Fernsehmoderatorin Alina Stiegler: «Die Leute werden aus Solidarität für die Ukraine stimmen, nicht aus Mitleid»
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Fernsehmoderatorin Alina Stiegler«Die Leute werden aus Solidarität für die Ukraine stimmen, nicht aus Mitleid»

Die deutsche TV-Moderatorin Alina Stiegler berichtet seit Jahren vom Eurovision Song Contest. Im Interview schätzt sie die Siegesaussichten der Ukraine ein und sagt, wieso sie sich im Final besonders auf Marius Bear freut.

von
Daniel Krähenbühl
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Die deutsche Fernsehmoderatorin Alina Stiegler berichtet seit Jahren vom ESC und ist selbst grosser Fan des Anlasses.

Die deutsche Fernsehmoderatorin Alina Stiegler berichtet seit Jahren vom ESC und ist selbst grosser Fan des Anlasses.

claudiatimmann.de
Das Kalush Orchestra aus der Ukraine steht mit seinem Lied «Stefania» im Finale.

Das Kalush Orchestra aus der Ukraine steht mit seinem Lied «Stefania» im Finale.

REUTERS
Bei den Wettbüros steht die Gruppe bereits als ESC-Sieger fest. 

Bei den Wettbüros steht die Gruppe bereits als ESC-Sieger fest. 

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Darum gehts

  • Der diesjährige Eurovision Song Contest steht in der Kritik, politisch und nicht neutral zu sein.

  • Obwohl der Anlass offiziell politisch neutral ist und auf der Bühne und im Publikum politische Gesten und Aussagen keinen Platz haben dürften, gilt die Ukraine bei vielen bereits als sicherer Sieger.

  • Seit Kriegsbeginn steht das Land in den Wettbüros auf Platz eins, trotz – laut Experten – bescheidener musikalischer Darbietung.

  • «In normalen Zeiten würde ich den Song nicht in der Top Ten sehen - jetzt spielt natürlich der Krieg hinein», sagt etwa Tom Glanzmann, Präsident des Eurovision Club Switzerland.

  • Die deutsche Reporterin und ESC-Expertin Alina Stiegler zur ESC-Kritik und den Siegesaussichten für die Ukraine.

Frau Stiegler, wie stehen die Siegeschancen der Ukraine?

Ich denke, es war bereits vor dem Halbfinale klar, dass es das Kalush Orchestra aus der Ukraine ins Finale schafft. Viele Fans, aber auch zahlreiche Kolleginnen und Kollegen rechnen fest damit, dass sie die diesjährige Ausgabe des ESC gewinnen werden. Die Chancen stehen also gut. Natürlich kann es immer Überraschungen geben – ich kann mir aber gut vorstellen, dass wir einen Sieg der Ukraine erleben werden.

Wird die Ukraine aus Mitleid vom Publikum anderer Länder Punkte erhalten?

Nein, nicht aus Mitleid – eher aus Solidarität. Vor allem in den ehemaligen sowjetischen Staaten, etwa aus dem Baltikum oder Polen, werden viele für die Ukraine anrufen. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass das Publikum auch anderer Länder Solidarität zeigen wird. Schliesslich ist man beim ESC eine grosse Familie: Der Contest wurde als kulturelles Lagerfeuer nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs gegründet. Dass nicht gerne gesehen wird, dass ein Land das andere überfällt, ist verständlich. Auch daher sieht man die Künstler – zumindest ausserhalb der Halle – etwa oft mit Ukraine-Fahnen.

Stört es die anderen Bands und Musiker nicht, wenn sie deswegen gegen die Ukraine verlieren?

Bestimmt würde sich jeder Teilnehmende über einen Sieg freuen. Allerdings glaube ich nicht, dass jemand den Finger hebt und Unfairness proklamiert. Natürlich wird viel Geld und Zeit in die Performance investiert, der Wettbewerbsgedanke ist allerdings ein anderer als etwa bei der Fussball-Weltmeisterschaft. Beim ESC geht es darum, in den anderen Ländern bekannt zu werden, die Musik zu präsentieren und die eigene Nation zu vertreten. Um die Freundschaften, die hier geschlossen werden und die Interaktion mit den Fans. Dass Zehntausende Leute auf vorher unbekannte Künstler aufmerksam werden – das ist der eigentliche Gewinn.

Andere Experten üben Kritik an der Aufführung und dem Lied der Ukraine und beschreiben ihn als eines Siegersongs nicht würdig. Was denken Sie dazu?

Da bin ich jetzt tatsächlich anderer Meinung: Ganz objektiv gesehen finde ich den Song extrem gut. Natürlich ist es immer auch Geschmackssache, aber der Crossover zwischen verschiedenen Musikstilen – Ethno, Pop, Folklore und Rap – ist sehr modern und kommt vor allem bei den Jungen gut an. Es ist eine Stilrichtung, die bereits in den vergangenen Jahren sehr gut für die Ukraine funktioniert hat. In den letzten Jahren hat die Ukraine sowieso sehr viele wahnsinnig gute Songs und Beiträge an den ESC gebracht. Nicht umsonst hat das Land 2016 den ESC gewonnen. Eine andere Frage ist, ob dieser Song auch 2018 Gewinnpotenzial hätte …

Hätte er das?

Das ist schwierig zu sagen. Damit ein Beitrag gewinnt, braucht es halt mehr als nur einen guten Song. Der Song der Ukraine trifft jetzt einfach total den Nerv der Zeit. Es geht darin nämlich um die Beziehung zur eigenen Mutter, darum, dass man immer wieder nach Hause kommt. Der Kriegt gibt dem Song eine sehr emotionale und natürlich auch politische Komponente. In der Ukraine ist das Lied zur Hymne aller betroffenen Mütter geworden, jede und jeder kennt den Songtext in- und auswendig. 

Sie haben die politische Komponente angesprochen. Wie politisch ist der ESC?

Der ESC ist immer politisch – obwohl er es natürlich versucht, nicht zu sein. So gibt es etwa die Regel, dass man mit Symbolen und Gesten sparsam umgehen sollte.  Aber seit Beginn des ESC gibt es vor allem während turbulenten Jahren immer wieder politische Statements oder Songs. Obwohl die ESC-Leitung versucht, die Balance zu halten, gelingt das nicht immer. Ich würde aber nicht sagen, dass dieser ESC politischer ist als andere, sondern die Zeiten, in denen wir leben, sind es. 

Auf welches Lied freuen Sie sich im Final nun besonders?

Ganz ehrlich: Am positivsten überrascht war ich bisher vom schweizerischen Beitrag. Als ich das ruhige Lied von Marius Bear zum ersten Mal hörte, war ich skeptisch, wie gut es an einen Ort wie den ESC passt. Doch als ich die Inszenierung sah, in der auch die Energie und Authentizität, die Marius auf die Bühne bringt, bemerkbar wird, war ich hin und weg. Man merkt: Das ist wirklich er. Das hat mir sehr gut gefallen und darauf freue ich mich im Final nochmals extrem.  

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