Car of the week: Die Macht und die Schönheit
Aktualisiert

Car of the weekDie Macht und die Schönheit

Nissan und Italdesign machten sich gegenseitig zum 50. Geburtstag ein Geschenk und entwickelten einen besonderen GT-R. Und sollte der Nissan GT-R50 so kommen, dürfen wir alle das Präsent aufmachen.

von
Michael Köckritz
Was sich einfach anhört, – da ein bisschen weg, da ein wenig dran –, wirkt beim Nissan GT-R50. Ihm stehen mehr Länge und Breite und weniger Dach bei größerer Heckscheibe ausgezeichnet.

Was sich einfach anhört, – da ein bisschen weg, da ein wenig dran –, wirkt beim Nissan GT-R50. Ihm stehen mehr Länge und Breite und weniger Dach bei größerer Heckscheibe ausgezeichnet.

Nissan
Die Kooperation von Nissan und Italdesign könnte den 30 Jahre alten Spitznamen der GT-Rs überflüssig machen. Nachdem eine australische Autozeitung das Vorgängermodell Skyline GT-R im Jahr 1989 als «Godzilla» betitelte, adoptierte selbst Nissan den Namen. Die Jubiläumsausgabe mag jedoch für einen Vergleich mit Urzeitmonstern zu elegant sein.

Die Kooperation von Nissan und Italdesign könnte den 30 Jahre alten Spitznamen der GT-Rs überflüssig machen. Nachdem eine australische Autozeitung das Vorgängermodell Skyline GT-R im Jahr 1989 als «Godzilla» betitelte, adoptierte selbst Nissan den Namen. Die Jubiläumsausgabe mag jedoch für einen Vergleich mit Urzeitmonstern zu elegant sein.

Nissan
Die C-Säule ist geduckter als im normalen GT-R,  der Heckflügel ist ästhetischer integriert, dazu steht der 50 auf 21-Zoll-Rädern. Die Gold-Akzente hingegen sind gewöhnungsbedürftig.

Die C-Säule ist geduckter als im normalen GT-R, der Heckflügel ist ästhetischer integriert, dazu steht der 50 auf 21-Zoll-Rädern. Die Gold-Akzente hingegen sind gewöhnungsbedürftig.

Nissan

Traumwagen sind per Definition der «stuff of dreams». So voller Luxus, Kraft oder Schönheit, dass sie von der Realität losgelöst scheinen. Meistens sind sie unerschwinglich, oft gibt es sie nur auf dem Papier oder auf den glamourösen Ständen der Autoausstellungen zu sehen.

Jetzt reiht sich Nissans Jubiläumsausgabe des GT-R in die illustre Gemeinde der Dream Cars ein. Kaum zu glauben, dass es den legendären Kraftbolzen schon 50 Jahre geben soll. Aber im Jahr 1969 erschien er zum ersten Mal als Skyline GT-R, eine High-Performance-Bombe von Nissan, die konkurrierende Sportwagenentwickler und Designer in aller Welt bis in ihre Träume verfolgte, nur um fünf Jahre später spurlos zu verschwinden. Dann grub Nissan den GT-R wieder aus, 30 Jahre ist das her, und dieses Mal produzierten sie ihren Vorzeigesportler – in übersehbarer Stückzahl – bis ins Jahr 2002. Seither nimmt der GT-R eine Ausnahmestellung unter den Supersportwagen ein, vergleichsweise erschwinglich für die Klasse, leistungsmässig jedoch auf Augenhöhe mit den Grossen.

Im gleichen Jahr, indem der Skyline GT-R das Licht der Showrooms erblickte, eröffnete ein junger italienischer Designer namens Giorgietto Giugiaro sein Turiner Studio, das später unter dem Namen Italdesign Weltruf erreichte. Giugiaro designte den ersten VW Golf und einige Bugattis – woraufhin Audi später Italdesign aufkaufte, aber das soll hier nichts zur Sache tun. Da heuer sowohl Italdesign als auch der GT-R ihren Fünfzigsten feiern, hatte wohl nichts näher gelegen, als zusammen ein Auto zu entwickeln. So viel zur Vorgeschichte des Nissan GT-R50.

