«Time-Out» mit Klaus Zaugg: Die langsamste Mannschaft Europas
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«Time-Out» mit Klaus ZauggDie langsamste Mannschaft Europas

Wenn Sie eine Chance haben, ein Spiel der Lakers zu sehen - fahren Sie hin. Sie erleben eines der faszinierendsten taktischen Experimente der Gegenwart und sehen die langsamste Mannschaft Europas.

von
Klaus Zaugg

Wer etwas wagt, kann alles gewinnen: Wie Trainer Arrigo Sacchi, der mit einem einzigartigen Offensivspektakel in den 1980er-Jahren den in der Defensive erstarrten italienischen Fussball aufmischte, erneuerte und Triumphe feierte.

Lakers-Trainer John Slettvoll (65) ist ein Pendant zu Arrigo Sacchi: Auch er macht alles anders. Er versucht mit einem bizzaren Beton- und Standhockey unsere Spektakel- und Tempoliga zu revolutionieren. Lugano hat er so im Februar 2008 bereits in die Playouts versenkt. Jetzt ist er auch mit den Lakers auf gutem Wege dorthin.

Warum? John Slettvoll hat einst in Lugano mit seinen Trainingsmethoden in den 1980er-Jahren unser Hockey revolutioniert. Mit dem «Grande Lugano» gewann er 1986, 1987, 1988 und 1990 die Meisterschaft. Dabei gelang ihm das (fast) perfekte Eishockey: Mit einer der nominell besten Mannschaften der Liga kontrollierte er das Spiel mit einem perfekten Defensivsystem. Bis diese taktische Herrlichkeit von den «Big Bad Bears» des SC Bern zusammengerumpelt und der Mythos John Slettvoll vom ZSC unter Arno Del Curto 1992 in einer der grössten Playoff-Sensationen aller Zeiten für alle Zeiten «zerstört» wurde.

Was mit den Besten des Landes in Lugano fast sieben Jahre lang möglich war, geht nicht mit mittelmässigen Spielern. Nach Lugano ist John Slettvoll mit seinen Methoden als Klubtrainer nur noch gescheitert. Und heute sind die Stürmer der vierten Linie schneller als einst bei Slettvolls «Grande Lugano» jene des ersten Blockes. Seit Einführung von «Null Toleranz» erst recht.

Dieseltraktoren in der Formel 1

Nun hat der Schwede bei den Lakers ein weiteres Mal die taktischen Methoden, die vor 20 Jahren beim «Grande Lugano» funktionierten, aus der Mottenkiste hervorgeholt. Es ist wie der Versuch, mit Dieseltraktoren ein Formel 1-Rennen zu fahren.

Die Fans bekamen am letzten Dienstag in Biel deshalb ein kurioses und kurzweiliges Spiel zu sehen: Die Lakers verstanden es meisterhaft, das Tempo aus dem Spiel zu nehmen und Dynamik und Schwung verebbten mehr und mehr. Bis alles still stand: Die Lakers sind so die langsamste und langweiligste Mannschaft in Europas höchsten Ligen. Biels Verteidiger-Saurier Martin Steinegger (er wird am 15. Februar 38) sagte nach dem 5:1 Sieg über die Lakers, das Handtuch noch um den Hals mit einem leisen Lächeln zu 20 Minuten Online: «Ja, es stimmt: Heute hatte nicht einmal ich ein Problem mit dem Tempo.»

Und doch sind die Lakers so nicht chancenlos: Biel siegte, weil es gerade noch gelungen war, zwei Tore vorzulegen, bevor allenthalben auf Standgas umgestellt wurde und die Dynamik erlosch - und dieser Vorsprung aus der Startphase sollte schliesslich Rettung, Sieg und Vorrücken auf Platz 10 bedeuten.

Eine Mannschaft, die mehr von ihren Emotionen als von spielerischer Klasse lebt wie der EHC Biel ist stark gefährdet, in die «Schlaf-Falle» der Lakers zu tappen, das Tempo zu verlieren und sich der schläfrigen Spielweise anzupassen. Nach einer guten Viertelstunde hatten die Lakers in Biel das Ziel erreicht: Sie hatten den Gegner auf ihr tiefes Niveau heruntergezogen und von nun an war lange Zeit wieder alles offen. Eishockey ist auf allen Stufen ein Spiel, das auch von Fehlern lebt. Die schläfrig gewordenen Bieler machten immer mehr Fehler. Ein besserer Gegner als die Lakers hätte diese Fehler im zweiten Drittel zur Wende ausgenützt. Der Auswärtssieg der Lakers nach Verlängerung in Fribourg ist so gesehen durchaus logisch: Gelingt es, Emotionen und Tempo rauszunehmen, ist gerade gegen das leidenschaftliche Gottéron alles möglich.

Die Abstände am Strich sind immer noch gering: Fribourg hat bloss drei Punkte Vorsprung auf die Lakers. Biel liegt vier und Langnau sechs Zähler zurück. Theoretisch ist alles offen. Aber in Tat und Wahrheit spricht (zu) vieles dafür, dass der Strichkampf gelaufen ist. Doch so, wie die Armen gelernt haben, auch ohne Musik zu tanzen, so hoffen die Lakers, die Bieler und die Langnauer ohne realistische Chance auf die Playoffs.

«Sie sind ein A****loch»

Und was sagt nun John Slettvoll zu meiner Analyse? Er hält mit seiner Meinung nicht zurück und sagte mir, umringt von ein paar Reporter-Kollegen: «Sie sind ein A****loch, eine Katastrophe und der dümmste Journalist in diesem Land.» Starker Tobak. Aber so ist John und ich danke den Hockeygöttern, dass ich nicht ein Spieler in seiner Mannschaft geworden bin. Denn dann wäre er mein Chef. Schlichter und Schiedsrichter brauchten wir im alten Bieler Eisstadion an diesem kalten Dienstagabend sowieso keinen: Die letzte Wahrheit stand oben auf dem Videowürfel: Biel - Lakers 5:1.

Dann haben wir uns noch eine Weile über Gott und die Welt unterhalten und uns zum Abschied die Hand gereicht. Denn das nordamerikanische Prinzip versteht John Slettvoll, einer der geistreichsten Hockey-Zyniker unserer Tage, studierter Pädagoge und einst Lehrer für schwererziehbare Kinder (aber nicht für schwer erziehbare Schreiberlinge) noch besser als andere: «We are here to entertain you.»

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