Aktualisiert 11.06.2008 12:34

Jugendgewalt«Die Massnahmen wirken hilflos und naiv»

Eltern büssen, Ausgang streichen, Alkohol verbieten: Die Kantone versuchen alles, um jugendliche Kampftrinker und Schläger in die Schranken zu weisen. Bringen wirds nichts, meint ein Jugendpsychologe.

von
Tina Fassbind

Jugendliche Kampftrinker, prügelnde Kids und zugedröhnte Teens sollen bald der Vergangenheit angehören. Im Kanton Zürich kommen betrunkene Jugendliche künftig in Polizeigewahrsam und müssen von den Eltern abgeholt werden. In Chur dürfen Jugendliche im öffentlichen Raum abends keinen Alkohol mehr konsumieren. Nun zieht auch der Kanton Tessin nach: Gestern hat eine von Staatsanwalt Antonio Perugini geleitete Arbeitsgruppe einen ersten Bericht zur Verhinderung von Jugendgewalt und jugendliche Kampftrinker vorgelegt. Insgesamt 30 Massnahmen schlägt die Gruppe vor. Darunter folgende:

- Spezielle Anstalten für besonders schwierige Jugendliche

- Pflicht-Erziehungskurse für Eltern von problematischen Jugendlichen

- Bussen und/oder Zulagenkürzungen für Eltern, die nicht kooperieren

- Nächtliche Sperrstunde für unbegleitete Minderjährige auf öffentlichem Grund

- Abendliches Verkaufsverbot für Alkohol und höhere Bussen für Zuwiderhandlungen

- Restriktivere Öffnungszeiten für Ausgehlokale

- Mehr Gefühlsvermittlung im Sexualkundeunterricht

Weiter feiern im privaten Rahmen

Für Kinder- und Jugendpsychologe Allan Guggenbühl schiessen diese Forderungen übers Ziel hinaus. «Die Massnahmen wirken hilflos und naiv. Sie sind zum Teil schlicht unrealistisch und bringen nichts als zusätzliche Schwierigkeiten.» Wenn den Jugendlichen das Alkoholtrinken im öffentlichen Raum und der Besuch von Partys verboten werde, dann würden sie im privaten Rahmen trinken und feiern, glaubt Guggenbühl.

Richtig trinken will gelernt sein

«Rauschtrinken ist ein Problem, das durch die zwiespältige Haltung der Gesellschaft gefördert wird: Erwachsene dürfen trinken, Jugendliche nicht. Das macht Trinken für Kids noch attraktiver. Sie rebellieren gegen diese Regeln.» Guggenbühl ist der Ansicht, dass die Jugendlichen den richtigen Umgang mit Alkohol lernen sollten, «jetzt sind sie mit dieser Droge allein gelassen – das ist ein Grund für das Rauschtrinken.» Auch das Büssen der Eltern findet der Jugendpsychologe nicht sinnvoll. «Nur in wenigen Fällen kann man die Eltern für das Verhalten der Kinder verantwortlich machen. Meistens hat das Millieu, in dem sie sich bewegen, mehr Einfluss auf die Entwicklung der Jugendlichen.»

«Anstalten für renitente Jugendliche braucht es einfach»

Einzig die Schaffung von speziellen Anstalten für besonders renitente Jugendliche befürwortet Guggenbühl: «Das braucht es einfach. Diese Jugendlichen müssen ein Time-Out bekommen, weil nur so eine gezielte und intensive Auseinandersetzung mit ihnen möglich ist.» Die Prävention sollte seines Erachtens dahin gehen, dass Lehrer gezielt auf problematische Schüler reagieren, die Eltern beraten werden und die Strafen rascher greifen. Auch das Mittel einer Gruppentherapie bei besonders renitenten Jugendlichen sollte vermehrt angewandt werden.

Generell ist Guggenbühl der Meinung, dass man die einzelnen gewalttätigen Jugendlichen angehen und betreuen müsste und nicht alle Jugendlichen für das Verhalten einiger weniger bestrafen sollte, «schliesslich bestraft man ja auch nicht die ganze Familie für die Tat eines Einzelnen.»

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