Aktualisiert 11.06.2008 19:03

Die Liebe zum Leben

Auf dem neuen Album «Viva la Vida» zeigen sich Coldplay von ihrer düsteren Seite. Doch man braucht sich keine Sorgen zu machen um die Band, beschwichtigt Schlagzeuger Will Champion.

von
Sarah Elena Schwerzmann

Ein Erfolgsrezept ist etwas Schönes. Besonders für den, der das Geheimnis kennt. Coldplay kennen die ominöse Formel bereits seit Beginn ihrer Karriere. Denn seit die vier Musiker 2000 ihr Debüt «Parachutes» veröffentlicht haben, steht ihnen die Welt offen. Sie räumen unzählige Preise ab, verkaufen Millionen von Platten, und es wird ihnen nachgesagt, sie hätten den anspruchsvollen Pop wieder in die Hitparaden zurückgebracht. Doch nachdem Coldplay ihre Nachfolgeplatten «A Rush of Blood to the Head» und «X&Y» nach ihrem Erfolgsrezept produziert hatten, stellte sich Langeweile ein. Und so beschäftigt sich die Band auf ihrem neuen Album «Viva la Vida or Death and All His Friends» in düsteren Texten mit dem Tod und zeichnet mit farbigen Harmonien einen Tribut ans Leben. Denn sowohl das Leben wie auch der Tod sind selten langweilig. Schlagzeuger Will Champion im Gespräch.

Will, das neue Album heisst «Viva la Vida or Death and All His Friends». Wandeln Sie jetzt auf den musikalischen Spuren von Latino Ricky Martin?

Will Champion: Um Himmels willen, nein (lacht)! Wir haben das Album erst nur «Viva la Vida» getauft, weil es eine Hommage an das Leben sein soll. Uns ist dann aber ziemlich schnell bewusst geworden, dass wir mit Ricky Martin in Verbindung gebracht werden, und das wollten wir auf keinen Fall. Chris hatte dann die Idee, dem Album noch einen zweiten Namen zu verpassen. Das hat er sich von William Shakespeare abgeschaut. Der hat seine Texten auch immer mit Doppelnamen versehen.

Das scheint nicht das Einzige gewesen zu sein, was er sich abgeguckt hat. Wie bei Shakespeare kreisen auch Chris Martins Texte auf diesem Album um den Tod.

Will Champion: Dieses Thema hat uns schon lange fasziniert. Denn der Tod ist das Einzige, das uns alle verbindet, egal ob arm oder reich. Er ist unausweichlich, das ist sicher. Es gibt also zwei verschiedene Arten, mit dieser Information umzugehen: Man kann sich vor dem Tod fürchten, oder man kann aus dem Hier und Jetzt das Beste machen.

Welche Option haben Sie gewählt?

Will Champion: Ich habe einige Menschen in meinem engsten Bekanntenkreis verloren, und das ist immer sehr brutal. Es ist so endgültig, und – egal wie man es dreht und wendet – es tut einfach schrecklich weh. Trotzdem versuche ich im Moment zu leben und das Leben zu geniessen.

Die Platte ist eine Hommage an das Leben. Trotzdem ist sie manchmal sehr düster. Das passt so gar nicht zu Coldplay ...

Will Champion: Wir machen jetzt schon ziemlich lange Musik, und nach der letzten Platte «X&Y» fingen wir langsam an, uns ab unserer Musik zu langweilen. Uns war klar: Es muss etwas geschehen. Wir wollten uns stilistisch wandeln und haben dafür ein paar musikalisch sehr mutige Entscheidungen treffen müssen.

Beim Namen Coldplay kommt vielen

Leuten als Erstes Sänger Chris Martin und seine Beziehung zu Gwyneth Paltrow in den Sinn. Nervt Sie das?

Will Champion: Na ja, bei Leuten, die sich in erster Linie für Klatsch und Tratsch interessieren, trifft dies durchaus zu. Das hat damit zu tun, dass es heute keinen Gemeinschaftssinn mehr gibt. Vor 15 Jahren hat man sich noch mit den Nachbarn am Gartenzaun getroffen und über alles Mögliche getratscht. Heute findet das im Internet statt, wo sich die ganze Welt reinklickt. Ich beneide die beiden gar nicht um diese Art von Aufmerksamkeit.

Und wie geht das Paar damit um?

Will Champion: Ich finde, sie machen das sehr gut. Sie versuchen der Presse so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten und lassen sich nie zusammen fotografieren. Manchmal tun sie mir aber auch leid. Wenn sie zum Beispiel mit den Kindern in den Urlaub fahren und der Journalisten-Meute nicht entfliehen können.

Gross

Kalkuliertes Selbstmitleid. Überproduzierter Bombast. Kitsch. Es gibt wohl keine Band, die mit so harten Vorurteilen zu kämpfen hat wie Coldplay. Die Zweifler werden auch an «Viva la Vida …» ihre Freude haben. Denn Chris Martin und seine Jungs scheren sich einen Dreck um all die Vorwürfe und tun wieder das, was sie am besten können: Die grössten Popsongs der Welt schreiben.

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