Aktualisiert 24.05.2018 09:09

Pestizidverbot

«Die Leute beschimpfen mich als Gift-Bauer»

Der Widerstand gegen Pestizide wird immer grösser. Bauer Rolf Spahn findet, dass Landwirte zu Unrecht am Pranger stehen.

von
B. Zanni
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«Weil ich Pestizide einsetze, werde ich oft angefeindet oder sogar bedroht», sagt der Zürcher Weinbauer Rolf Spahn.

«Weil ich Pestizide einsetze, werde ich oft angefeindet oder sogar bedroht», sagt der Zürcher Weinbauer Rolf Spahn.

Privat
«Das Pestizid, das ich für meine Reben verwenden muss, nutze ich sehr kontrolliert und in der kleinstmöglichen Dosis.»

«Das Pestizid, das ich für meine Reben verwenden muss, nutze ich sehr kontrolliert und in der kleinstmöglichen Dosis.»

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Die IP-Kontrollen stellen laut Rolf Spahn sicher, dass sich jeder Bauer an die Vorschriften hält. Die Grenze für den Einsatz von Pestiziden liegt links und rechts der Rebstöcke bei 25 Zentimetern.

Die IP-Kontrollen stellen laut Rolf Spahn sicher, dass sich jeder Bauer an die Vorschriften hält. Die Grenze für den Einsatz von Pestiziden liegt links und rechts der Rebstöcke bei 25 Zentimetern.

Privat

Gleich zwei Initiativen setzen die Bauern zurzeit unter Druck. Im Januar wurde die «Initiative für sauberes Trinkwasser» eingereicht. Diese will Bauern beim Einsatz von Pestiziden die Direktzahlungen streichen. Zustande kam auch eine Initiative, die noch weitergeht und synthetische Pflanzenschutzmittel ganz verbieten will. Jetzt holt der Zürcher Weinbauer Rolf Spahn (53) zum Gegenschlag aus.

Herr Spahn, was stört Sie daran, dass viele Schweizer dem Einsatz von Giften in der Landwirtschaft einen Riegel schieben wollen?

Es ist gut, dass der Konsument unsere Produktion kritisch hinterfragt. Als Bauer werde ich inzwischen aber als Giftmischer der Nation abgestempelt. Weil ich Pestizide einsetze, werde ich oft angefeindet oder sogar bedroht.

Welche Reaktionen erhalten Sie?

Ich muss meine Reben regelmässig mit einem Fungizid gegen Meltau spritzen. Bei der Arbeit auf dem Rebberg beschimpfen mich Passanten deswegen oft oder man zeigt mir den Stinkefinger. Ein Foto auf meiner Homepage, das mich mit dem Traktor bei der Arbeit in den Rebbergen zeigt, entfernte ich. Im Gästebuch beschimpften mich deswegen viele Leute als Gift-Bauer. Ich erhalte auch immer wieder Drohbriefe, weil wir Bauern ja dafür verantwortlich sind, dass alle Tiere und auch die Menschen sterben.

Werden Pestizide Ihrer Meinung nach zu Unrecht verteufelt?

Jein. Inzwischen sind wir aber so weit, dass wir Bauern dargestellt werden, als durchtränkten wir unsere Äcker mit Giften. Das Pestizid, das ich für meine Reben verwenden muss, nutze ich sehr kontrolliert und in der kleinstmöglichen Dosis. Auf 200 Liter Wasser kommen 1,2 Liter des Pestizids. Das reicht für eine ganze Hektare aus! Wir wurden extra ausgebildet und halten uns an die Gebrauchsanweisung, die auf 10 Liter Wasser 1,5 bis 2 Deziliter Pestizide erlaubt. Die IP-Kontrollen stellen sicher, dass sich jeder Bauer an die Vorschriften hält. Im Landi oder in der Migros kann aber jeder ohne Problem Glyphosat einkaufen. So kann jemand mit diesen Massen auch nur 25 Quadratmeter spritzen.

