Vor 60 Jahren: Die Luftbrücke von Berlin
Aktualisiert

Vor 60 JahrenDie Luftbrücke von Berlin

Die Luftbrücke von 1948/49 ist für die meisten älteren Einwohner Berlins noch immer ein traumatisches Erlebnis, wie es später nur noch der Mauerbau von 1961 war. Am 24. Juni jährt sich der Start der Luftbrücke zum 60. Mal.

Piloten dagegen schwärmen noch heute von einer einzigartigen Meisterleistung in der Luftfahrt.

Knapp 2,5 Millionen Menschen 322 Tage und Nächte ausschliesslich aus der Luft zu versorgen, erschien vielen Verantwortlichen damals unvorstellbar - und wurde doch als bis dahin spektakulärstes Unternehmen der Luftfahrtgeschichte sensationelle Wirklichkeit.

Besatzer werden Schutzmächte

Gleichzeitig war es für die von der Sowjetarmee eingeschlossenen Einwohner West-Berlins der Beginn einer tiefen Freundschaft - aus den westlichen Siegermächten USA, Grossbritannien und Frankreich waren über Nacht Schutzmächte geworden. Und es war die Geburtsstunde einer neuen Trotzhaltung. Als am 12. Mai 1949 der erste Lastwagen aus Westdeutschland wieder auf dem Landweg Berlin erreichte, trug er ein Transparent mit den Worten: "Hurra - wir leben noch!"

Das Unheil begann elf Monate zuvor, nachdem es bereits in den Apriltagen des Jahres 1948 zu immer massiveren Schikanen der Russen gegen westalliierte Transportzüge von und nach Berlin gekommen war, mit einer nüchternen Meldung der damaligen sowjetzonalen Nachrichtenagentur ADN am 23. Juni 1948: "Die Transportabteilung der sowjetischen Militärverwaltung sah sich gezwungen, aufgrund technischer Schwierigkeiten den Verkehr aller Güter- und Personenzüge von und nach Berlin ab morgen früh, 6 Uhr, einzustellen...Der Verkehr auf den Wasserstrassen wird unterbrochen."

Der leidenschaftliche Appell des Oberbürgermeisters von Berlin, Ernst Reuter, verhallte nicht ungehört: "Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien: Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt!" Als er das vor Hunderttausenden von Berlinern ausrief, war die gigantische Luftbrücke bereits im Gange.

Mehl- und Kartoffelvorräte erschöpft

Wie dramatisch die Situation zu Beginn dieses "Airlifts" für die über Nacht abgeschnürte "Frontstadt" war, schildert Reuters Stellvertreter Ferdinand Friedensburg in seinen Erinnerungen. Knapp 2,5 Millionen Menschen litten noch an den Folgen der Unterernährung der letzten Kriegszeit, die Vorräte an Mehl und Kartoffeln und vor allem die Kohlereserven reichten gerade für sechs Wochen.

US-General Lucius D. Clay konnte sich mit seiner ursprünglichen Idee, westalliierte Versorgungstransporte auf dem Landweg von US-Panzern begleiten zu lassen, nicht durchsetzen. Also lautete das Kommando: "Wir brauchen Flugzeuge, nichts als Flugzeuge, und zwar die grössten, die ihr habt, und so viele wie möglich."

Und sie kamen von überall her, wie ihre Aufschriften signalisierten - Alaska, Hawaii, Okinawa. US-Präsident Harry S. Truman hatte Clay seinen persönlichen Segen gegeben: "Wir haben unseren Geschwadern in allen Teilen der Welt befohlen, nach Europa zu fliegen. Sie erhalten die benötigten Flugzeuge und unsere vollste Unterstützung. Gott segne Berlin!"

Landung alle zwei Minuten

Mit dieser Rückendeckung drohte Clay den Russen, dass er seine Transportflugzeuge durch Jäger mit Schiessbefehl begleiten lassen würde, falls die Flugzeuge behindert werden sollten. Den Einwohnern Berlins musste es wie ein Wunder erscheinen, halfen ihnen doch Flugzeuge mit jenen Hoheitszeichen, die ihnen und ihrer Stadt noch vor drei Jahren Tod, Verderben und Verwüstung gebracht hatten.

Den Amerikanern mit dem Flughafen Tempelhof schlossen sich die Franzosen und die Briten an. Die Franzosen stampften in kürzester Zeit den neuen Flughafen Tegel aus dem Waldboden, die Briten stellten ihren Feldflugplatz Gatow zur Verfügung und operierten auf der Havel mit Wasserflugzeugen. Bald landete alle zwei bis drei Minuten ein Flugzeug nach einem ausgeklügelten Flugplan.

Wenig Strom, Gas, Kohle

Trotz der pausenlosen Warenlieferungen durch die Luft gab es nur zwei Stunden am Tag Gas und Strom, die Strassenlampen hatten nur noch 17 Prozent Helligkeit, die Kohleration für den gesamten Winter betrug 12,5 kg pro Person.

In ihrer Verzweiflung fingen die Stadtpolitiker an, auf ihrem Gebiet nach Braunkohle bohren zu lassen - ein Förderturm direkt an der Sektorengrenze sollte mit in den Osten strahlenden Leuchtbuchstaben den Namen "Grube Götz von Berlichingen" erhalten. Berlin erlebte jedoch 1948/49 einen milden Winter, so dass eine Katastrophe grossen Ausmasses ausblieb.

Die Luftbrücke forderte auch Blutzoll: 39 britische und 31 amerikanische Piloten und sechs deutsche Mitarbeiter verloren ihr Leben. An sie erinnert seit 1951 die "Hungerharke" als stilisiertes Denkmal der drei Luftkorridore auf dem Platz der Luftbrücke in Tempelhof.

(sda)

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