Aktualisiert 31.03.2010 12:14

Applikationen

Die Luft wird dünner

Noch ist Apples App Store die klare Nummer 1 im Geschäft mit kleinen Programmen für mobile Geräte. Doch Google, Nokia und Microsoft holen auf. Und die Marktdominanz des IT-Konzerns aus Cupertino hat auch Nachteile für Kunden und Entwickler.

von
Henning Steier

Geht es nach Microsoft, dann dürfte Apple seine Vormachtstellung bei Applikationen für mobile Geräte nicht mehr lange halten können. Denn Ray Ozzie, Leiter der Entwicklungsabteilung in Redmond, sagte gestern Abend in seiner Präsentation auf der Professionel Developers Conference in Los Angeles: «Alle wichtigen Apps werden bald für alle Handy-Betriebssysteme erhältlich sein.» Im Gegensatz zu klassischer PC-Software würden Applikationen für mobile Geräte nur wenig Entwicklungsarbeit benötigen. Nicht zuletzt deswegen sei es leicht, sie für sämtliche Plattformen verfügbar zu machen.

Der immer noch unangefochtene Marktführer Apple verzeichnet mittlerweile 100 000 Anwendungen in seinem App Store. Nokias gestern auch hierzulande gestarteter Ovi Store kommt auf rund 20 000. Der Windows Marketplace für mobile Geräte kommt auf 800, von denen allerdings nicht jede in allen Ländern zur Verfügung steht. Um das Angebot zu erhöhen, hatte Microsoft eine Fallstudie ins Netz gestellt, in der gezeigt wird, wie man ursprünglich für iPhone und iPod touch erstellte Tools für Windows Mobile nutzbar machen kann, das jetzt auch in Version 6.0 und 6.1 den App Store der Redmonder unterstützt. Seppo Oksa, Director Forum bei Nokia, hatte auf der gestrigen Medienkonferenz zum Schweizer Start des Ovi Stores gesagt, man wolle Entwickler von Apps für Android und iPhone OS ermutigen, ihre Programme im Ovi Store anzubieten. Wie genau dies passieren soll, gab er allerdings nicht an.

Masse statt Klasse

Verschiedene Studien - unter anderem von AppsFire - haben ergeben, dass die meisten User nicht mehr als 100 Applikationen aus Apples Angebot herunterladen. Das könnte auch damit zusammenhängen, dass unter den 100 000 deutlich weniger wirklich verschiedene zu finden sind. Die Webseite theappsmachine.com brachte kürzlich unter anderem das Beispiel von Lotterie-Apps: Jeder der 50 US-Bundesstaaten hat eine eigene. Auch vom Sprachkurs iSayHello gibt es zahlreiche Versionen, die man in einer bündeln könnte. «Wie viele eigenständige Applikationen es im App Store gibt, weisen wir nicht im Detail aus», sagte Michael Newey, Product Marketing Manager iPod, zu 20 Minuten Online. Newey kümmert sich auch um die Weiterentwicklung des App Stores und konnte sich im Gespräch einen Seitenhieb auf Microsoft nicht verkneifen: «Da wir mit Abstand das grösste Angebot haben, müssen wir Entwickler nicht überreden, ihre Apps für unsere Geräte umzuschreiben.»

Bei 100 000 Applikationen ist es naturgemäss für viele Nutzer schwierig, nach einer gewissen Zeit weitere zu ihnen passende Applikationen zu entdecken. Apple hat mit dem Update auf Version 3.1 des iPhone OS auch Genius-Empfehlungen für Apps integriert. Vergleichbares kannte man schon aus iTunes. Dort soll einem das Tool neue Musik entdecken helfen. Auf der Apple-Webseite heisst es: «Funktioniert genau wie Genius für deine Musik. Tipp auf das Genius Symbol und du bekommst Empfehlungen für Apps anhand der Apps, die du und andere schon geladen haben.» 20 Minuten Online hat die Funktion in den vergangen Wochen immer wieder getestet - mit durchwachsenen Ergebnissen. Denn so wurden beispielsweise zu Wemlin die App der Schweizerischen Bundesbahnen vorgeschlagen, welche aber schon längst installiert war. Auch ein Zusammenhang zwischen dem Swisscom Hotspot Locator und der Fahradstations-App Bici ist nicht unbedingt auf den ersten Blick erkennbar. «Je mehr Genius lernt und je mehr Nutzer es hat, desto bessere Empfehlungen wird das Tool liefern», kommentierte Michael Newey die Ergebnisse.

