Aktualisiert 11.11.2011 21:55

Aufstand in Syrien

«Die Menschen sind in Kampfstimmung»

Die Anzeichen mehren sich, dass die syrische Aufständischen zu Waffen greifen könnten. Menschenrechtsaktivisten sind besorgt, dass das Land vor einem blutigen Bürgerkrieg stehen könnte.

Das syrische Regime hat sein Vorgehen gegen die Protestbewegung zuletzt abermals verschärft und die Hoffnung auf eine friedliche Lösung des Konflikts zunichtegemacht. Nun treibt die Gewalt die Opposition offenbar immer stärker dazu, selbst zu den Waffen zu greifen.

«Syrien steht an einem Wendepunkt», sagt Peter Harling, Projektleiter der International Crisis Group in Damaskus. «Das Regime kennt keine andere Politik, als den Grad der Gewalt immer weiter zu erhöhen. Damit bleibt den Demonstranten zunehmend keine andere Wahl als die bewaffnete Konfrontation.»

Mitte vergangener Woche stimmte Damaskus zwar dem Friedensplan der Arabischen Liga zu und verpflichtete sich, die Gewalt gegen die Opposition einzustellen. Doch die Initiative erwies sich als kontraproduktiv: Wenige Stunden später begann die Armee eine äusserst blutige Offensive in Syriens viertgrösster Stadt Homs.

Homs Zentrum des bewaffneten Widerstands

Dabei kam es zu tagelangen Häuserkämpfen zwischen Regierungstruppen und Deserteuren, die sich im Vorort Bab Amro verschanzt hatten. «Es waren die schlimmsten Angriffe seit Beginn unserer Revolution», sagt Mohammed, ein Aktivist in Homs. «Die Armee hat Bab Amro beschossen und bombardiert, bis sich nichts mehr auf der Strasse bewegte.»

Den Vereinten Nationen zufolge sind seit dem Beginn des Aufstands vor acht Monaten über 3500 Menschen getötet worden. Es ist dem Regime zwar bisher nicht gelungen, den Widerstand zu ersticken. Allerdings haben die Aufständischen ihren Glauben an den friedlichen Protest in den vergangenen Wochen weitgehend verloren.

Homs gilt mittlerweile als Zentrum des bewaffneten Aufstands. Berichten zufolge werden seit Monaten grosse Mengen von Waffen über die libanesische Grenze in die Stadt geschmuggelt. In den Vororten sollen sich Guerilla-Gruppen gebildet haben.

Syrien vor Zerreissprobe

Die jungen demokratischen Aktivisten tun ihr Möglichstes, um die Menschen davon abzuhalten, eigenmächtig die Waffen zu erheben. «Wir versuchen, den Leuten diese Idee auszutreiben», sagt Mohammed. «Aber viele von ihnen haben ihre Brüder, Väter oder Söhne verloren. Ihre Wut lässt sich nur schwer unter Kontrolle halten.»

Die Gewalt vonseiten der Opposition bewegt sich zwar noch auf niedrigem Niveau. Ohnehin zweifeln Beobachter daran, dass die Regimegegner der Armee auch nur annähernd gewachsen sein könnten.

Doch in den Protesthochburgen Hama und Homs häufen sich derzeit Berichte von Guerilla-Attacken. Dabei scheint die Free Syrian Army, ein Verband mehrerer Tausend Deserteure, eine zentrale Rolle zu spielen.

Ende Oktober bekannte sich die Gruppe zu einem Anschlag, bei dem neun Soldaten starben. Nach Angaben des Regimes sind bislang 1150 Soldaten und Polizisten gestorben.

Ob diese Zahl stimmt und wer genau die Angriffe verübte, lässt sich nicht prüfen. «Wir sind in einer Phase des Zorns», sagt der syrische Menschenrechtsaktivist Wissam Tarif. «Das Regime hat deutlich gemacht, dass es bis zum Ende kämpfen wird. Jetzt sind auch die Menschen in Kampfstimmung.»

Angst vor Bürgerkrieg

Allerdings birgt der militärische Widerstand grosse Risiken. Denn die Anschläge stützen die Argumentation der Führung in Damaskus, dass Kriminelle und Terroristen für die Gewalt verantwortlich sind.

«Seit acht Monaten redet das Regime von bewaffneten Banden, und nun haben wir tatsächlich welche», sagt Tarif. Daher könnte das Regime die Militarisierung der Protestbewegung als Vorwand für eine noch brutalere Niederschlagung des Aufstandes nutzen.

Zugleich stellt die Eskalation das Land vor eine Zerreissprobe. Die Angst vor einem Bürgerkrieg geht um. Der Konflikt hat die Spannungen zwischen den Konfessionen bereits gefährlich angeheizt.

Konflikt zwischen Religionsgruppen

Denn Präsident Baschar al-Assad gehört den Aleviten an, während die Protestbewegung wie die Bevölkerung überwiegend sunnitisch geprägt ist. Vor allem in Homs hat die Zahl religiös motivierter Gewaltakte offenbar rapide zugenommen. Die Stadt ist mit einer sunnitischen Mehrheit und starken christlichen sowie alevitischen Anteilen ein Mikrokosmos Syriens.

Anfang November sollen Unbekannte elf alevitische Fahrgäste in einem Bus getötet haben. In der Folge drangen offenbar Bewaffnete in eine Fabrik ein und ermordeten neun Arbeiter sowie den Inhaber.

Es ist derzeit nicht möglich, die Todesfälle zu prüfen. Doch Aktivisten bestätigen, dass der Konflikt zunehmend eine religiöse Prägung annimmt. «Das, was hier passiert, macht uns grosse Angst», sagt Omar, ein junger Demonstrant. «Wir hören immer wieder von gezielten Morden an Sunniten und Aleviten. Das Misstrauen zwischen den Gemeinden ist mittlerweile riesig.»

Ganze Region betroffen

Damit wächst auch die Sorge, dass die Gewalt auf die Region übergreifen könnte. Denn die verschiedenen Konfessionen und Ethnien in Syrien sind eng mit den Nachbarländern verknüpft.

Die Arabische Liga hat für Freitag und Samstag eine weitere Krisensitzung in Kairo angesetzt. Es soll darüber diskutiert werden, dass Syrien seine Zusagen nicht eingehalten hat.

«Ein Scheitern der arabischen Lösung würde zu katastrophalen Folgen für die Lage in Syrien und für die ganze Region führen», sagte Nabil Al-Arabi, der Generalsekretär der arabischen Liga.

(sda)

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