Winterthur: «Die Lösungen der Prüfung fand man auf dem WC»

Aktualisiert

Winterthur«Die Lösungen der Prüfung fand man auf dem WC»

An einer Berufsprüfung Ende Februar ist offenbar gespickt worden. Weil ein Teil nun wiederholt werden muss, haben Absolventen eine Anwältin engagiert.

von
Qendresa Llugiqi
1 / 2
Die Berufsprüfung wurde in den Eulachhallen in Winterthur durchgeführt. (Bild:  Symbolbild)

Die Berufsprüfung wurde in den Eulachhallen in Winterthur durchgeführt. (Bild: Symbolbild)

Eulachhallen Winterthur
Die Teilprüfungen müssen laut dem Schreiben der Prüfungskommission vom 1. März 2018 wiederholt werden.

Die Teilprüfungen müssen laut dem Schreiben der Prüfungskommission vom 1. März 2018 wiederholt werden.

Screenshot

Bei der diesjährigen eidgenössischen Diplomprüfung zum Immobilienbewirtschafter Ende Februar in Winterthur ist gegen das Prüfungsreglement verstossen worden. Ein Vorteil konnte sich verschaffen, wer während der Prüfung das stille Örtchen aufsuchte, wie Prüfungsteilnehmer berichten: «Am Ende des letzten Prüfungstages wurde uns durch den Präsidenten der Prüfungskommission offiziell mitgeteilt, dass auf der Toilette der Prüfungslokalität Lösungen gefunden worden seien und dieser Prüfungsteil eventuell nachgeholt werden müsse», so Stefan B.*

Thomas H.*, der den Prüfungssaal bereits verlassen hatte und zusammen mit anderen von einer Prüfungsaufsicht zurückgerufen wurde, bestätigt dies. «Die Person, die für diese Lösungen verantwortlich ist, wurde aufgefordert, sich zu melden. Ansonsten drohe eine Wiederholung.» Doch bis zur Deadline am nächsten Tag habe sich niemand gemeldet. Unklar ist also, wie die Lösungen auf die Toilette gelangen konnten: Gemäss Stefan B. handelte es sich bei den Lösungen gar um Musterlösungen, die nur der Prüfungskommission und dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) vorgelegen haben.

Die Ermittlungen der Polizei laufen

Klar ist, dass die Prüfungskommission die Polizei eingeschaltet hat. In einem Schreiben vom 1. März wurden die Prüfungskandidaten darüber informiert, dass besagter Teil im Juni nachgeholt werden müsse, da sich der Verdacht erhärtet habe. «Im Sinne der Fairness und Gleichbehandlung aller Kandidatinnen und Kandidaten und mit Blick auf die Reputation des Berufsstandes war diese unpopuläre Entscheidung leider unumgänglich», schreibt die Prüfungskommission.

Ihr Präsident Hanspeter Burkhalter weist darin den Verdacht zurück, dass Musterlösungen geleakt sind. Es gebe keinerlei Anhaltspunkte, dass «Musterlösungen vor oder während der Prüfung irgendwelchen Kandidaten beziehungsweise unbefugten Drittpersonen zur Verfügung gestanden haben». Weiter heisst es, dass derzeit keine näheren Angaben zum Ermittlungsstand und zu den bisher bekannten Unregelmässigkeiten kommuniziert werden könnten, da das polizeiliche Ermittlungsverfahren noch nicht abgeschlossen sei.

Prüfung muss wiederholt werden

Stefan B. ist wütend: «Der Brief steht in krassem Gegensatz zu den Aussagen, die vor Ort gemacht wurden.» Er sei überzeugt, dass man hier etwas vertuschen wolle: «Für mich entsteht der Eindruck, als wolle man mit allen Mitteln verhindern, dass jemand seitens der Prüfungskommission für das Herausgeben der Lösungen verantwortlich gemacht wird. Und dass es dann Klagen hagelt.»

«Ich kann diesen ungenügend begründeten Entscheid in dieser Art und Weise nicht akzeptieren», sagt auch Stefan B. Die Wiederholung der Prüfungen würde für ihn einiges auf den Kopf stellen. So bleibe er auf den Spesen für das Zugbillette und die Verpflegung sitzen. Auch müsse er einen freien Tag für den Wiederholungstermin beziehen. «Zusätzlich kann ich das eingeräumte Lohngespräch mit meinem Chef nun drei Monate nach hinten vertagen.»

Anwältin eingeschaltet

Dies treffe auch auf einige Mitstudenten zu , bestätig Thomas H. «Für uns ist dieses Vorgehen nur frustrierend und unverständlich. Es bedeutet, das wir wieder frei nehmen und wieder lernen müssen. Auch kommt niemand für unsere Fehlzeiten und Spesen auf.»

Zugleich würde die Wiederholung bedeuten, dass Personen, die an diesem Tag verhindert seien, ein Jahr lang warten müssten, so die beiden Absolventen. Stefan B.: «Und im Falle des Nichtbestehens der Prüfung kann dann nicht wie üblich im nächsten Jahr ein neuer Anlauf gestartet werden, sondern erst 2020.»

Mehrere Prüfungsteilnehmer haben nun die Anwältin Senta Cottinelli eingeschaltet, die auf Schulrecht spezialisiert ist. Diese sagt: «Ich habe Kenntnis von den Schreiben der Prüfungskommission. Das Vorgehen wirft einige juristische Fragen auf. Ich werde diesen konsequent nachgehen.»

* Namen geändert

Deine Meinung