Psychische Überlastung - «Die meisten wollen helfen, wissen aber nicht wie»
Publiziert

Psychische Überlastung«Die meisten wollen helfen, wissen aber nicht wie»

Wegen Stress im Job fühlen sich viele Schweizerinnen und Schweizer überlastet und kämpfen mit psychischen Problemen. Im Experteninterview erfährst du, wann Stress zum Problem wird und wie du helfen kannst.

von
Raphael Knecht
1 / 11
«Neun von zehn Personen kennen jemanden, dem es psychisch schlecht geht», sagt Ensa-Leiter Kai Scheffler. Oft wissen die Leute aber nicht, wie sie helfen können.

«Neun von zehn Personen kennen jemanden, dem es psychisch schlecht geht», sagt Ensa-Leiter Kai Scheffler. Oft wissen die Leute aber nicht, wie sie helfen können.

Pro Mente Sana / Tom Boegli
Die Arbeit im Homeoffice hat viele Schweizer Angestellte an ihre Grenzen gebracht.

Die Arbeit im Homeoffice hat viele Schweizer Angestellte an ihre Grenzen gebracht.

20min/Raphael Knecht
In einer Microsoft-Umfrage geben 59 Prozent der Schweizer Befragten an, dass sie sich überarbeitet fühlen.

In einer Microsoft-Umfrage geben 59 Prozent der Schweizer Befragten an, dass sie sich überarbeitet fühlen.

20min/Marco Zangger

Darum gehts

  • Stress wird zum Problem, wenn länger mehr Belastung da ist, als Ressourcen vorhanden sind.

  • Dann kann es zu einer psychischen Überlastung kommen.

  • Man erkennt sie oft an anhaltenden Verhaltensänderungen wie etwa Schlafstörungen.

  • Betroffene sollten unbedingt darüber reden.

  • Auch wer betroffene Personen kennt, sollte aktiv werden.

Viele Schweizer Arbeitnehmende fühlen sich wegen Krise und Homeoffice überlastet. Besonders junge Menschen bekommen Probleme mit der psychischen Gesundheit. Genau für solche Fälle bietet Ensa in der Schweiz Erste-Hilfe-Kurse für psychische Gesundheit an. Ensa ist ein Programm der Stiftung Pro Mente Sana, mitinitiiert und unterstützt von der Beisheim-Stiftung. Ensa-Leiter Kai Scheffler verrät im Interview, wann Stress zum Problem wird, wie man psychische Belastungen erkennt und was es dann zu beachten gilt:

Herr Scheffler, wann wird ein stressiger Job zu einer gefährlichen Überlastung?

Stress wird dann zum Problem, wenn über längere Zeit mehr Belastung da ist, als Ressourcen vorhanden sind. Da geht es nicht nur darum, ob man zu viel zu tun hat – auch das Umfeld kann belastend sein. Etwa, wenn man sich nicht wohlfühlt oder im Team kein Vertrauen herrscht.

Wie erkenne ich das Problem?

Wenn es Anzeichen einer veränderten psychischen Gesundheit gibt – es muss noch keine Krankheit sein. Das zeigt sich oft als erstes in einer Verhaltensänderung. Ein Leistungsabfall im Job kommt meistens erst später.

Was sind das für Veränderungen?

Das ist sehr individuell. Wenn man merkt, dass es seit längerem häufiger Konflikte im Team gibt, könnte das ein Zeichen sein – oder wenn es einem abends schwer fällt einzuschlafen. Oft ziehen sich Personen in solchen Situationen auch von sozialen Kontakten zurück. Andere typische Zeichen sind Dünnhäutigkeit oder fehlende Freude. Wichtig ist, dass es sich normalerweise um längerfristige Veränderungen handelt – eine einzelne schlaflose Nacht ist noch nicht grad eine Verhaltensänderung.

Was kann man tun?

Wenn man selbst betroffen ist, muss man sich dessen erst einmal bewusst werden. Dann sollte man die Angelegenheit mit einer Vertrauensperson besprechen. Diese Person sollte mit der Situation vertraut sein – das könnte etwa ein Arbeitskollege oder eine Person im persönlichen Umfeld sein.

