Aktualisiert 08.08.2011 15:22

Referee oder Bösewicht?

Die Macht der Bonitätswächter

Rating-Agenturen müssten Krisen voraussehen. Sie haben aber in der Finanz- und auch in der Euro-Krise versagt. Nun haben sie die USA zurückgestuft – und stehen erneut in der Kritik.

von
Sandro Spaeth
Die drei US-Raging-Agenturen S&P, Moody's und Fitch teilen sich 90 Prozent des Marktes.

Die drei US-Raging-Agenturen S&P, Moody's und Fitch teilen sich 90 Prozent des Marktes.

Wenn eine Rating-Agentur nur schon mit der Wimper zuckt, reagieren die Märkte. Wenn die Bonitätshüter aber die Kreditwürdigkeit der grössten Wirtschaftsnation der Welt senken, geraten Börsianer, Ökonomen und Politiker in Panik.

Der Starökonom Nourial Roubini warnte vor einem Rückfall in eine Rezession und bezeichnete den Entscheid von der Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) als Fehler. Die wichtige US-Rating-Agentur hatte am vergangenen Freitag die Bonität der USA von AAA (Triple A) auf AA+ gesenkt. Dies liess das Weisse Haus nicht auf sich sitzen: US-Finanzminister Timothy Geithner warf S&P eine «schreckliche Fehleinschätzung» vor.

Die Rückstufung der US-Bonität, verbunden mit der Angst vor einer neuen Finanzkrise wirft erneut die Frage nach der Macht der Rating-Agenturen auf. Ihr Urteil entscheidet darüber, zu welchen Konditionen sich Firmen, Banken oder Länder Geld leihen können. Unlängst haben Experten die Entmachtung der Rating-Agenturen gefordert, da diese ganze Länder und Regierung vor sich hertreiben könnten.

In Finanz- und Schuldenkrise geschlafen

Sind die Rating-Agenturen also die Bösewichte oder womöglich lediglich die Überbringer der schlechten Nachrichten? «Die Rating-Agenturen haben ihre Frühwarnfunktion nicht wahrgenommen», sagte Susanne Toren, Ökonomin bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB) unlängst zu 20 Minuten Online. Weder die Finanzkrise noch den Schuldenkollaps einiger europäischer Staaten haben die Bonitätswächter ausreichend vorhergesehen. «Und als der Knall da war, haben die Agenturen mit ihren Urteilen die Krisen noch verschärft», so Toren.

Stuft eine Rating-Agentur die Kreditwürdigkeit eines Schuldners herab, steigen dessen Kosten zur Refinanzierung. Seine Lage wird dadurch noch auswegsloser, doch die Gläubiger wollen fürs eingegangen Risiko entschädigt werden. «Ein Urteil einer Rating-Agentur kann einen Staat definitiv in die Knie zwingen», erklärt Toren.

Die Macht der grossen drei

Der Einfluss der Rating-Agenturen ist auch deshalb so stark, weil die drei grossen US-Agenturen Moody's, S&P und Fitch den Kuchen zu 90 Prozent unter sich aufteilen. «Diese Marktmacht ist bedenklich», sagt der emeritierte Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann im Gespräch mit 20 Minuten Online. Die Forderungen europäischer Politiker, man möge eine europäische Rating-Agentur aus der Taufe heben, findet Wittmann nachvollziehbar. Sie müsste aber vollständig unabhängig von der Politik sein. Doch wenn man bedenkt, in welch angespannter Situation sich die Eurozone mit ihren Schuldensündern derzeit befindet, ist eine europäische Rating-Agentur ohne politischen Einfluss wohl Wunschdenken.

Ein weiteres Problem der Bonitätswächter liegt in ihrer zweifelhaften Unabhängigkeit. Die Agenturen sind längst nicht die neutralen Schiedsrichter, als die sie sich gerne sehen. «Sie sind selbst Akteure in der Finanzbranche», sagt Wittmann. Die grossen Bonitätshüter erzielen ihre Einkünfte fast ausschliesslich von der Herausgebern von Wertpapieren. Sie werden also von den Firmen oder den Staaten bezahlt, die sie bewerten.

Das Lied der Bösen Rating-Agentur

Noch hat erst die Rating-Agentur S&P die US-Kreditwürdigkeit gesenkt – und damit die grösste Volkswirtschaft der Welt quasi blossgestellt. Bei den Bonitätshütern Moody's und Fitch geniessen die USA hingegen noch immer Bestnoten. Aber: Mit dem historischen Entscheid vom Freitag können die europäischen Politiker nicht weiterhin das Lied der bösen amerikanischen Rating-Agenturen singen, die es auf Europa abgesehen hätten und die USA verschonen würden.

Fehler gefunden?Jetzt melden.