Drogenszene im Kocherpark : «Die Leute setzten sich ohne Scham ihren Schuss»
Aktualisiert

Drogenszene im Kocherpark «Die Leute setzten sich ohne Scham ihren Schuss»

Vor 25 Jahren wurde der Kocherpark geräumt und die offene Drogenszene in Bern damit aufgelöst. Diana Bühler (44), damals heroinabhängig, erzählt.

von
Simon Ulrich

Diana Bühler schildert die Verhältnisse im Kocherpark vor 25 Jahren.

«Habe ich noch Lippenstift an den Zähnen?», fragt mich Diana Bühler (44), ehe wir mit dem Video-Interview starten. Ich verneine. Bei Sonnenschein und milden Temperaturen sitzen wir im Kocherpark beim City West. Rund ein Jahr verkehrte sie hier in der offenen Drogenszene und spritzte sich Heroin, bis der Park am 31. März 1992 durch die Polizei geräumt wurde. Bühler war damals gerade einmal 19 Jahre alt.

Frau Bühler, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie heute im Kocherpark sitzen?

Es ist schön grün, ruhig, die Leute essen und trinken. Niemand konsumiert Drogen. Es ist kein Vergleich zu vor 25 Jahren. Aber klar: Da kommt einiges in mir hoch.

Wie sah es damals im Kocherpark aus?

Es herrschte ein einziges Getümmel, man kam vor lauter Menschen kaum in den Park hinein. Der Boden war mit Spritzen übersät und man musste aufpassen, wo man hintrat, geschweige denn sich hinsetzte. Die WCs waren ständig besetzt, weil Leute darin konsumierten. Wenn ich und meine Freunde Drogen gekauft hatten, entfernten wir uns in der Regel vom Gedränge, gingen zu den Rutschbahnen, wo wir unseren Schuss in Ruhe geniessen konnte.

Das klingt schrecklich. Wieso kamen Sie überhaupt hierher?

Es war der einzige Ort in Bern, an dem es Drogen zu kaufen gab. Vorherige Besammlungspunkte der Drögeler wie die Kleine Schanze wurden von der Polizei gesprengt. Da verlagerte sich die ganze Szene in den Kocherpark.

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Diana Bühler schlitterte als bereits 16-Jährige durch ihren damaligen Freund in die Drogenszene.

Diana Bühler schlitterte als bereits 16-Jährige durch ihren damaligen Freund in die Drogenszene.

SUL
Während rund einem Jahr konsumierte sie im Kocherpark Heroin – bis er 1992 von der Polizei geräumt wurde.

Während rund einem Jahr konsumierte sie im Kocherpark Heroin – bis er 1992 von der Polizei geräumt wurde.

SUL
Bild des Elends: Die Drogenszene im Kocherpark in Bern, aufgenommen Anfang 1992.

Bild des Elends: Die Drogenszene im Kocherpark in Bern, aufgenommen Anfang 1992.

Keystone/str

Welche Erinnerungen haben Sie besonders geprägt?

Viele Menschen setzten sich ohne Schamgefühl ihren Schuss. Es war ihnen egal, ob jemand dabei zusah oder nicht. Dieser offen ge­lebte, sichtbare Drogenkonsum war schon krass. Auch die Polizeikontrollen werde ich nicht mehr vergessen: Sobald die Beamten den Park betraten, ergriffen die Dealer schlagartig die Flucht und kletterten über die Mauern. Später kamen dann auch die Polizisten über die Mauern hinein.

Haben Sie Freunde verloren?

Ich sage es Ihnen ganz ehrlich: Von all den Personen, die ich vom Kocherpark her kannte, lebt heute noch eine einzige.

Wie war es für Sie, als der Park geräumt wurde und sich die offene Drogenszene auflöste?

Das war ein Riesentheater. Viele rebellierten dagegen, wollten die Schliessung nicht wahrhaben und kamen immer wieder zurück. Auch nach der Räumung durch die Polizei wurde noch eine Zeit lang gedealt, einfach nicht mehr im grossen Stil. Ich ging jeweils nur noch ganz kurz in den Park, um Heroin zu kaufen, und entfernte mich dann schnell wieder. Ich wollte ja nicht von der Polizei erwischt werden.

Wie sind Sie eigentlich in die Drogenszene hineingeraten?

Als ich mit 15 aus dem Untergymer kam, hatte ich einen zehn Jahre älteren Freund. Ich war zum ersten Mal richtig verliebt. Er war heroinabhängig und sagte mir immer wieder: Du kannst mir nicht helfen, von den harten Drogen wegzukommen, wenn du sie selbst nie probiert hast.

Sie wurden also ihm zuliebe zum Junkie?

Nicht ganz. Wir fuhren mit ein paar Freunden zusammen ans Simple-Minds-Konzert nach Zürich. Unterwegs hielten wir bei der offenen Drogenszene am Platzspitz. Ich hatte so etwas noch nie gesehen, wusste nicht, wie mir geschieht. Es war bereits dunkel, als mein Freund mich bat, ihm meinen Arm zu reichen. Ehe ich michs versah, hatte er mir eine Spritze in den Arm gestossen. Es war Heroin im Wert von 50 Franken. Dass ich das überlebt habe, grenzt an ein Wunder.

Und das Konzert?

Wir sind noch hingefahren, kamen allerdings zu spät. Mir gings hundeelend: Jeden Schluck Wasser, den ich zu mir nahm, musste ich wieder erbrechen. Ich dachte: Das kann es nun wirklich nicht sein, da ist ja nichts Schönes dabei. Aber mein Freund sagte nur: Du musst es eben zwei-, dreimal probieren, dann fühlst du dich dabei auch so gut wie ich. Später starb er an Aids.

Wie kamen Sie von Ihrer Heroinsucht wieder los?

Ich wurde bereits mit 20 das erste Mal schwanger. Das gab mir enorm viel Power, und mir war sofort klar, wofür ich mich entscheide. Ich sagte mir: Das ist ein Lebewesen, das von dir abhängig ist. Die Schwangerschaft war für mich das Ticket für den Ausstieg aus der Drogenszene.

Gabs keine Rückfälle?

Doch, ich bin zwischenzeitlich rückfällig geworden. Deshalb bekomme ich noch heute Methadon verabreicht, um auf der sicheren Seite zu stehen. So hält sich mein Verlangen nach Heroin in Grenzen, und ich fühle mich wohl in meinem Körper.

Wie hat sich die Berner Drogenszene gewandelt?

Sie ist heute viel kleiner und verzettelter als vor 25 Jahren. Das Dealen und Konsumieren hat sich ins Private, in die eigenen vier Wände, verlagert. Die Szene ist heute weitgehend unsichtbar.

Wie beurteilen Sie die heutige Drogenpolitik der Stadt Bern?

Es braucht dringend eine zweite Drogenanlaufstelle, damit die bisherige entlastet wird. Der Standort an der Hodlerstrasse ist zudem zu zentral. Man müsste die Anlaufstelle nach aussen verlegen, damit sich die Leute nicht so ausgestellt fühlen. Manchmal sehe ich ganze Schulklassen vorne dran. Das geht doch nicht.

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