Und wenn man nicht selbst betroffen ist?

Aussenstehende sind häufig früh in der Lage, sich anbahnende psychische Schwierigkeiten zu erkennen. Neun von zehn Personen kennen jemanden, dem es psychisch schlecht geht. Die meisten wollen helfen, wissen aber nicht wie.

Okay, wie kann man helfen?

Sieht man solche Verhaltensänderungen bei Mitmenschen, sollte man mit ihnen das Gespräch suchen. Nichtstun ist immer falsch. In unseren Erste-Hilfe-Kursen für psychische Gesundheit lernen und üben die Teilnehmenden den Gesprächsleitfaden ROGER.

Umgang mit psychischen Belastungen

Das ist der ROGER-Leitfaden

  • Reagieren: Sieht man Anzeichen für psychische Belastungen, darf man nicht wegschauen.

  • Offen und unvoreingenommen zuhören: Da auf psychischen Krankheiten ein grosses Stigma lastet, müsse man solche Situationen besonders unvoreingenommen und wertfrei angehen – und den Betroffenen erst einmal zuhören.

  • Gib Informationen: Es gehe nicht darum, eine Person zu diagnostizieren, aber darüber zu sprechen, dass etwa Depression oder Burnout vorkommen und dass es auch Hilfe gibt.

  • Ermutige zu professioneller Hilfe: «Es lohnt sich, so früh wie möglich Hilfe zu holen», so Scheffler. Bei früher Behandlung von psychischen Problemen seien die Genesungschancen grösser.

  • Reaktiviere Ressourcen: Aspekte wie das soziale Umfeld, Entspannungstechniken und Musse können zur Verbesserung der Situation beitragen.

Welche professionellen Anlaufstellen sollte man kennen?

Ein guter erster Anlaufpunkt ist die Kampagne «Wie gehts dir», wo man sich mit Fragen rund um psychische Gesundheit befassen kann. Eine individuelle Beratung bekommt man beim Hausarzt oder der Hotline von Pro Mente Sana. Besonders im Krisenfall eignet sich die Dargebotene Hand. Schliesslich kann man auch direkt einen Therapeuten oder eine Therapeutin hinzuziehen – je nachdem, was für die betroffene Person passt.

Sollte ich mit den Vorgesetzten reden?

Wenn die Belastung vom Job ausgeht, ist das zu empfehlen. Teilweise gibt es auch unternehmensinterne Anlaufstellen für solche Fälle. Laut einer Studie kann die Hälfte aller Kündigungen im Zusammenhang mit psychischen Belastungen verhindert werden, wenn man darüber redet. Paradoxerweise haben viele Angestellte Angst, den Job zu verlieren, wenn sie über psychische Probleme sprechen.

Was muss sich ändern?

Die Arbeitgeber sind in der Pflicht, Führungskräfte und Mitarbeitende für den richtigen Umgang mit psychischen Belastungen zu schulen. Das Betriebsklima muss frei von Stigmen und Tabuisierung psychischer Krankheiten sein.

Was braucht es für das Gespräch mit dem Chef?

Damit ein Gespräch über psychische Belastung möglichst konstruktiv verläuft, ist das Klima in der Firma ausschlaggebend, sagt Scheffler. Zwischen Mitarbeitenden und Vorgesetzten müsse Vertrauen herrschen. Auch der Rahmen muss vertraulich sein – so könne es sinnvoll sein, für dieses Gespräch den Arbeitsplatz zu verlassen oder sich an einen angenehmen Ort zu begeben. Zudem empfiehlt Scheffler die Grundzüge der gewaltfreien Kommunikation: Vorgesetzte sollen offene Fragen formulieren und den Angestellten Zeit geben, zu antworten. Wichtig sei auch, dass man nicht versucht, sofort eine Lösung anzubieten, sondern Geduld hat und zuhört. Betroffene sollen aus der Ich-Perspektive schildern und eigene Bedürfnisse ausdrücken.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, eine psychische Erkrankung?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Kinderseele, Onlineberatung für Kinder psychisch kranker Eltern

Verein Postpartale Depression, Tel. 044 720 25 55

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20 Minuten Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Als Mitglied wirst du Teil der 20 Minuten Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung