Aktualisiert 18.05.2012 11:00

Spenden für Künstler«Die Leute rennen uns die Bude ein»

Mit der Crowdfunding-Plattform Kickstarter sammeln Spieleentwickler Millionen. Statt auf Investoren setzen kreative Köpfe auf den Goodwill der Fans. Eine Chance auch für Schweizer Gameentwickler.

von
jag
Auf der Schweizer Crowdfunding-Plattform wemakeit.ch suchen derzeit zwei Spiele nach Unterstützern, darunter das Spiel «Capsule» des ZHdK-Studenten Samuel Vonäsch.

Auf der Schweizer Crowdfunding-Plattform wemakeit.ch suchen derzeit zwei Spiele nach Unterstützern, darunter das Spiel «Capsule» des ZHdK-Studenten Samuel Vonäsch.

Derzeit überschlagen sich die Erfolgsmeldungen: Der Gameentwickler-Guru Tim Schafer nimmt via kickstarter.com über drei Millionen US-Dollar ein, um sein neustes Spiel «Double Fine Adventure» zu entwickeln – eigentlich hätten ihm 400 000 Dollar gereicht. Für das Actiongame «Wasteland 2» spenden Fans 2,9 Millionen Dollar, «Shadow Run Returns» schiesst mit 1,8 Millionen über die Ziellinie. Und «Leisure Suit Larry»-Erfinder Al Lowe nimmt für die Entwicklung des neusten «Larry»-Abenteuers statt der angepeilten 500 000 Dollar kurzerhand 650 000 Dollar ein – ebenfalls via Kickstarter.

Basisdemokratie als Erfolg

Das jüngste Heilsversprechen heisst Crowdfunding und bezeichnet die Finanzierung von Projekten mit Unterstützung der Masse.

Besonders erfolgreich sind momentan Spiele-Projekte: Statt zu grossen Spielpublishern à la Electronic Arts zu gehen, um Geld für die Entwicklung eines Spiels zu erhalten, setzen die Entwickler aufs Portemonnaie der Kleinen. Wenn möglichst viele Fans einen Beitrag zur Herstellung ihres Lieblingsspiels spenden, kommt genügend Cash zusammen, um das Game unabhängig von den mächtigen Häusern auf den Markt zu bringen.

Das basisdemokratische Prinzip ist einer der Hauptgründe für den Erfolg von Crowdsourcing. Da die grossen Publisher fast nur noch altbekannte Erfolgsrezepte à la «Call of Duty» oder «Fifa» setzen, statt in ungewöhnliche, aber auch riskantere Projekte investieren, müssen die kreativen Köpfe für ihre Ideen vermehrt neue Wege suchen. Sie finden sie bei den wahren Fans.

Für den Crowdfunding-Buzz gibt es jedoch einen weiteren Grund, wie Johannes Gees, Initiator der Schweizer Crowdfunding-Plattform wemakeit.ch (siehe Infokasten) weiss: «Immer mehr Produkte kommen in rein digitaler Form auf den Markt.» Da ihnen die Ästhetik und die Haptik einer Verpackung fehlt, wirken die Produkte unpersönlich und kalt. Viele Konsumenten vermissen den persönlichen Bezug zur Ware.

Neunzig Prozent für das Projekt

«Crowdfunding ermöglicht dagegen, Teil einer Geschichte zu werden. Man partizipiert an der Entwicklung des Produkts», führt Gees aus. Gefördert wird Crowdfunding zusätzlich durch das Wissen, dass das Geld zu neunzig Prozent bei den Entwicklern, Komponisten oder Autoren landet und nicht in diffusen Wertschöpfungsketten verschwindet. Lediglich zehn Prozent der Einnahmen liefern die Beschenkten für die Benutzung der Crowdfundingplattform sowie Kreditkartengebühren ab. Der Rest kann ins Projekt gesteckt werden.

Was nach leicht verdientem Cash klingt, entpuppt sich jedoch als Luftschloss, wenn nicht ins Fundament investiert wird. «Crowdfunding beginnt bei der eigenen Mutter», sagt Gees und nennt die vier «F» als Grundlage für Erfolg: Familie, Freunde, Fans und Fremde. «60 bis 70 Prozent des Geldes kommen aus dem engeren Umfeld», weiss Gees. Ohne die Pflege einer Fan-Basis liesse sich kaum ein Projekt realisieren. Deshalb seien Belohnungen fester Bestandteil von Crowdfunding - sei es, dass der Namen eines Spenders im Game genannt wird oder er von den Entwicklern zum Abendessen eingeladen wird.

Die Schweiz zieht mit

Crowdfunding ist auch in der Schweiz beliebt, wie Gees verdeutlicht: «Die Leute rennen uns die Bude ein.» Seit der Aufschaltung von wemakeit.ch Anfang Februar 2012 seien bereits 20 Projekte finanziert und total über 250 000 Franken an Zusagen gemacht worden. Während einzelne Unterstützer über 5000 Franken lockermachten, flössen pro Geldgeber durchschnittlich 120 Franken in ein Projekt. Vor allem für die Schweizer Gameentwicklerszene, die konstant unter monetärer Hungersnot leidet, dürfte Crowdfunding deshalb ein nützliches Tool zur Finanzierung werden. Zwei Games suchen auf wemakeit bereits Spender.

Auf Spendensuche: «Aerocity»

Quelle Vimeo

Auf Spendensuche: «Capsule»

Quelle: YouTube

Wemakeit.ch

Gegründet wurde die Schweizer Crowdfunding-Plattform wemakeit Anfang Februar 2012 von den zwei Künstlern Johannes Gees und Jürg Lehnis sowie der Kulturproduzentin Rea Eggli. Finanzielle Hilfe hat die Plattform zudem vom Migros Kulturprozent, der Pro Helvetia sowie der Ernst-Göhner-Stiftung erhalten. Gefördert werden kulturelle Projekte im Bereich Kunst, Bücher, Theater, Film, Musik und Games sowie Community-Projekte mit kulturellem Hintergrund. Kein Geld gesammelt werden kann hingegen für Charity-Projekte oder Firmengründungen. «Ziel ist es, zu einer Plattform zu werden, die neben dem Spenden dazu einlädt, nach Projekten zu forschen und neues zu entdecken», sagt wemakeit-Initator Johannes Gees.

www.wemakeit.ch

Der Fluss des Geldes

Wer bei einer Crowdfunding-Plattform spendet, gibt über Online-Gelddienste wie PayPal ein Zahlungsversprechen ab. Erreicht ein Projekt den zuvor angepeilten Gesamtbetrag, wird nach Abschluss der Spendeaktion der Betrag automatisch von den Kreditkarten der Spender abgezogen. Wird das Ziel verfehlt, fliesst hingegen kein Geld. In der Schweiz ist Crowdfunding von der herkömmlichen Investition zu unterscheiden: Spender erhalten keine Gewinnbeteiligung, werden jedoch mit Rewards von den Empfängern belohnt. In den USA ist seit neustem jedoch auch der Aktienverkauf mittels Crowdfunding erlaubt: Spender werden am Erfolg einer Firma oder eines Projekts beteiligt.

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