eigentliche Schutz gegen das Bakterium wird erst nach dem Stich der Spinnentierchen in Gang gesetzt: «Saugt die Zecke das Blut eines Geimpften, bekämpft ein Eiweiss-Stoff das Bakterium im Darm der Zecke. Auf diese Weise wird die Infektion verhindert», erklärt Professor Markus Simon auf Anfrage von 20 Minuten Online den Prozess. Simon war mit seiner Forschungsgruppe vom Freiburger Max-Planck-Institut massgeblich an der Entwicklung des Vakzins beteiligt.

Nach zehn Jahren Forschung und Tests an rund 10 000 Probanden wurde der Impfstoff 1998 von der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zugelassen. Nur vier Jahre später nahm der Pharmakonzern Glaxo-Smithkline das Medikament wegen zu geringer Umsätze vom Markt. Wie welt.de berichtete, wurden dem US-Center for Disease Control 170 Gelenkentzündungen gemeldet, die angeblich nach der Impfung mit dem Borreliose-Vakzin aufgetreten seien. Es folgte eine Klagewelle - die Nachfrage nach dem Impfstoff sank rapide. Glaxo-Smithkline und die FDA bekräftigen nach wie vor, der vom Markt genommene Impfstoff sei sicher.

Noch gibt es offiziell keine Hinweise auf die Markteinführung eines neuen Impfstoffs. Dennoch ist Wissenschaftler Simon überzeugt: «Auf der Basis unseres Impfstoffs wird zurzeit an einem für Europa tauglichen Vakzin geforscht. Ich denke aber, es wird noch ein paar Jahre dauern, bis er bei uns erhältlich sein wird.»

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