Das heisst?

Stellen Sie sich mal vor: Mit dieser Menge spritze ich zehn Aren ab – und nicht das Rosenbeet wie der Hobbygärtner mit der Giesskanne, der sich dazu noch Naturfreund schimpft. Und niemand sagt etwas, wenn der Nachbar zum Gift greift, um zum Beispiel seine Buchsbäume vom Buchsbaumzünsler zu verschonen. Dabei vergiften sie damit jeden Spatz, der eine Raupe des Buchsbaumzünslers gefressen hat. Aber es ist für die Leute halt schöner, bloss auf den Bauern herumzuhacken. Wir Bauern sind zu den Prügelknaben der Nation geworden. Weil das Pestizid derart in Verruf geraten ist, werden wir für jedes Umweltproblem verantwortlich gemacht: Wegen uns sind die Vögel am Aussterben und wegen uns gibt es bald keine Insekten mehr.

Macht Ihnen das Bienen- und Vogelsterben keine Sorgen?

Doch, sehr sogar. Auf meinem Hof sorge ich mit Ökowiesen und Blütenstreifen dafür, dass die Insekten gute Bedingungen haben. Wildbienen können auch in Holzbeigen nisten und Hornissen in einem hohlen Baum. Die Vögel füttere ich im Winter und im Sommer. Hochstammbäume, Büsche und ein kleiner Wald bieten bei mir auf dem Hof viele Nistplätze für Vögel. Die Insekten und Vögel sterben nicht, weil sie sich bei uns vergiften oder keine Lebensräume mehr finden. Dafür sind vielmehr die Industrie und die Autos verantwortlich.

Der Präsident des Schweizer Bauernverbands rechnet bei einem Pestizidverbot mit einem Produktionsrückgang von 30 Prozent. Laut den Befürwortern kommt die Schweiz auch mit einem geringeren Angebot an Gemüse und Obst aus, zumal 20 bis 30 Prozent der Lebensmittel im Abfall landeten, bevor sie in den Laden kommen.

Auch für die vielen weggeworfenen Lebensmittel machen uns die Leute verantwortlich. Die Konsumenten sind aber diejenigen, die keine krummen Produkte wollen. Ich musste zusehen, wie mein Nachbar letzten Sommer 20 Aren Kohlrabi in den Sand setzen musste – für die Händler passten sie nicht in die EU-Norm.

Um das Image des bösen Giftbauern loszuwerden, könnten Sie ja auf Pestizide verzichten.

Wir müssen leider spritzen. Bekämpften wir das Unkraut nicht, hätten wir immer wieder Ernteausfälle und könnten nicht überleben, geschweige denn die Bevölkerung ernähren. Folglich müssten noch mehr Produkte importiert werden. Sicher ist, dass die Konsumenten dann mehr pestizidhaltige Produkte essen würden. Im Ausland sind die Kontrollen weniger strikt und der Spielraum ist grösser. In der EU darf man zum Beispiel Getreide spritzen. Aber selbst wenn alle Bauern auf Pestizide verzichten würden, sähe es in der Natur nicht besser aus.

Warum nicht?

Sind die Leute krank, nehmen sie auch Tabletten oder lassen sich eine Spritze geben. Wie viele Frauen nehmen die Antibabypille? Wie viele Leute nehmen pro Tag Dutzende Medikamente ein, um zu überleben? Die chemischen Rückstände landen alle in unserem Wasser. Ein Verbot der Antibabypille oder Medikamente wäre umweltfreundlicher als ein Pestizidverbot. Zudem kritisieren viele Leute den Einsatz von Pestiziden, stehen aber stundenlang vor dem Gotthard im Stau.

Ihrer Meinung nach leidet der Bauer unter einem schlechten Image. Sollte sich ein junger Landwirt besser einen anderen Job suchen?

Auf keinen Fall. Wenn die Lebensmittel irgendwann knapp werden, hat er plötzlich viele Freunde – alles Menschen, die Hunger und Durst haben.

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