Welche Apps man wirklich braucht

Seit Ende September präsentiert Apple auf seiner Webseite unter dem Titel «Apps for Everything» jeweils zehn Applikationen zu Themen wie Kochen oder Musik. «Die empfohlenen Apps stammen von unserem App-Store-Team. Diese Promotion-Plätze zu verkaufen, ist zurzeit keine Option für uns», sagte Newey, «es kommt also nicht darauf an, ob es sich beim Anbieter der App um eine grosse Spielefirma oder einen Einzelentwickler handelt.» Zu zahlreichen Berichten auf Entwicklerseiten, dass es ohne grosses Unternehmen im Rücken schwer sei, die eigene App bekannt zu machen, sagte Newey: «Wir können es Entwicklern nicht abnehmen, vor dem Start ihrer Applikationen die Werbetrommel selbst zu rühren. Heutzutage gibt es ja genügend Möglichkeiten, im Web Aufmerksamkeit zu erregen.»

Immer wieder beklagen sich Entwickler auch über den vermeintlich intransparenten Aufnahmeprozess des App Stores. So wurde beispielsweise die eBook-Reader-App Eucalyptus zunächst abgelehnt, weil man mit ihr das Kamasutra des Projekts Gutenberg lesen konnte. Das Spiel Zombie School wurde hingegen problemlos aufgenommen. Erst nachdem in verschiedenen Blogs und Newsportalen die Kritik an der App laut geworden war, reagierte man bei Apple und zog das Game aus dem Verkehr. In dem umstrittenen Spiel ging es darum, eine Schule von einer blutrünstigen Horde Zombieschüler zu befreien. Apple veröffentlichte Ende August einige Details zu seinem Aufnahmeprozedere - auf Druck der US-Aufsichtsbehörde Federal Communications Commission (F.C.C.). Sie war eingeschritten, weil Apple die Applikation für Google Voice nicht in seinen App Store aufgenommen, weil sie in Konflikt mit den Kernfunktionen des iPhones stehe. Mit Googles Tool können Nutzer günstigere Ferngespräche als über ihren Provider führen und sind ausserdem auf allen Geräten unter einer Nummer erreichbar.

In einem offenen Brief gab Apple unter anderem an, dass man pro Woche etwa 8 500 neue Apps und Updates für bereits verfügbare erhalte. Apple beschäftigt nach eigenen Angaben 40 Mitarbeiter, von denen jeweils zwei eine Applikation kontrollieren. Rund 20 Prozent der kleinen Programme würden nicht so zugelassen wie sie eingeliefert wurden. Die meisten würden wegen Qualitätsmängeln abgelehnt. Ihre Entwickler erhielten aber technisches Feedback, so Apple. Kürzlich führte der IT-Konzern aus Cupertino überdies ein Tool ein, dank dem die Entwickler nun genauer sehen können, an welchem Punkt des Aufnahmeprozesses sich ihre App gerade befindet. Laut wired.com sieht man nun, ob das Tool bereits geprüft wurde, noch kontrolliert wird oder bereits erhältlich ist - jeweils mit Datum und Uhrzeit. Zuvor hatte man nur angezeigt, bekommen, wann die App voraussichtlich erhältlich sein wird.

Android im Kommen

Neben Nokias Angebot Ovi und dem Windows Marketplace dürfte auch Googles App Store namens Android Market schon in naher Zukunft deutlich wichtiger werden als heute. Letzteres prognostiziert zumindest eine Studie der Analysten von Gartner, laut der schon 2012 mehr Kunden ein Android- als ein Apple-Gerät kaufen sollen. Google hat übrigens im Gegensatz zur Konkurrenz einen liberaleren Aufnahmeprozess für Applikationen. Das hat allerdings den Nachteil, dass auch Tools wie die Raubkopierer-App i Music angenommen werden, wie 20 Minuten Online gestern berichtete. Denn Android-Apps werden erst kontrolliert, wenn sich Nutzer beschweren.

Bis Google Apple mit seinem App Store also ernsthafte Konkurrenz macht, wird es demnach noch ein bisschen dauern. In Googles Kerngeschäft, der Suche, hat das Unternehmen allerdings schon heute einen listigen Seitenhieb auf den Apple-Konzern versteckt. Wer beispielsweise auf google.com «iphone apps are» eingibt, erhält als ersten Vorschlag dank der Funktion Suggest «iphone apps are not working». Sucht man hingegen nach «android apps are» erscheint ganz oben «how many android apps are there».

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.