Aktualisiert 22.02.2015 13:29

Die längste Reise meines Lebens

34 Stunden Stunden dauert die Zugfahrt von Tamil Nadu in den Norden Indiens. Viel Zeit für interessante Begegnungen und lange Gespräche.

von
David Torcasso
22.2.2015
Der Zug steht noch still im Bahnhof. Danach ist er mit über 2000 Menschen gefüllt und fährt auf geraden und langen Strecken auch ziemlich rasch durch die Landschaft.

Der Zug steht noch still im Bahnhof. Danach ist er mit über 2000 Menschen gefüllt und fährt auf geraden und langen Strecken auch ziemlich rasch durch die Landschaft.

D. Torcasso
Die fliegenden Händler im Zug verkaufen alles, was der Magen begehrt - von Reis mit Dal über Gemüse und Brot bis hin zu Süssigkeiten und Snacks. Ich muss aufpassen, dass ich nicht alles im Angebot esse. Ansonsten platzt mir der Magen.

Die fliegenden Händler im Zug verkaufen alles, was der Magen begehrt - von Reis mit Dal über Gemüse und Brot bis hin zu Süssigkeiten und Snacks. Ich muss aufpassen, dass ich nicht alles im Angebot esse. Ansonsten platzt mir der Magen.

D. Torcasso
Der Ingenieur und seine Frau haben sich für etwas Herzhaftes entschieden.

Der Ingenieur und seine Frau haben sich für etwas Herzhaftes entschieden.

D. Torcasso

Offen sein, keine Vorurteile haben und die ganze Zementierung meiner westlichen Vorurteile im Kopf zerschlagen. Ein bewährtes Rezept für all meine Reisen, aber nicht immer einfach. Mein Sitznachbar wirft kurz nach Madurai seinen Pappteller aus dem Fenster. Völlig selbstverständlich. Für mich unverständlich. Er ertappt mich, wie ich ihn ungläubig anstarre. Doch anstatt betreten wegzuschauen, lächelt er, deutet auf meinen Pappteller und zeigt mit einer Handbewegung auf das offene, vergitterte Fenster. «No», sage ich, wedle mit dem Zeigefinger und lächle ebenfalls. Er grinst, stellt sich vor. Den Namen kann ich mir natürlich nicht merken. Dann meldet sich der Mann neben uns mit Brille. Priester sei er. Kein Hindi-Priester, ein christlicher. Rund 8 Prozent der indischen Bevölkerung ist christlich, 13 Prozent muslimisch, die anderen sind hinduistischen Glaubens. Woher ich komme, fragt er.

«Du bist auch ohne Familie in Ordnung»

«Switzerland!». Er nickt und wackelt mit dem Kopf. Das indische Nicken. Doch ich spüre, dass er keine Ahnung hat, wo die Schweiz liegt. Wieso sollte er? Die Distanz Genf nach Zürich erscheint im Hinblick auf meine Reise in Indien wie die Distanz Erde zum Mond. Ich befinde mich auf der längsten Reise meines Lebens. Die Fahrt in den Norden, nach Raipur in Chhattisgarh dauert voraussichtlich 34 Stunden! 2500 Kilometer im Zug. Ich bin zwar schon mal nach Australien geflogen. Das dauerte auch lange, aber nicht einen Tag, eine Nacht und einen Tag. Zudem hatte ich Business Class. Im indischen Zug ist mein Bett eine schmale Pritsche, die klebrig vom Dreck ist. Halb so schlimm. Meine beste Freundin hat mir einen Seidenschlafsack mitgegeben.

Der Priester fragt, ob ich Kinder habe. Ich verneine. Er fragt, ob ich verheiratet sei. Ich verneine. Schliesslich kapituliert er und fragt, wie alt ich überhaupt sei. Ich verrate ihm mein Alter. Er schaut ungläubig. Aber nicht etwa, weil er mich jünger geschätzt hat, sondern weil ich noch keine Familie habe. Mit knapp dreissig Jahren. Der Ingenieur übersetzt meine stammelnden Erklärungen: «Ähm, in Europa heiratet man später. Die Zeit ist noch nicht reif für Kinder. Ich hatte aber auch schon Freundinnen.» Freundinnen, lacht der Priester. Das habe man nicht. In Indien hat man eine Frau. Freundinnen seien verboten. Bei mir schleicht sich das schlechte Gewissen ein. Dann legt er mir den Arm um die Schulter: «Du bist auch ohne Familie total in Ordnung.» Sagt es und schenkt mir ein aufrichtiges Lachen. Dann frage ich den Ingenieur, ob er und seine Freundin Kinder hätten. «Freundin? Du meinst meine Frau», grinst er. Wieder reingefallen.

Freut mich, Mister Manchmal

So geht das weiter. Stundenlang erörtern wir die kulturellen Unterschiede von Indien und Europa. «Was arbeitest du, magst du das indische Essen, bist du katholisch, warum hast du keinen Führerschein, warum hast du eine Katzenallergie, warum hast du keine Geschwister, weshalb hast du ein Tattoo?» Dabei lachen wir sehr viel. So viel wie ich auf all den Zugfahrten in Europa zusammen nicht gelacht habe. Schliesslich nennen sie mich Mr. Sometimes, Herr Manchmal. Weil ich manchmal in die Kirche gehe, weil ich manchmal schon eine Freundin hatte und weil ich manchmal vielleicht heiraten möchte.

Am meisten lachen meine Sitznachbarn, als ich ihnen mittels Pantomime vorspiele, wie sich eine Zugfahrt in Europa abspielt: Die Menschen belegen den Nebensitz mit ihrer Handtasche, schauen aus dem Fenster oder spielen mit dem iPhone. Geredet wird selten bis nie. In Indien unvorstellbar: Hier sitzen vier bis sechs Personen (die Kinder nicht mitgezählt) nebeneinander, einige stehen fünf Stunden lang, das Gepäck liegt quer im Gang verstreut, der Boden ist mit Müll übersät. Ein Wunder, dass nicht noch eine Kuh zur Tür hinein kommt. Nur die Ventilatoren drehen ruhig ihre Runden. Einige würden durchdrehen hier drin. Der Ingenieur meint, für ihn seien die Zugfahrten Weiterbildung: «Ich habe deine europäische Kultur ein Stück besser kennengelernt, habe als Hindi mit einem Christen gesprochen.»

David Torcasso ist Autor, Mediencoach und Blogger. Er besitzt keinen Führerschein, dafür aber ein Flugmeilen-Konto. Nach seinem Journalismus-Studium an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW arbeitete er für Tages-Anzeiger und 20 Minuten, danach als freiberuflicher Journalist für Das Magazin, NZZ, Die Zeit oder Monocle. David pendelt zwischen Zürich und Berlin. Zurzeit weilt er in Bhopal, Indien, wo er seinen Zivildienst bei der Entwicklungsorganisation Ekta Parishad absolviert.

Auf seinem Blog Dal-by-Dal und auf 20 Minuten berichtet er von seinen Erlebnissen.

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