Aktualisiert 11.01.2010 06:24

TV-Kritik Swiss Awards

Die Lotto-Show mit Gala-Anspruch

Die Swiss Awards werden seit 2003 vergeben. Trotz bewegender Momente fehlt der Show noch ein klares Konzept: Die Sendung präsentierte sich 2010 als Mix aus Lotto-Ziehung, feierlicher Preisverleihung und verspätetem Jahresrückblick.

von
Philipp Dahm

Weil es vor den Toren des Zürcher Hallenstadions bloss frostige minus vier Grad kalt war, versprach Sven Epiney auf dem roten Teppich zum Auftakt der Swiss Awards 2010 eine erwärmende Sendung. Ganz so heiss wurde dann jedoch nicht ferngesehen, wie versprochen wurde: Die Sendung hatte ihre Längen und Tiefen – und ihr fehlte die klare Linie: Hier bekommen die Zuschauer eine Gala, eine Lotto-Show und einen Jahresrückblick zu sehen. Drei Formate in einem? Das geht nun wirklich nicht.

Die Lotto-Show oder der Traum von der Enten-Aufzuchtstation

Lang wurde die Zeit vor allem bei der Ziehung der Nummern der sechs Millionenlose: Da darf dann eine Whitney Toyloy eine Treppe herunterlaufen, einen Button drücken und eine Maschine generierte die Gewinner-Zahlen, während die Glücksfee ihren Auftrag erfüllt hat.

Miss Schweiz Linda Fäh und Pendant André Rheitebuch kamen so auch zu einem Auftritt als Heilsbringer: Fünf Millionäre wurden auf diesem Weg gemacht.

Der sechste Millionär wurde aus einem Kreis von 50 anwesenden Losbesitzern live ermittelt: Mitten in der Show konnte Aussen-Reporter Epiney so bei Herrn und Frau Schweizer nachfragen, was denn sie so mit dem Geldgewinn machen würden. Nur: Macht das Sinnieren etwa über Reisen oder den Aufbau einer Enten-Aufzuchtstation Sinn, wenn hier doch eigentlich ein «wertvoller Preis» an Menschen vergeben werden soll, wie es in der Sendung heisst?

Zurück zum Bügellift

Auch die zwischendurch gezeigten Jahresrückblicke, die unter verschiedenen Themenblöcken zusammengefasst wurden, kommen Anfang Januar zu spät: Zu viel ist da in den Medien schon behandelt worden, zu wenig konnte da noch überraschen – mal abgesehen vom 75-jährigen Jubiläum des Bügelliftes, das anderswo vielleicht bis dato zu wenig gewürdigt worden war.

Nicht ganz schlüssig war auch die Arbeit von Moderatorin Sandra Studer. Sie begann stark, begrüsste die Gäste auch auf rätoromanisch und sprach frei, schoss dann und wann aber über das Ziel hinaus. Etwa wenn sie ironisch sein wollte, die Schweiz als Prügelknaben hinstellte («Fehlt nur noch die Schuld an der Erderwärmung»!) oder Christa Rigozzi etwas unpassend fragte, wie es denn mit einer Hochzeit 2010 aussieht und peinliches Ausweichen als Antwort erntete. Sowas kann man doch vorher absprechen!

Von der Heides Song-Premiere und vom «Muslim der Herzen»

Die Stärken der Show lagen dagegen in der Präsentation und der Wahl der Preisträger in sechs Kategorien, in der Kür des «Schweizers des Jahres» und in den Musikauftritten. Eine Premiere feierte Michael von der Heides «Il pleut de l'or», das der Schweiz beim Eurovision Song Contest Punkte bescheren soll. Sein französischer Fahrstuhl-Pop ist unaufdringlich – was für einen etwaigen eidgenössischen Einzug ins ESC-Finale gar nicht so verkehrt sein könnte. Nena erstaunte als ewig junge Sängerin, deren Lieder dank Synthesizer-Gedudel ebenso wie sie wie aus den 80-ern daherkommen. Und Jan Delay erklärte sich mit Minarett-Wecker um den Hals gebunden zum «Muslim der Herzen».

Grosse Momente boten sich bei den Übergaben der Swiss Awards: Im Bereich Politik etwa sprach BDP-Politikerin Ursula Haller als hölzerne Laudatorin davon, man müsse «für Mutter Natur Sorge tragen». Das sagte sie in einem Kleid, das mit Pelz besetzt war. Nein, es muss ein Imitat gewesen sein, sonst würde das ja keinen Sinn machen. Der von ihr ausgezeichnete Otto Ineichen zeigte in seiner Dankesrede, wie man es besser macht. «Meine Seele hat ein Freudenlächeln. Ich möchte noch mehr für eine bessere Schweiz machen.» Sprach's und trat ab: Bravo!

Tina Turner und Ferdy Kübler als Publikumslieblinge

Rührend waren auch die Dankesrede der Wirtschaftspreisträgerin Unternehmerin Barbara Artmann, die ihrer Mutter und den «Künzli»-Gründern im Himmel dankte, das breite Grinsen im Gesicht von Pantomime-Urgestein Dimitri, der die Kultur-Kategorie für sich entscheiden konnte, und die Standing Ovations für Tina Turner. Die Sängerin gewann im Ressort «Show» und bekundete artig, sehr glücklich zu sein, in der Schweiz zu leben. Auch die «saubere Luft» habe sie zum Bleiben bewogen, erfährt die schon auch stolze Zuhörerschaft.

Die stand ein zweites Mal für «Ferdy National» auf, als der einen Preis für sein Lebenswerk bekam: Der nicht mehr ganz so sattelfeste 90-jährige Kübler war augenscheinlich sehr gerührt, doch getrübt wurde die Szene durch die vorherige Laudatio von Sepp Blatter. Der stellte sich erst mit dem Preisträger in eine Reihe, sprach dann von Werten wie harter Arbeit und davon, dass die Jugend all das ja wohl gar nicht verstünde: Statt des Velo-Idols musste er sich in den Vordergrund stellen.

Ein Herz für Kinder

Zum «Schweizer des Jahres» wurde mit René Prêtre ein Herzchirurg gekürt, der auch schon in der Kategorie Gesellschaft ganz oben stand. Seinen Preis konnte der in Zürich praktizierende Kinderarzt nicht abholen: Mit Mitarbeitern operiert er derzeit in Mosambik kleine Patienten am Herz. Seine zu ebenjenem gehende Dankesrede dürfte für letzte unentschiedene Zuschauer der Ausschlag gewesen sein, für ihn und sein soziales Engagement zu stimmen. Schade, dass sich nicht der ganze TV-Abend auf diese Menschen konzentriert hat.

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