01.08.2020 17:50

Kantonale Massnahmen gegen Coronavirus

«Die Menschen in der Schweiz fühlen sich orientierungslos»

Der oberste Gesundheitsdirektor hält Hektik bei den kantonalen Corona-Massnahmen für fehl am Platz. Ein Krisenmanager drängt im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus auf einheitliche Klarheit.

von
Bettina Zanni
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Das Schneckentempo der Kantone trifft auf Widerstand. Angesichts der steigenden Fallzahlen fühlten sich die Menschen in der Schweiz orientierungslos, sagt Hans Klaus, Krisenmanager und ehemaliger Informationschef des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements.

Das Schneckentempo der Kantone trifft auf Widerstand. Angesichts der steigenden Fallzahlen fühlten sich die Menschen in der Schweiz orientierungslos, sagt Hans Klaus, Krisenmanager und ehemaliger Informationschef des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements.

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Die Schweiz sei ein Land, in dem viele Menschen auf engem Raum zusammenlebten, sagt Klaus. «Gerade jetzt in der Ferienzeit reisen die Schweizer heute nach Pontresina, morgen nach Ascona und übermorgen vielleicht nach Zermatt.»

Die Schweiz sei ein Land, in dem viele Menschen auf engem Raum zusammenlebten, sagt Klaus. «Gerade jetzt in der Ferienzeit reisen die Schweizer heute nach Pontresina, morgen nach Ascona und übermorgen vielleicht nach Zermatt.»

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Die Infektionszahlen verharren in der Schweiz seit einigen Tagen auf hohem Niveau. Bereits wurde auch wieder die 200er-Marke geknackt – wie zuletzt vor drei Monaten, als sich die Schweiz noch im Lockdown befand.

Die Infektionszahlen verharren in der Schweiz seit einigen Tagen auf hohem Niveau. Bereits wurde auch wieder die 200er-Marke geknackt – wie zuletzt vor drei Monaten, als sich die Schweiz noch im Lockdown befand.

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Darum gehts

  • Das BAG schlug den Kantonen verschärfte Massnahmen gegen das Coronavirus vor.
  • Doch bisher haben die Kantone noch keine Virus-Bremser angekündigt.
  • Jeder Kanton müsse für sich passende Massnahmen ausarbeiten, erklärt Lukas Engelberger, Präsident der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren.
  • Dafür habe die Bevölkerung kein Verständnis, kritisiert Krisenmanager Hans Klaus.


Die Infektionszahlen verharren in der Schweiz seit einigen Tagen auf hohem Niveau. Bereits wurde auch wieder die 200er-Marke geknackt – wie zuletzt vor drei Monaten, als sich die Schweiz noch im Lockdown befand. Um die Verbreitung des Coronavirus besser in den Griff zu bekommen, schlug das Bundesamt für Gesundheit (BAG) den Kantonen am Donnerstag verschärfte Massnahmen vor. Dazu zählen eine Maskenpflicht in allen Läden, das zwingende Hinterlassen von Kontaktangaben in Restaurants und Ausgehlokalen sowie eine Besuchergrenze von maximal hundert Personen in Bars und Clubs. Doch bisher haben die Kantone noch keine Virus-Bremser angekündigt.

«Voraussichtlich nächste Woche werden wir in der GDK über Empfehlungen an die Kantone entscheiden», sagt Lukas Engelberger, Präsident der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK).

Lage sei überall anders

Den Kantonen ist aber selbst überlassen, wann und ob sie überhaupt Massnahmen wie etwa eine Maskenpflicht einführen. «Die steigende Tendenz der Ansteckungszahlen bereitet uns Sorgen. Es macht aber keinen Sinn, deswegen in operative Hektik auszubrechen», sagt Lukas Engelberger. Da die Lage der Infektionen in jedem Kanton anders sei, müsse jeder Kanton für sich passende Massnahmen ausarbeiten.

«Ordnet man unnötige Einschränkungen an, besteht das Risiko, dass neue Massnahmen von der Bevölkerung nicht ernst genommen werden.» Schliesslich ist die Bereitschaft gerade für das Maskentragen Engelberger zufolge nicht bei allen Menschen gleich hoch.

Das Schneckentempo trifft auf Widerstand. Angesichts der steigenden Fallzahlen fühlten sich die Menschen in der Schweiz orientierungslos, sagt Hans Klaus, Krisenmanager und ehemaliger Informationschef des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements. Für ihn steht deshalb fest: «Der Bürger erwartet eine schnelle Entscheidung der Kantone.»

Sonderlösungen gebe es im Ausland nicht

Laut Klaus macht es auch keinen Sinn, wenn jeder Kanton an einer eigenen Lösung bastelt. Dazu zieht er einen Vergleich zum Ausland. «In manchen Grossstädten leben mehr Einwohner als in einem ganzen Schweizer Kanton – Sonderlösungen für Bezirke oder Stadtteile gibt es dort auch nicht.»

Die Schweiz sei ein Land, in dem viele Menschen auf engem Raum zusammenlebten, sagt Klaus. «Gerade jetzt in der Ferienzeit reisen die Schweizer heute nach Pontresina, morgen nach Ascona und übermorgen vielleicht nach Zermatt.» Die Bevölkerung bringe nicht das Verständnis auf, sich in jedem Kanton wieder neuen Regeln anzupassen (siehe Box). «So viele unterschiedliche Regeln machen in diesem kleinen, dicht besiedelten Land keinen Sinn.»

Massnahmen

Am Freitagabend ordnete der Kanton Genf die Schliessung der 36 Nachtclubs an. In Bars und Restaurants müssen Kunden an einem Tisch oder Tresen sitzen, während sie konsumieren. Zwischenmenschliche Distanzen müssen respektiert werden, Trinken im Stehen ist nicht erlaubt. Bereits bevor das BAG Vorschläge für verschärfte Massnahmen kommunizierte, hatten die Kantone Jura, Waadt und Genf eine Maskenpflicht beim Einkaufen eingeführt. Im Kanton Luzern gilt nach dem Sommerferien für Gymnasiasten und Berufsschüler sowohl während des Unterrichts als auch auf dem gesamten Schulareal eine Maskenpflicht.

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