Ein Hingucker, wenn auch ein wenig gewöhnungsbedürftig

Seien wir ehrlich, keiner der bisherigen GT-Rs bestach durch besondere Schönheit, vielmehrbeeindruckten die Modelle durch ihre enorme Kraftentfaltung. Nicht umsonst bekamen die alten GT-Rs den Spitznamen Godzilla. (Dass die Wahl auf Italdesign fiel, lag also nicht nur an der Altersgleichheit.) Der 50 hingegen ist ein Hingucker, wenn auch ein wenig gewöhnungsbedürftig. Die Cinerama-Goldverzierung über die gesamte Wagenbreite, am Heck und an den Kotflügeln muss man mögen, dafür ist das Interieur angenehm spartanisch, allerdings ebenfalls hier und da vergoldet. Drei Kippschalter, zwei Drehknöpfe und ein grosses Instrument am schwarzen Armaturenbrett lenken den Fahrer nicht von seiner Hauptaufgabe ab, den Nissan unter Kontrolle zu halten. Und die Sitze versprechen Seitenhalt auch dann noch, wenn das Handy schon längst an der Seitenscheibe klebt.

Die unmittelbare Inspiration für die Linienführung kommt wie vieles in letzter Zeit aus der Videokonsole. Die Designer, die den GT-R für «2020 Vision Gran Turismo» zeichneten, waren auch an der Entwicklung des 50 beteiligt. Insgesamt war das Design, so wird gesagt, eine enge Kooperation zwischen Italdesign und den Nissan-Studios in Europa und den USA.

«Plötzlich sieht der GT-R richtig cool aus»

Viel haben sie nicht gemacht, aber es ist erstaunlich, wie sehr ein gekonnter «Nip-and-Tuck» das Aussehen verbessert. Hier ein wenig das Dach gesenkt (54mm), da ein wenig die Fahrzeuglänge gestreckt (94mm) und in die Breite gezogen (96,5mm), und – voila! – plötzlich sieht der GT-R richtig cool aus. Die C-Säule dient nicht mehr als drakonische Zäsur, sondern gibt dem Ganzen ein schnittiges Profil. Die Heckscheibe in V-Form und ein bisschen gezogen, neue runde Heckleuchten und – besonders wichtig – 21-Zoll-Räder, fertig ist Schönheits-OP. Und, ich geb's ja zu, selbst die Vergoldung beeindruckt, wenn die Beleuchtung stimmt.

Unter der Haube funktioniert die «a snip here a snip there»-Methode ebenfalls. Das Antriebsaggregat stammt mehr oder weniger aus dem GT-R NISMO: ein Twin-Turbo 3,8 Liter V6 mit 720 PS und 780 Nm. Die Leistungssteigerung kommt von zwei grösseren Turboladern, neuen Kolben, Pleueln und einer überarbeiteten Kurbelwelle. Die halsbrecherische Kraft geht über ein verstärktes Differential und Antriebswellen und über die bewährte Doppelkupplung auf die Strasse, den Brembo-Bremsen wurde deutlich mehr Biss gegönnt.

Ob der Nissan GT-R50 so auf den Markt kommen wird, muss man abwarten. Die Chancen stehen gut, zumindest für eine limitierte Auflage, wobei die 220'000-Franken-Marke, die der Preis wahrscheinlich überschreiten wird, das Problem der Klientelsondierung simplifizieren wird (der GT-R Nismo kostet 209'000 Franken).

Entgegen landläufiger Meinung sind Träume eben nicht umsonst.

ramp begeistert seit mehr als zehn Jahren als stilprägendes, opulentes Coffeetable-Magazin, indem es die Welt des Autos mit der Liebe zum Leben und der Lust auf Mode, Kultur und Design verbindet. So wurde es auch ganz nebenbei zum meist ausgezeichneten Automagazin der Welt. ramp-Herausgeber und Chefredakteur Michael Köckritz stellt wöchentlich seinen «Car of the Week» auf 20min.ch vor. Jeden Freitag.

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