Zeitzeugen: Die letzten Menschen aus dem 19. Jahrhundert
Aktualisiert

ZeitzeugenDie letzten Menschen aus dem 19. Jahrhundert

Als die Titanic unterging, waren sie bereits Teenager: Die zwei Frauen, die als die beiden letzten Menschen weltweit ihren Geburtstag im 19. Jahrhundert haben.

1 / 4
Emma Morano aus Verbania (I), die hier ein Porträt von sich aus jüngeren Jahren betrachtet, gehört zusammen mit Susannah Mushatt Jones zu den letzten beiden Menschen, die das 19. Jahrhundert noch erlebten.

Emma Morano aus Verbania (I), die hier ein Porträt von sich aus jüngeren Jahren betrachtet, gehört zusammen mit Susannah Mushatt Jones zu den letzten beiden Menschen, die das 19. Jahrhundert noch erlebten.

AP/Antonio Calanni
Ihr Arzt Carlo Bava nennt sie ein medizinisches und wissenschaftliches Phänomen.

Ihr Arzt Carlo Bava nennt sie ein medizinisches und wissenschaftliches Phänomen.

AP/Antonio Calanni
In Brooklyn lebt Susannah Mushatt Jones. Ihre Nichte Lois Judge glaubt, die 115-Jährige habe ihr langes Leben ihrer Liebe zu ihrer Familie und ihrer Grosszügigkeit gegenüber anderen zu verdanken.

In Brooklyn lebt Susannah Mushatt Jones. Ihre Nichte Lois Judge glaubt, die 115-Jährige habe ihr langes Leben ihrer Liebe zu ihrer Familie und ihrer Grosszügigkeit gegenüber anderen zu verdanken.

AP/Richard Drew

Das Penizillin war noch nicht entdeckt und Elektrizität eine Neuheit: Als Susannah Mushatt Jones und Emma Morano 1899 geboren wurden, sah die Welt ganz anders aus als heute. Erst vier Jahre nach ihrer Geburt hob erstmals ein Flugzeug ab. Die beiden erlebten die Zerstörungskraft von zwei Weltkriegen, den Aufstieg und Fall der Faschisten, die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki, die ersten Polio-Impfungen, den ersten Menschen auf dem Mond und schliesslich den ersten schwarzen Präsidenten der USA. Die beiden Frauen sind 115 Jahre alt und gelten als die letzten Menschen auf der Erde, die noch im 19. Jahrhundert geboren wurden.

Morano kam am 29. November 1899 in Italien auf die Welt und ist damit einige Monate jünger als ihre Altersgenossin aus Amerika. Sie lebt allein, seit sie ihren prügelnden Ehemann 1938 verliess. Heute wohnt sie in einer hübschen Einzimmerwohnung in Verbania im Norden des Landes. Das ganze Dorf kümmert sich um sie: Der Bürgermeister schenkte ihr einen Fernseher, ihre Nichte sieht zwei Mal am Tag nach ihr und ihr Arzt, der sie schon seit mehr als 25 Jahren behandelt, kommt ebenfalls regelmässig vorbei. Nicht, dass es nötig wäre, denn die alte Dame ist bei guter Gesundheit.

Sie schreibt ihr langes Leben ihrer ungewöhnlichen Ernährung zu. Drei rohe Eier isst sie jeden Tag, seit sie in ihrer Kindheit eher kränklich war. Heute sind es noch zwei Eier und 150 Gramm blutiges Steak, um eine Blutarmut zu verhindern. «Mein Vater brachte mich damals zum Arzt und der sagte: ‹So ein hübsches Mädchen. Wenn du zwei Tage später gekommen wärst, hätte ich dich nicht retten können.› Er sagte, ich solle zwei oder drei rohe Eier pro Tag essen, also habe ich zwei Eier pro Tag gegessen.»

Medizinisches Phänomen

Ihr aktueller Hausarzt Carlo Bava sieht aber auch eine genetische Komponente am Werk. «Aus streng medizinischer und wissenschaftlicher Sicht kann sie als Phänomen betrachtet werden», sagt er über seine Patientin. Morano nehme keine Medikamente ein und sei seit Jahren gesund. Moranos Schwester, die Bava ebenfalls behandelte, wurde 97 Jahre alt.

