U20-Nati: Die Logik eines Eishockey-Wunders
Aktualisiert

U20-NatiDie Logik eines Eishockey-Wunders

Die Eishockey-Junioren spielen in der Nacht auf Montag im WM-Halbfinal gegen Kanada. Das Erreichen der Runde der letzten Vier ist logisch. Denn die Schweiz macht vieles besser als grössere Eishockey-Nationen: Das sind die sieben Gründe.

von
Klaus Zaugg

Die Zahlen sprechen gegen die Schweizer. Wie (fast) immer, wenn es um internationale Vergleiche geht. Die Russen haben 60 000 registrierte Junioren, die Kanadier über 300 000. Die Schweizer knapp 14 000. Und doch siegten wir in einem Spiel, in dem es um «alles oder nichts» ging. Weil keine andere Eishockeynation aus ihrem Potenzial so viel heraus holt wie die Schweiz.

Die Halbfinal-Qualifikation ist ja keineswegs ein einsames Highlight. Seit 1997 erreichen unsere Nationalteams bei der U18- und U20-WM regelmässig Spitzenränge. 1997, 1998 und 2001 reichte es sogar zu Medaillen, 2001 an der U18-WM zur Finalqualifikation. Und fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat unser U18-Nationalteam in der Altjahrswoche ein Turnier mit den Slowaken, Finnen und Deutschen gewonnen.

Was machen die Schweizer besser?

Erstens gibt es in unserem Hockey eine bessere Balance zwischen Geld und Geist als in jedem anderen Eishockeyland. Will heissen: Der Verband (Swiss Ice Hockey), der die sportlichen Interessen vertritt (Nationalteams, Juniorenausbildung, Schiedsrichter) steht auf Augenhöhe mit den Kapitalisten der Liga (des bezahlten Hockeys). Der Einfluss des kommerziellen Hockeys ist bei uns bei weitem nicht so stark wie in Russland, Tschechien, Finnland oder gar Deutschland. Deshalb gelingt es in der Schweiz, hohe Standards bei der Ausbildung der Junioren durchzusetzen und zu finanzieren und den Spengler Cup als Marketing-Instrument zu erhalten.

Furchtlose Schweizer

Zweitens hat der Verband (Swiss Ice Hockey) früh die Bedeutung umfassender Ausbildungsprogramme erkannt (ähnlich wie im Fussball). Der heutige ZSC-Manager Peter Zahner hat als Verbandsdirektor Anfang der 1990er Jahre dieses Ausbildungsprogramm umgesetzt. Dessen Kernstück ist der intensive internationale Spielverkehr ab der Stufe U16. Wenn heute Spieler dem Juniorenalter entwachsen sind, haben sie meistens mehr als 100 Partien gegen die Grossen der Welt hinter sich. Was die Schweizer einst in Ehrfrucht erstarren liess - Spiele gegen Russen, Kanadier oder Schweden - ist längst Alltag geworden und Ralph Krueger sagt, der grösste Fortschritt des Schweizer Eishockeys sei es, dass es auf keiner Stufe mehr Angst gebe.

Junge haben in der National League A Platz

Drittens ist die höchste Liga mit zwölf Teams gemessen an der Basis relativ gross, was immer wieder dümmliche Forderungen nach einer Reduktion auf zehn oder gar acht Mannschaften provoziert. Dabei ist diese Ligagrösse ein Erfolgsgeheimnis: Es bleibt Platz für junge Spieler. Langnaus Benjamin Conz, der Held der U20-WM, hätte in einer Zehner-Liga nie eine Spielgelegenheit in der NLA bekommen und wäre jetzt nicht ein WM-Held. Zudem sind die Chancen auf einen «Arbeitsplatz» bei einer Zwölferliga recht hoch und damit die Motivation für einen Buben, eine Eishockeykarriere zu beginnen.

Viertens suchen die Schweizer seit Ende der 1990er Jahre immer mehr schon im Juniorenalter die internationale Herausforderung. Sechs Spieler des aktuellen U20-Nationalteams spielen in ausländischen Junioren-Ligen.

Fünftens hat die Schweiz eine hervorragende Infrastruktur für die Ausbildung von Junioren. Obwohl die Klagen über nicht mehr zeitgemässe Stadien berechtigt sind: Die Eisbahn-Dichte, die sportmedizinische Versorgung, das Angebot an Ausbildungsprogrammen auch in Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen sind in der Schweiz besser als in anderen Hockeynationen.

Eishockey-Karrieren sind finanziell möglich

Sechstens macht der relative Wohlstand in unserem Lande Eishockeykarrieren möglich. Eishockey ist eine teure Sportart, die Zahlen der Junioren gehen auch deshalb in fast allen Hockeynationen (auch bei uns) zurück. In der Schweiz haben die Eltern bessere Voraussetzungen als in vielen anderen Hockeynationen um ihren Kindern eine Hockeykarriere zu ermöglichen.

Siebtens beweist unser U20-Nationalteam gerade im Mutterland des Eishockeys eine der Grundregeln dieses Spiels: Die Nordamerikaner bezeichnen Eishockey als den letzten wahren Teamsport. Ist der Torhüter gut, dann kann ein taktisch gut eingestelltes, gut gecoachtes Team über viel bessere Einzelspieler triumphieren. Dies ist das Merkmal aller grossen internationalen Eishockeyerfolge, bei den Junioren und bei den Grossen. Schweizer Mannschaften siegen international durch Intelligenz, schlaue Taktik und Teamwork. Einzelspieler, die offensiv auf internationalem Niveau Spiele entscheiden können (sogenannte «game breakers») sind nach wie vor Ausnahmeerscheinungen. Nino Niederreiter ist eine dieser Ausnahmen. Er hat gegen die Russen den Ausgleich und den Siegestreffer erzielt. Niederreiter und Torhüter Benjamin Conz sind die beiden Einzelspieler, die einem starken Team die Krönung einer grossen Leistung gegen Russland ermöglicht haben.

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