Blick aus Zürich nach Myanmar: «Die Menschen fürchten um ihr Leben»
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Blick aus Zürich nach Myanmar«Die Menschen fürchten um ihr Leben»

Bei Protesten in Myanmar kam es am Wochenende zu blutigen Ausschreitungen. Der ehemalige Studentenaktivist und Schweizer Thawm Mang über seine demonstrierenden Angehörigen, Solidarität und die jungen Demonstranten.

von
Dafina Eshrefi
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Thawm Mang ist Präsident des Vereins Swiss Burma Aid. In den 90er Jahren flüchtete er aus Myanmar über Indien in die Schweiz. Auf dem Bild ist er zu sehen mit der Geste des Protestes gegen die Militärgewalt. 

Thawm Mang ist Präsident des Vereins Swiss Burma Aid. In den 90er Jahren flüchtete er aus Myanmar über Indien in die Schweiz. Auf dem Bild ist er zu sehen mit der Geste des Protestes gegen die Militärgewalt.

Privat
Seit mehreren Wochen kommt es in Myanmar zu Protesten gegen das Militärregime, das am 1. Februar durch einen Putsch die gesamte Staatsgewalt an sich riss.

Seit mehreren Wochen kommt es in Myanmar zu Protesten gegen das Militärregime, das am 1. Februar durch einen Putsch die gesamte Staatsgewalt an sich riss.

20min
Die Demonstranten bauen in der Millionenstadt Yangon Barrikaden gegen das Militär auf.

Die Demonstranten bauen in der Millionenstadt Yangon Barrikaden gegen das Militär auf.

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Darum gehts

  • Am 1. Februar 2021 hat das Militär in Myanmar die demokratisch gewählte Regierung gestürzt. Seither ist die Lage im Land sehr angespannt.

  • Seit Wochen kommt es zu Protesten in der Bevölkerung. Militär und Polizei gehen hart gegen Demonstranten vor. Am Wochenende starben laut Quellen vor Ort mindestens 18 Menschen.

  • Thawm Mang erklärt im Interview, wie er die Situation seiner Heimat aus der Schweiz einschätzt.

Herr Mang, Sie stammen aus Myanmar und flüchteten in den 90er Jahren vor der militärischen Diktatur in die Schweiz. Wie erleben Sie den aktuellen Militärputsch und die aktuelle Situation in Myanmar?

Thawm Mang: Ich bin höchst besorgt. Ich komme kaum zur Ruhe und kann nachts nicht schlafen. Nicht nur ich, die gesamte burmesische Diaspora weltweit ist wegen der aktuellen Situation in grosser Sorge. Meine Nichten und Neffen, von denen die meisten unter 20 Jahre alt sind, nehmen ebenfalls an den Protesten teil. Obwohl ich Angst um Ihre Sicherheit habe, unterstütze ich Ihr Streben nach Demokratie und Freiheit. Bisher hat es in meiner Familie zum Glück keine Todesopfer gegeben. Laut meinen Bekannten und Angehörigen wurden jedoch alleine am Sonntag 23 Menschen während der friedlichen Proteste getötet. Es gibt über 1000 Verletzte und etliche Verhaftete. Die Situation ist prekär.

Wie hat sich die Lebenssituation in Myanmar in den letzten Wochen verändert?

Die Situation war wegen der Corona-Pandemie auch so schon sehr schwierig. Die Schulen sind beispielsweise bereits seit März 2020 geschlossen. Seit dem Militärputsch am ersten Februar herrscht ein Generalstreik: Als Zeichen des zivilen Ungehorsams haben Beamtinnen und Beamten ihre Aufgaben niedergelegt. Aktuell sind alle staatlichen Spitäler deswegen geschlossen. Stattdessen hat die Bevölkerung fast über Nacht provisorische Krankenhäuser in Privathäusern eingerichtet, um so die medizinische Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Bisher sind die Lebensmittel zwar nicht knapp, aber es herrscht eine grosse Verunsicherung. Das Bankensystem funktioniert nur beschränkt, bezahlen kann man nur noch in Bar. Das alltägliche Leben ist eine Herausforderung geworden. Doch die Solidarität unter den Burmesen ist sehr gross. Ich stehe auch mit einem Priester in Kontakt, der versucht Demonstranten aus dem Gefängnis zu holen – leider nur mit mässigem Erfolg.

Er flüchtete aus Myanmar

Thawm Mang (52) war selber Studentenführer in Myanmar. Er flüchtete 1988 vor der militärischen Diktatur nach Indien und Anfang der 90er Jahre weiter in die Schweiz, wo er Asyl erhielt. Mang gründete den Verein Swiss Burma Aid, bei dem er als Präsident tätig ist und verschiedene Hilfsprojekte in Myanmar leitet. Derzeit sammelt die Organisation Geld für Nahrungsmittel, Medikamente und Hygieneartikel für die Menschen vor Ort. Mang leitet zusätzlich das Sonntagszimmer der Evangelisch-Reformierten Kirche in Basel Stadt.

Wie ist die Stimmung in der burmesischen Bevölkerung in dieser schwierigen Zeit?

Die Menschen fühlen Trauer, Wut, Verzweiflung und Hoffnung zugleich. Der Kampf für die Freiheit ist kräftezehrend. Ich selbst bin ob des starken Willens der Bevölkerung, für unsere Demokratie zu kämpfen, sehr beeindruckt! Ich stehe mit jungen Leuten in Kontakt, die seit Wochen täglich friedliche Proteste organisieren und sich nachts in den Wäldern verstecken müssen. Jeden Abend um 20 Uhr Ortszeit protestieren zudem die Menschen in ihren Häusern, indem sie mit Geschirr Lärm machen. Die Angst ist gross, wieder in eine Diktatur zurückzufallen.

Was sind Ihre Zukunftsprognosen für Myanmar?

Das ist sehr schwierig einzuschätzen. Es beteiligen sich lange nicht mehr so viele Menschen an den Protesten wie unmittelbar nach dem Putsch. Dies ist nachvollziehbar: Die Menschen fürchten um ihr Leben. Wenn wir aufgeben, riskieren wir, wieder in eine finstere Ära zurückzufallen. Was aber eindrücklich ist: Die Beteiligung der jungen Menschen an den Protesten. Deshalb hoffe ich, dass diese die Ausdauer und den Willen haben, sich dem Militärputsch nicht zu beugen. Die Generation Z ist aus anderem Holz geschnitzt. Das muss ich zugeben. Sie sind sehr gut organisiert, auch über Social Media, haben ein eindrückliches Durchhaltevermögen und lassen sich – bisher – nicht einschüchtern. Ich habe grossen Respekt vor dieser Jugend.

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