Christkindlimarkt Zürich: «Die Marktfahrer werden abgezockt»
Aktualisiert

Christkindlimarkt Zürich«Die Marktfahrer werden abgezockt»

Die Lichter glänzen, der Lebkuchen duftet, der Wein «glüht» - perfekte Weihnachtsatmosphäre am Christkindlimarkt im Zürcher Hauptbahnhof. Doch der Schein trügt: Der Veranstalter sei ein Abzocker und Profiteur, so die happigen Vorwürfe eines Marktfahrers.

von
Sandro Spaeth

Hungerlöhne verdienen sie, die Angestellten auf dem Weihnachtsmarkt in Hamburg: umgerechnet nicht mal zwei Franken. Am Christkindlimarkt im Zürcher Hauptbahnhof sieht es da besser aus: Der Stundenansatz beträgt laut dem Veranstalter CP9 in der Regel 18 bis 25 Franken. Doch deshalb herrscht in Zürich noch lange nicht eitel Sonnenschein – behauptet zumindest ein Marktfahrer gegenüber 20 Minuten Online.

Die Stimmung zwischen den Standbetreibern und dem Organisator sei schlecht: «Der Veranstalter will so viel wie möglich für sich herausholen und keine Qualität bieten», so Standbetreiber B.C. Er nennt ein Beispiel: Die lukrative Perle des Weihnachtsmarktes, das Geschäft mit dem Glühwein, betreibe der Organisator als Monopolanbieter auf eigene Rechnung.

70 000 Franken pro Wochenende

Laut B.C. setzt CP9 pro Wochenende (Sa/So) mit seinen Glühwein-Häuschen 60 000 bis 70 000 Franken um. Stephan Dübi von CP9 bestätigt, dass der Veranstalter vier Glühweinstände selber betreibt. Dass er aber keine Qualität bieten soll, dementiert Dübi vehement: «Unsere Infrastruktur gehört zu den besten überhaupt.» Er wundert sich: «Wenn so viel nicht stimmen soll, wieso wollen denn so viele Anbieter nach Zürich kommen?»

Veranstalter Dübi nennt Zahlen: Um einen Stand im Christkindlimarkt bewarben sich dieses Jahr rund 400 Anbieter, Dübi konnte aber nur 160 Anfragen berücksichtigen. Um eine gute Durchmischung zu haben, wählt Dübi die Stände bewusst aus: «Alle eingehenden Bewerbungen werden sorgfältig geprüft. Wenn sich Standbetreiber zu sehr ähneln, muss im Sinne des ausgewogenen Angebots eine Auswahl getroffen werden.»

Ohne Umsatz keinen Stand

Diese System wird von B.C. infrage gestellt: «Die Auswahl erfolgt nach Umsatz und Zahlungsfreudigkeit des Standbetreibers.» Dübi stellt dies nicht gänzlich in Abrede: «Wer zu wenig Umsatz macht, ist im kommenden Jahr nicht mehr dabei.» CP9 hält fest, dass auch der Christkindlimarkt unternehmerisch und wirtschaftlich ausgerichtet sein müsse, um die Investitionen zu amortisieren.

Weiter kritisiert B.C. die Verträge. Neben der Miete von 6710 Franken müssten die Standbetreiber einen Mindestumsatz von 50 000 Franken garantieren, wovon die Betreiber in jedem Fall eine Umsatzprovision von 15 Prozent bzw. minimal 7500 Franken an CP9 abzuliefern hätten. Dies unabhängig davon, ob der Marktstand sich an guter oder schlechter Lage befindet. Von grundsätzlich in den Verträgen festgehaltenen Umsatzgarantien will Veranstalter Dübi nichts wissen. Er bestätigt aber, dass sie bei einigen Ständen angewendet werden.

Das eigene Geschäft kommt zuerst

Marktstandbetreiber B.C. lässt kein gutes Haar an den Organisatoren. «Wo im vergangenen Jahr ein Privater erfolgreich einen Raclette-Stand betrieb, steht in diesem Jahr der Raclette-Stand des Organisators CP9. Das Nachsehen hat der erfolgreiche Marktfahrer von 2008: Laut B.C. darf er zwar weiterhin Raclette verkaufen, wurde aber an einen ungünstigen Standort versetzt. Dübi verteidigt sich: «Der betroffene Standbetreiber hat es unterlassen, sich innerhalb der Frist anzumelden. Folglich haben wir nach einer eigenen Lösung gesucht, denn ein Weihnachtsmarkt braucht einen Raclette-Verkäufer.» Weil ihn der Anbieter schliesslich doch noch kontaktiert habe, hätte CP9 ihm eine Teilnahme ermöglicht, wenn auch an einem anderen Platz.

Grundsätzlich hält Dübi fest: «Es gibt zahlreiche Standbetreiber, die nicht mehr nach Zürich kommen dürfen.» Habe sich jemand nicht an die Markt-Regeln gehalten oder sei in Zahlungsverzug geraten, werde er nicht mehr berücksichtigt. Dübi: «Vor Vertragsabschluss werden die Standbetreiber auf ihre Solvenz geprüft.»

Beim Marktverband SMV ist man über die Vorwürfe an CP9 nicht im Bild. «Die Gerüchteküche ist so gross wie der Markt selbst», so Ueli Stähli, Mitglied der Verbandsleitung. Wenn jemand für einen Markt nicht berücksichtigt werde, fühle er sich oft ungerecht behandelt und ziehe möglicherweise über die Veranstalter her. Zu den Verträgen sagt Stähli: «Wenn jemand einen Vertrag unterschreibt, kennt er die Bedingungen.» Falls das Geschäft schlecht laufe, könne ein Marktfahrer nicht im Nachhinein die unfairen Bedingungen reklamieren.

Feedback

Anregungen, Hinweise, Informationen?

Schreiben Sie uns an

Deine Meinung