Aktualisiert 15.08.2014 09:42

Panamakanal-Erweiterung

Die Megabaustelle mitten im Dschungel

Der Panamakanal wurde vor genau 100 Jahren eröffnet. Den Anforderungen der heutigen Schifffahrt genügt er nicht mehr. Nun wird er erweitert - für sehr viel Geld.

von
D. Düttmann, DPA

Nur zur Mittagszeit fallen die Strahlen der Tropensonne auf den Grund der dritten Schleuse des Panamakanals. Den Rest des Tages werfen die über 30 Meter hohen Betonwände ihre langen Schatten in den gigantischen Hohlweg.

Hunderte Arbeiter schuften rund um die Uhr auf der derzeit wohl grössten Baustelle der Welt. Sie treiben Armierungen in Wände, verlegen Schienen für die Schleusentore und verdichten den Boden. Kipplaster in der Grösse von Mehrfamilienhäusern pflügen durch den roten Schlamm. Über ihnen ragt ein Wald von Kränen in den blauen Himmel.

«Der nächste grosse Schritt ist die Installation der Schleusentore», sagt Yira Flores, die für die Verwaltung des Panamakanals die Arbeiten betreut. «Sie werden in das Becken gefahren, dort aufgerichtet und in die Kammern gehoben.»

Ausbau für neue Schiffsgeneration

Die Stahlkolosse wurden in Italien gebaut. Jedes Tor ist 57,6 Meter lang, durchschnittlich 30 Meter hoch, zehn Meter dick und wiegt 3300 Tonnen. Allein Herstellung, Transport und Installation der insgesamt 16 Schleusentore kosten 547,7 Millionen Dollar.

100 Jahre nach der Eröffnung des Panamakanals wird die Wasserstrasse für eine neue Schiffsgeneration ausgebaut. Künftig sollen auch Frachter der sogenannten Post-Panamax-Klasse mit bis zu 14'000 Standardcontainern die Wasserstrasse passieren können. Derzeit können nur Schiffe mit bis zu 4400 Containern geschleust werden.

«Wenn wir fertig sind, werden nur sieben Prozent aller Frachter weltweit zu gross für den Panamakanal sein», sagt ein Sprecher der Kanalverwaltung. Mit 12 bis 15 Schiffen der Post-Panamax-Klasse rechnet er pro Tag.

Für die Erweiterung werden auf der Atlantik- und Pazifikseite neue Zufahrten ausgeschachtet, zwei neue Schleusen gebaut und die engste Stelle des Kanals, der Culebra Cut, verbreitert und vertieft.

«Hier auf der Pazifikseite haben wir einen ganzen Berg geschliffen», erzählt Flores und deutet auf die Puente Centenario. «Früher konnte man die Brücke von hier aus gar nicht sehen.» Allein am neuen Schleusensystem arbeiten derzeit 6000 Menschen. Seit Beginn der Kanalerweiterung 2007 waren 34'000 Arbeiter auf den Baustellen beschäftigt.

Streit um Nachforderungen

Bis Ende 2015 soll das 5,25 Milliarden Dollar teure Projekt fertig sein. Allerdings kamen die Arbeiten zuletzt immer wieder ins Stocken. Mehrere Streiks verzögerten den Zeitplan. Wegen eines Streits um Zusatzkosten in der Höhe von 1,6 Milliarden Dollar standen die Baustellen im Februar für zwei Wochen komplett still.

Das Baukonsortium argumentiert, bei der Ausschreibung nicht über die schwierigen geologischen Verhältnisse informiert worden zu sein. «Wir halten die Nachforderungen zumindest in dieser Höhe für völlig überzogen», sagt dagegen der stellvertretende Kanalverwalter Manuel Benítez. Jetzt wird wieder gearbeitet, über die Zusatzkosten muss ein Gericht in Miami entscheiden.

Mit der Erweiterung des Kanals reagiert die Verwaltung auf den Trend zu immer grösseren Schiffen. Nur so könne Panama seine Position als eines der Zentren des maritimen Handels halten, sagte Benítez. Denn im Norden wächst dem Kanal Konkurrenz heran (siehe Box).

So will sich in der ehrwürdigen Villa auf einem Hügel über Panama-Stadt niemand in Sicherheit wiegen. Noch ist die Erweiterung des Kanals nicht abgeschlossen, da werden in der Vorstandsetage der Verwaltung bereits neue Pläne geschmiedet. «Wenn es die entsprechende Nachfrage gibt, bauen wir auch ein viertes Schleusensystem», kündigt Benítez an.

Fakten und Daten

Der Panamakanal wurde am 15. August 1914 eröffnet und ist bis heute eine der wichtigsten Wasserstrassen der Welt. Er verbindet den Atlantik mit dem Pazifik und ist rund 80 Kilometer lang. Er beginnt in Colón im Norden und endet nahe Panama-Stadt im Süden.

Die Wasserstrasse verfügt über drei Schleusen, in denen die Schiffe auf das Niveau des 27 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Gatún-Sees angehoben und später wieder abgesenkt werden. Für die Durchfahrt benötigen die Schiffe durchschnittlich 13 Stunden.

Konkurrenz für Panama

Als Alternative zum Panamakanal will Nicaragua eine eigene Wasserstrasse zwischen Atlantik und Pazifik bauen. Der Kanal soll auf 278 Kilometern von der Flussmündung des Río Punta Gorda an der Karibikküste durch den Nicaragua-See im Landesinneren bis zur Mündung des Río Brito auf der Pazifikseite führen. Dort sollen auch Schiffe passieren können, die selbst nach der Erweiterung für den Panamakanal zu gross sind.

Die Durchfahrt wird etwa 30 Stunden dauern. Neben der Wasserstrasse sind Häfen, ein internationaler Flughafen und eine Freihandelszone geplant. Die Bauarbeiten sollen Ende dieses Jahres beginnen.

Verantwortlich für das rund 40 Milliarden US-Dollar teure Projekt ist die HKND Group aus Hongkong. Bis zu 100 Jahre lang soll das Unternehmen den Kanal betreiben dürfen. Der Staat erhält ein Aktienpaket an der Betreibergesellschaft. Das zweitärmste Land Lateinamerikas erhofft sich vom Megaprojekt einen wirtschaftlichen Aufschwung.

Der der stellvertretende Verwalter des Panamakanals Manuel Benítez sieht dem neuen Projekt gelassen entgegen: «Konkurrenz ist immer gut», sagt er. «Ich glaube aber nicht, dass der Nicaraguakanal wirtschaftlich betrieben werden kann.»

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