Aktualisiert 23.06.2015 12:50

Magersüchtige Männer«Die Magersucht wird zu deinem einzigen Freund»

Magersucht und Ess-Brech-Sucht bei Männern sind noch immer Tabuthemen. Drei betroffene Schweizer erzählen von ihrem langen Leiden.

von
G. Brönnimann
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Magersucht sei wirklich eine «Sucht», sagt Ueli Bodmer. Der heute 44-Jährige ...

Magersucht sei wirklich eine «Sucht», sagt Ueli Bodmer. Der heute 44-Jährige ...

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... sah an seinem Körper lange nichts Krankhaftes. Nur sein Umfeld und die Ärzte sahen die Krankheit.

... sah an seinem Körper lange nichts Krankhaftes. Nur sein Umfeld und die Ärzte sahen die Krankheit.

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Die Fotos entstanden im Jahr 1993. Da wog der damals 23-Jährige 32 Kilogramm. Bodmer: «Es ist eine Sucht wie bei einem Drogenabhängigen.»

Die Fotos entstanden im Jahr 1993. Da wog der damals 23-Jährige 32 Kilogramm. Bodmer: «Es ist eine Sucht wie bei einem Drogenabhängigen.»

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Knapp 8000 Schweizer Männer gaben vor zwei Jahren gemäss Bundesamt für Gesundheit an, in ihrem Leben an Magersucht erkrankt gewesen zu sein oder derzeit an Magersucht zu leiden. Weltweit seien zehn Prozent aller magersüchtigen Menschen Männer. Trotzdem dreht sich die öffentliche Diskussion über Anorexie (Magersucht) und Bulimie (Ess-Brech-Sucht) fast ausschliesslich um die weit häufiger betroffenen Frauen. Die Magersucht bei Männern bleibt ein Tabuthema, obwohl Männer vermehrt an Anorexie und Bulimie erkranken.

Einer der 8000 Schweizer Männer, die an Magersucht erkrankten, ist Martin Gubler*. Der bald 21-Jährige formuliert vorsichtig, wenn man ihn danach fragt, wie es ihm heute, vier Jahre nach seiner schlimmsten Anorexie-Zeit, gehe. «Ziemlich viel besser», sagt er, «ich kann mein Leben wieder geniessen.» Doch er fügt an: «Die Magersucht wird mich wohl dennoch ein Leben lang begleiten. Als Erfahrung, mit der ich mich immer und immer wieder auseinandersetzen werden muss.»

«Es ist wie eine Spirale»

Angefangen habe es mit 17, erzählt Gubler. «Meine erste grosse Liebe ging in die Brüche. Beim Sport, der mir sehr wichtig war, hatte ich mich verletzt. Andere hätten sich vielleicht sonst irgendwie abgelenkt – ich fing die Sache mit dem Essen an», sagt der junge Mann. «Da steigert man sich hinein, das ist wie eine Spirale. Alles dreht sich nur noch darum. Man geht stundenlang in die Läden, zählt die Kalorien auf den Packungen.»

Wie viele Kalorien durften es denn sein? «Vielleicht mal 1000. Dann immer weniger», sagt Gubler. «Einen Apfel. Oder am besten nichts.» Bei einem mehrmonatigen Auslandsaufenthalt habe er sich «hundert Prozent der Krankheit ergeben – sie wurde zu einem Teil von mir. Man fühlt sich schon nach dem Wassertrinken dick, wegen des geringsten Völlegefühls. Der Spiegel – er lügt dich an. Was du siehst, hat nichts mehr mit der Realität zu tun.» Er versucht, die Sucht zu erklären: «Die Krankheit wird dein einziger und dein bester Freund. Und du verlierst deinen Kopf an ihn.»

Genau gleich beschreibt es Ueli Bodmer*. Der heute 44-Jährige beschreibt seine stundenlangen Spaziergänge durch Schweizer Lebensmittelläden: «Kalorien und Fett, das ist alles, was zählt.» Wenig essen sei gut, viel essen sei schlecht. «Der ganze Gedankengang dreht sich nur um diese einzige Sache.» Bodmer brachte mit 23 Jahren noch 32 Kilogramm auf die Waage.

