Aktualisiert 29.06.2016 15:39

Tennis-NobodyDie Love-Story nach dem Übergewicht

Marcus Willis wollte gar nicht mehr Tennis spielen. Der 25-jährige Brite hörte jedoch auf seine Freundin und darf nun gegen Roger Federer antreten.

von
heg
1 / 5
Marcus Willis ist der neue britische Tennisheld.

Marcus Willis ist der neue britische Tennisheld.

/Jordan Mansfield
Der 25-Jährige kämpft sich via Ausscheidungsturnier und Qualifikation ins Hauptfeld von Wimbledon. In der ersten Runde gewinnt Willis auf Court 17 gegen Ricardas Berankis aus Litauen in drei Sätzen.

Der 25-Jährige kämpft sich via Ausscheidungsturnier und Qualifikation ins Hauptfeld von Wimbledon. In der ersten Runde gewinnt Willis auf Court 17 gegen Ricardas Berankis aus Litauen in drei Sätzen.

/Jordan Mansfield
Als Dank gibt es einen dicken Kuss für seine Freundin Jennifer Bate, die er erst im Februar kennen- und lieben lernte. Die Mutter zweier Kinder brachte Willis dazu, weiter Tennis zu spielen, obwohl er aufhören wollte.

Als Dank gibt es einen dicken Kuss für seine Freundin Jennifer Bate, die er erst im Februar kennen- und lieben lernte. Die Mutter zweier Kinder brachte Willis dazu, weiter Tennis zu spielen, obwohl er aufhören wollte.

/Clive Brunskill

Marcus Willis wird in der Tennis-Weltrangliste auf Position 772 geführt. Praktisch niemand kannte den 25-jährigen Briten aus Slough, praktisch niemand schaute ihm zu. Bis heute.

In früheren Jahren nahm Willis nur an Challenger-Turnieren teil. Mit unkonventioneller Verpflegung, wie ein Youtube-Video von 2014 zeigt. Während einer Spielpause in Knoxville verpflegte er sich mit einem Schokoriegel und einem Süssgetränk, was den Reporter «sprachlos» machte. Wegen seines Übergewichts wurde er sogar als «Eric Cartman», eine beliebte Figur aus der Animationsserie «South Park», verspottet. Seit damals hat Willis 25 Kilogramm abgenommen.

Willis zeigt seine Verpflegung. (Video: YouTube)

Ein Konzertbesuch stellt alles auf den Kopf

Der 25-jährige Brite wollte im Februar eigentlich mit Tennis aufhören, auch als Lehrer im Warwick Boat Club, rund 60 Kilometer ausserhalb von Birmingham, weil er ein Angebot aus Amerika hatte. «Ich bin zu viel ausgegangen, habe zu viel Bier getrunken. Ich war ein übergewichtiger Verlierer», sagte Willis zum gefassten Entscheid. Kurze Zeit später warf er diesen über den Haufen. An einem Konzert von Ellie Goulding lernte er Jennifer Bate kennen. Und bald auch lieben. Diese Liebe hielt ihn vor seinem Amerika-Abenteuer ab.

Die Zahnärztin und Mutter zweier Kinder glaubte an sein Tennishandwerk und munterte ihn zum Weitermachen auf. Ein weiser Entscheid der Partnerin. Willis, der in jungen Jahren mit Andy Murray trainiert hatte, durfte dank einer Wildcard an einem britischen Ausscheidungsturnier um ein Ticket für die Wimbledon-Qualifikation kämpfen.

Das Märchen ging weiter. Mit sechs Siegen in Serie, darunter einem erstmaligen Erfolg gegen einen Top-100-Spieler, schaffte der Brite den Sprung ins Hauptfeld beim bedeutendsten Rasenturnier der Welt.

Ein Nebenplatz als Tollhaus

In der ersten Runde musste Willis auf Court 17 gegen Ricardas Berankis aus Litauen antreten. Dieses Aussenfeld bietet nur Platz für 318 Zuschauer. Es platzte am Montag aus allen Nähten, weil sich die Geschichte des Nobodys herumgesprochen hatte, und die Tennisfans ihn spielen sehen wollten. Mit Schlachtgesängen feierten sie den neuen Helden. Highlight ist der Song «Shoes off, if you love Willis», bei dem plötzlich der Grossteil der Zuschauer einen Schuh in den Himmel streckt.

Als der 6:3, 6:3, 6:4-Sieg von Willis feststand, gab es nicht nur für die Fans kein Halten mehr. Der 25-Jährige sprintete zu seiner Geliebten, umarmte und küsste sie. Die Zuschauer stimmten einen weiteren Song an, den sie vom Lied über Nordirlands EM-Stürmer Will Grigg ableiteten: «Federer is terrified, The Willbomb's on fire».

Für 2016 finanziell ausgesorgt

Mit dem Erreichen der zweiten Runde hat Willis schon 50'000 Pfund Preisgeld gewonnen. Das ist mehr, als er sonst im ganzen Jahr verdient. Als Spieler des deutschen Regionalligavereins Marienburger Sport-Club im Süden Kölns bekommt er pro Partie zwischen 600 und 1500 Euro. In seiner Karriere hat Willis bisher 69'500 Pfund eingesackt.

Als zusätzlicher Lohn winkt dem 25-jährigen Briten nun das Duell mit Roger Federer. Nicht auf Aussenplatz 17, sondern auf dem Centre Court. Auf die Begegnung mit dem Rekordsieger angesprochen sagt Willis schmunzelnd: «Zum Glück kann er nicht so gut auf Rasen spielen.» Der Maestro nimmt es ebenfalls mit Humor. «Solche Geschichten braucht unser Sport. Sie ist ganz wunderbar.»

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.