Tepco überfordert: «Die Lage in Fukushima ist katastrophal»
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Tepco überfordert«Die Lage in Fukushima ist katastrophal»

Der Nuklearfachmann Mycle Schneider sieht in der Fukushima-Atomruine eine Riesengefahr für Japans Bevölkerung. Nötig sei jetzt eine internationale Taskforce, sagt er.

von
sut
Luftbild der Nuklearanlage von Fukushima mit den vier schwer beschädigten Atomreaktoren (Foto vom August 2013).

Luftbild der Nuklearanlage von Fukushima mit den vier schwer beschädigten Atomreaktoren (Foto vom August 2013).

Nach starken Regenfällen über das Wochenende hat sich die Lage in dem havarierten Nuklearkomplex von Fukushima zugespitzt. Mehr als zehn Auffangbecken für radioaktiv strahlendes Wasser seien überlaufen, teilte der Betreiberkonzern Tepco am Montag mit. In vielen Fällen läge die Strahlungsintensität über den zugelassenen Grenzwerten.

Die Hiobsbotschaften aus Japan verdeutlichen, dass die Probleme in und um Fukushima von einer Lösung weiter entfernt sind denn je. Nach Meinung des deutschen Nuklearexperten Mycle Schneider sind die Behörden und die Betreiberfirma überfordert. In einem Interview mit den «Deutschen Wirtschafts Nachrichten» sagt Schneider: « Die Lage in und um den Standort in Fukushima ist katastrophal.»

Zu wenig Kontrolle und Aufsicht

Das grösste Problem ortet der Fachmann, der einen jährlichen Bericht über den weltweiten Stand der Nuklearenergie herausgibt, in der mangelnden Kontrolle des Betreiberkonzerns Tepco durch die japanische Regierung und die Aufsichtbehörde. Tepco könne «allein herumwursteln», sagt Schneider. Dabei sei der Konzern «ein Unternehmen, das Strom produziert und verkauft, kein Spezialist für Aufräumarbeiten in einer hochkontaminierten Desasterzone.»

Der Experte ruft in Erinnerung, dass in Fukushima etwa das Dreifache der in Tschernobyl freigesetzten Menge von Radioaktivität ausgewaschen worden sei. In Kellergebäuden, in unbehandelten Schlämmen und Filtern befänden sich über 400'000 Kubikmeter kontaminiertes Wassers. Dies zu entsorgen, sei eine «nie dagewesene Herausforderung», sagt Schneider. «Ich verspreche Ihnen, dass das Thema zukünftig für Kopfzerbrechen sorgen wird.»

Einfrieren funktioniert nicht

Die Menge des strahlenden Wassers nimmt ständig zu. «Zur Zeit braucht Tepco alle zweieinhalb Tage einen neuen 1000 Kubikmeter fassenden Tank.» Den Vorschlag, den Boden rund um das Kraftwerk mit Kühlelementen einzufrieren, damit das Wasser nicht versickert oder wegfliesst, hält Schneider für unpraktikabel. «Langfristig muss man zweifellos Wasser entweder verdunsten oder ins Meer ablassen müssen. Das darf aber nur unter strengsten Auflagen und Kontrollen passieren», sagt er. Die Kontaminationswerte müssten unterhalb der Grenzen liegen, die für Reaktoren im Normalbetrieb gälten.

Hoch gefährlich sei insbesondere der vierte Meiler von Fukushima, erklärt Schneider. Dieser Reaktor sei zum Zeitpunkt des Tsunami nicht in Betrieb gewesen, weshalb sich der gesamte Kern in einem Abklingbecken oberhalb des Reaktors befunden habe. «Deshalb ist dort das radioaktive Inventar so gross wie in den anderen drei Abklingbecken zusammen. Auch ist das Gebäude in katastrophalem Zustand und die Entladung dort besonders dringend – und gefährlich. Das Becken ist überschüttet mit Gebäudeteilen, Staub und anderen Explosionsüberresten.»

Angst der Europäer «grotesk»

Gefahren für die Menschen sieht Schneider in erster Linie in Japan. Er sagt: «Ich finde es grotesk, dass sich die Sorgen vieler Menschen in Nordamerika und Europa in dieser Situation vor allem um den eigenen Bauchnabel drehen.» Dabei bestehe schon heute ein erhöhtes kollektives Strahlenrisiko in Japan. «Die Nahrungsmittelsicherheit ist nicht garantiert; allgemeines Misstrauen regiert das Land.»

Nach Meinung des Fachmanns ist jetzt eine kollektive Grossanstrengung nötig. «Es bedarf einer Internationalen Task Force Fukushima (ITFF), die die besten Fachleute in den Schlüsselbereichen zusammenzieht und Zugang zu einem breiten internationalen Netzwerk hat.» Nach seiner Vorstellung soll die ITFF von einer japanisch-internationalen Doppelspitze gemanagt werden und Empfehlungen für kurz-, mittel- sowie langfristige Strategien entwickeln. Doch dürften sich die örtlichen Politiker nicht dahinter verstecken, warnt Schneider. «Die Verantwortung würde selbstverständlich bei den japanischen Institutionen bleiben.»

Mycle Schneider wurde 1959 in Köln geboren. Er ist Energie- und Atomexperte und berät Politiker, Institutionen und Nichtregierungsorganisationen. Von 1998 bis 2003 war er Berater für das französische Umwelt- und das belgische Energieministerium. Nach 2000 arbeitete er zehn Jahre auch für das deutsche Umweltministerium. Schneider gibt jährlich den unabhängigen World Nuclear Industry Status Report heraus. 1997 erhielt er zusammen mit Jinzaburo Takagi den «Right Livelihood Award» (Alternativer Nobelpreis).

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