Rettender Klinikaufenthalt

Dass sein Spiegelbild nicht der Realität entspricht, merkte Martin Gubler nach seiner Rückkehr aus dem Ausland. «Meine Eltern waren völlig schockiert, als sie mich sahen», erinnert er sich: «Da kommt ein Knochengerüst zurück!» Die Eltern appellieren an ihren Sohn, wollen, das er in eine Klinik geht. Dieser weigert sich. Es sei doch alles halb so wild, findet er.

Doch Gubler ist noch nicht volljährig – die Eltern lassen ihn zwangseinweisen. «Zum grossen Glück», sagt er heute. Bei der Einweisung in die Klinik wog der 1,68 Meter grosse Teenager noch 32 Kilogramm. Nach langer Therapie in verschiedenen Programmen geht es dem jungen Mann heute wesentlich besser.

Gublers Rat an Betroffene: «Aus eigener Erfahrung möchte ich an die Angehörigen und Freunde appellieren, genau hinzuschauen und auf die Leute zuzugehen und die Dinge anzusprechen, wenn man etwas merkt. Das kann zwar unangenehm sein, aber es ist halt so: Je schneller man professionelle Hilfe bekommt, desto besser.» Der junge Mann ist sicher: «Aus eigener Kraft da wieder rauszukommen, das ist schwierig bis unmöglich. Das ist ein richtiger Teufelskreis.»

Auch bei Ueli Bodmer, der einige Jahre später eine stationäre Therapie machte, brauchte es lange bis zur Erkenntnis, dass es überhaupt ein Problem gibt: «Lange dachte ich, das sei einfach so, das sei nicht krankhaft. Die Erkenntnis kam erst von Ärzten und aus meinem Umfeld». Bodmer sagt, das Wort «Magersucht» treffe den Sachverhalt sehr gut: «Es ist eine Sucht, wie bei einem Drogenabhängigen.»

Bulimie: 20 Gipfeli zum Erbrechen

Der 33-jährige Urs Meier* hat noch heute, ein halbes Leben später, an den psychologischen Folgen seiner Essstörung zu kämpfen. Die begann sich schon anzubahnen, als er 16 Jahre alt war. Und sie artete während der Lehre ziemlich schnell aus. «Es fing ja harmlos genug an, ich wollte nur ein bisschen gut aussehen, ein paar Kilo abnehmen», sagt Meier. Mit Erbrechen ging das leichter. Und harmlos war es bald nicht mehr – «da stecken riesige Probleme dahinter».

Er schildert einen normalen Tagesablauf in der schlimmsten Zeit seiner Bulimie: «Während der Lehre stand ich auf, ass zu Hause zum Zmorge ein halbes Brot und trank zwei Liter Flüssigkeit. Bis zum Erbrechen. Dann ging ich vor der Arbeit bei einer Bäckerei vorbei. Jedes Mal eine andere, sonst fällt das auf. Dort kaufte ich bis zu 20 Gipfeli, die ich in mich hineinstopfte, bis zum Erbrechen.» So ging das von Mahlzeit zu Mahlzeit weiter, «sieben- bis achtmal am Tag kotzen», so Meier.

Lange sei das niemandem aufgefallen. Meier: «Ich gefiel mir dabei. Spielte Fussball und Tennis, gab überall Vollgas, war gut in der RS, kam gut bei den Frauen an.» Gleichzeitig machte er Schulden, machte stets gute Miene zum bösen Spiel, betrieb Raubbau am eigenen Körper. Eine Abwärtsspirale setzte ein. Und trotzdem: «Ich hatte lange Zeit das Gefühl, alles total im Griff zu haben.» Nur einem guten Chef habe er seinen damals bitternötigen Klinikaufenthalt zu verdanken. «Ich brauchte über sechs Jahre bis zur Einsicht, dass ich ein Problem habe», sagt Meier heute. Er ist noch immer in Therapie.

*Namen geändert

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