Gerontologen an der Universität von Mailand studieren Morano und einige andere Italiener, die mehr als 105 Jahre alt sind. Sie wollen dem Geheimnis ihres langen Lebens auf die Spur kommen. «Emma widerspricht allen Richtlinien für eine korrekte Ernährung: Sie hat immer gegessen, was sie wollte, und ihr Speiseplan wiederholt sich ständig», sagt Bava. «Jahrelang hat sie jeden Tag das Gleiche gegessen, nicht viel Obst oder Gemüse.»

Emma Morano in einem Video, das anlässlich ihres 111. Geburtstages aufgenommen wurde. (Video: Youtube/VerbaniaNews)

Ihr Arzt sieht noch andere Gründe für ihr langes Leben: ihre positive Einstellung und ihre Sturheit. Und auch wenn sie sich nur noch schwer bewegen kann, schlecht sieht und kaum noch hört, so ist sie dennoch offenbar auch nachts aktiv. «Ihre Nichte und ich lassen abends Kekse und Schokolade auf dem Küchentisch liegen», erzählt Bava. «Und morgens sind sie weg, was bedeutet, dass nachts jemand aufgestanden ist und sie gegessen hat.»

Seit 30 Jahren im Altersheim

In Brooklyn, New York, hat Susannah Mushatt Jones wie Morano viel Kontakt zu ihrer Familie, auch wenn sie seit mehr als drei Jahrzehnten in einer Senioren-Wohnanlage lebt. Jones folgt jeden Tag einer strikten Routine: Sie steht gegen 9 Uhr auf, nimmt ein Bad und frühstückt dann mehrere Scheiben Speck, Rührei und Maisgrütze.

Ihre Familie erzählt, sie verbringe ihre Tage damit, über ihr Leben nachzudenken und ihre verbleibende Zeit anzunehmen. Ihr Wohnzimmer ist dekoriert mit Familienfotos und Geburtstagskarten, die Kinder aus der Nachbarschaft für sie gebastelt haben.

Jones, die meist einen gelben Turban und ein Nachthemd trägt, blickt von ihrem Liegesessel auf ihre kleine Welt: Poster von früheren Geburtstagsfeiern, Briefe von Lokalpolitikern und sogar ein Gruss von US-Präsident Barack Obama. Auf einem Schild in der Küche steht «Speck macht alles besser».

Liebe und Grosszügigkeit

Als eines von elf Kindern wurde sie in Montgomery, Alabama, geboren. Dort schloss sie 1922 die Highschool ab und arbeitete danach in der Landwirtschaft. Ein Jahr hielt sie das aus, dann begann sie, als Kindermädchen zu arbeiten, zuerst in New Jersey, später in New York. «Sie liebte Kinder», erzählt ihre Nichte Lois Judge, auch wenn sie selbst keine bekommen habe und auch nur kurz verheiratet gewesen sei.

Ihre Angehörigen sagen, es gebe keinen medizinischen Grund für ihr langes Leben, nur die Liebe zu ihrer Familie und ihre Grosszügigkeit gegenüber anderen. Vielleicht ist es aber auch das Obst und das Gemüse, das Jones während ihrer Kindheit frisch vom Feld gegessen hat, vermutet die Nichte.

Heute kommt ein Arzt trotz ihres hohen Alters nur alle vier Monate vorbei. Jones nimmt Medikamente gegen Bluthochdruck und jeden Tag ein Multivitamin-Präparat. Abgesehen davon ist sie seit Jahren gesund. Vor 15 Jahren verlor sie ihr Augenlicht wegen des Grünen Stars und hören kann sie nicht mehr gut.

Nächste Woche wird Jones 116. Ihre Familie plant eine grosse Feier für sie.

Susannah Mushatt Jones erzählt, dass sie jeden Morgen Speck isst. (Video: Youtube/WebTV45)

Deine Meinung