Aktualisiert 25.09.2014 14:22

Segeln für Problem-Teenager

«Die Massnahme kann man als Investition sehen»

Ein 14-Jähriger aus Schmerikon SG wird auf einen kostspieligen Segeltörn geschickt. Der Präsident der zuständigen Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde nimmt Stellung zum Fall.

von
Marco Lüssi

Herr Grob*, der Segeltörn von Marco H. (14) kostet laut den «Obersee-Nachrichten» jährlich 156'000 Franken. Stimmt dieser Betrag?

Walter Grob: Die Kosten für Unterbringung, Betreuung und Beschulung betragen 390 Franken pro Tag.

Also 142'350 Franken pro Jahr. Marcos Mutter sagt, sie habe ein Internat gefunden, das ihn für jährlich 60'000 Franken aufnehmen würde. Warum haben Sie sich für die viel teurere Variante auf dem Schiff entschieden?

Der Fall hat eine lange Vorgeschichte, die bis in die Zeit der Einschulung im Jahr 2007 zurückreicht. Aufgrund der massiven Verhaltensschwierigkeiten des Kindes mussten die Schule und die damalige Vormundschaftsbehörde der Gemeinde unzählige Massnahmen anordnen.

Ohne Erfolg?

Sämtliche Massnahmen, wie etwa die Umteilung in die Einführungsklasse, die Sonderbeschulung in einem Schulheim, der Aufenthalt in einer Klinik, die Vorbereitung einer Platzierung in einer Grossfamilie oder der Besuch einer Tagesschule scheiterten letztlich alle an der Verweigerungshaltung des Kindes und der mangelnden Kooperation der Mutter. Nach Meinung der Fachleute, der Behörde und der Gerichte hätte eine nochmalige Anordnung einer blossen Tagesstruktur nicht genügt, um die psychosozialen Schwierigkeiten anzugehen.

Die Mutter sagt, es sei ihr nicht möglich, die Unterbringung auf dem Schiff zu zahlen. Wer übernimmt die Kosten?

Die Finanzierung der in den letzten sieben Jahren nötigen Massnahmen und auch der aktuellen Massnahme erfolgt auf der Grundlage des Sozialhilfegesetzes. Vor Anordnung der aktuellen Massnahme erfolgte ein intensiver Austausch mit der Schule und den Gemeindebehörden. Der Vergleich mit dem Fall Carlos ist reisserisch und unseriös. Im geschilderten Fall handelt es sich nicht um einen Straftäter, sondern um ein Kind mit psychischen Störungen. Zudem hat der Jugendliche die obligatorische Schulzeit noch nicht erfüllt und es besteht eine Pflicht für die Schule, den Jugendlichen zu beschulen. Die Schule hat aber bereits sämtliche ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten ausgeschöpft.

Die sechsstelligen Kosten für die Unterbringung auf dem Schiff erscheinen dem Laien hoch. Was sagen Sie als Fachmann dazu?

Die Tagespauschale von 390 Franken scheint auch im Vergleich mit andern Institutionen angemessen. Eine Fremdplatzierung in einer Institution ist in den meisten Kindesschutzfällen nicht notwendig. Häufig genügen unterstützende Massnahmen für die Eltern. Wenn aber ein Obhutsentzug dauerhaft notwendig ist, fallen bis zur Volljährigkeit des Kindes unter Umständen hohe Kosten an. Solche Kindesschutzmassnahmen könnten aber auch als Investition gesehen werden.

Wie meinen Sie das?

Wenn es gelingt, einem Kind trotz unfähigem oder gar schädlichem Elternhaus ein angepasstes Aufwachsen und eine anständige Ausbildung zu ermöglichen, wird es seine Rolle als funktionierendes Glied der Gesellschaft finden. Die Alternative wäre, dass sie als Erwachsene dann zeitlebens Probleme verursachen, straffällig werden oder von der Sozialhilfe leben.

In welchen Fällen entscheiden Sie sich, Jugendliche auf einem Segelschiff zu platzieren?

Die Unterbringung in einer solchen Institution ist eine absolute Ausnahme. Sie wird nur angeordnet, wenn alle anderen Massnahmen nicht zum Erfolg führen.

Gibt es neben Marco H. noch weitere Jugendliche, die die KESB Linth auf Schiffen platziert hat?

Nein. Die KESB Linth hat dies zum ersten Mal angeordnet.

*Walter Grob ist Präsident der Kinder- und Erwachseneschutzbehörde (KESB) Linth.

Der Dokumentarfilm «Das Jugendschiff» von 2013 zeigt das Leben auf dem Jugendschiff Salomon.

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