Arbeitsweg: «Die meisten nehmen eine Stunde Pendeln in Kauf»
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Arbeitsweg«Die meisten nehmen eine Stunde Pendeln in Kauf»

Eine neue Studie belegt, dass die Dauer des Arbeitswegs von der Ausbildung und dem Lohn abhängt. Ein Experte erklärt die Hintergründe.

von
Stefan Ehrbar
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Wer besser verdient und eine höhere Ausbildung hat, der wechselt häufiger die Stelle – und pendelt länger. Das sind die Ergebnisse einer neuen ETH-Studie.

Wer besser verdient und eine höhere Ausbildung hat, der wechselt häufiger die Stelle – und pendelt länger. Das sind die Ergebnisse einer neuen ETH-Studie.

Keystone/Alessandro Della Valle
Der Grund, weshalb sie längere Arbeitswege in Kauf nehmen: Für Spezialisten gebe es weniger, aber besser bezahlte Stellen, sagt Kay Axhausen von der ETH Zürich. Er ist einer der beiden Studienautoren.

Der Grund, weshalb sie längere Arbeitswege in Kauf nehmen: Für Spezialisten gebe es weniger, aber besser bezahlte Stellen, sagt Kay Axhausen von der ETH Zürich. Er ist einer der beiden Studienautoren.

Keystone/Gaetan Bally
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Maturand oder Uni-Abgänger seinen Wohnort wechselt, ist gegenüber der Gesamtbevölkerung zudem um 28 Prozent höher.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Maturand oder Uni-Abgänger seinen Wohnort wechselt, ist gegenüber der Gesamtbevölkerung zudem um 28 Prozent höher.

Keystone/Christof Schuerpf

Herr Ohnmacht, eine ETH-Studie zeigt, dass Besserverdienende weiter pendeln. Wieso?

Je mehr Lohn jemand erhält, desto höher ist die Bereitschaft, weite Distanzen für das Arbeitspendeln auf sich zu nehmen. Eine Krankenschwester ist kaum bereit, von Bern nach Zürich zu pendeln. Wer in Bern wohnt und bei einer Grossbank in Zürich gutes Geld verdienen kann, tut das eher. Je mehr jemand verdient, desto grösser sind seine Aktivitätsräume. Mit höherem Lohn fahren die Menschen eher Auto und legen weitere Distanzen zurück.

Gilt dasselbe auch für ÖV-Pendler?

Ja, längere Distanzen sind auch beim ÖV bei Gutverdienenden zu beobachten. Dies trifft insbesondere auf die Pendler zwischen Städten zu – also etwa die steigende Zahl von Leuten, die in Zürich wohnt und bei der Bundesverwaltung oder der SBB in Bern arbeitet. Deshalb wird der Viertelstundentakt zwischen Zürich und Bern ausgebaut.

Derselbe Zusammenhang wurde auch für die Ausbildung festgestellt: Für eine höhere Ausbildung pendeln Personen weiter. Wie erklären Sie das?

Wir haben in der Schweiz ein sehr gut ausgebautes Strassen- und ÖV-System. Das kommt den Arbeitgebern und Ausbildnern zugute, die spezialisiertes Personal suchen. Der sogenannte Rekrutierungsradius ist gross. Eine Stunde Weg zur Arbeit oder Ausbildung nehmen viele in Kauf. Das sehen wir auch an der Hochschule Luzern: Viele Studenten kommen aus Zürich, Bern oder Basel. Sie würden nicht bei uns studieren, wenn sie hier wohnen müssten, denn ihre regionale Verwurzelung ist gross. Wirtschaftlich kommt das allen zugute.

Bei einem Arbeitsplatzwechsel nimmt die Pendlerdistanz durchschnittlich zu. Die Leute wollen offenbar nicht näher bei der Arbeit wohnen.

Mich überrascht das nicht. Man muss zwischen der kurzfristigen und langfristigen Mobilität unterscheiden. Ein Arbeitsplatzwechsel ist kurzfristig. Vielleicht folgt darauf irgendwann ein Wechsel des Wohnorts. Und bei einem Umzug nimmt laut der Studie die Pendeldistanz wieder ab. Da kann auch die Verkehrspolitik ansetzen. Ein intelligentes Zuzügermanagement ist zentral: Man kann Neuzuzügern etwa sagen, wo die nächste Bushaltestelle liegt oder wie sie clever pendeln. Oder die Firmen geben Arbeitssuchenden den Vorzug, die näher zum Arbeitsort wohnen.

Die Distanz, die Pendler zurücklegen, nimmt im Verlauf der Lebensjahre im Schnitt zu. Wieso?

In früheren Jahren nutzt man häufig den ÖV oder die eigenen Füsse. Später, wenn man einer Arbeit nachgeht, nimmt das Auto an Beliebtheit zu. Damit steigt auch die Mobilität und damit die Distanzen. Hinzu kommt, dass die Wahrscheinlichkeit eines Arbeitsplatzwechsels, der laut Studie die Pendeldistanz erhöht, mit der Zeit steigt.

Frauen pendeln laut der Studie weniger weit und wechseln seltener die Stelle. Woran liegt das?

Die Erwerbsbiografien von Männern sind generell länger. Frauen legen häufiger Pausen ein und übernehmen nach wie vor mehr Erziehungsarbeit. Männer arbeiten weniger Teilzeit. Das heisst, dass ihr Leben stärker der Arbeit zugewandt ist und dass sie auch mehr reisen und flexibler auf neue Jobangebote reagieren können. Gesamtgesellschaftlich erhöht die Immobilität der Frauen die Mobilität der Männer.

Dr. phil. Thimo Ohnmacht von der Hochschule Luzern ist Professor für Verkehrspolitik. Er doziert und forscht über Raum, Verkehr und Gesellschaft, auch im Auftrag von Kanton, Bund und Gemeinden.

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