Mietwohnungs-Auktion: «Die Mittelschicht hätte keine Chance mehr»
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Mietwohnungs-Auktion«Die Mittelschicht hätte keine Chance mehr»

Wegen des angespannten Wohnungsmarkts werden in den USA freie Mietwohnungen bei Online-Auktionen versteigert. In der Schweiz wäre das rechtlich umstritten, sagen Mietrechtsexperten.

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vro
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In der Schweiz sind die Zustände bei der Wohnungssuche teilweise prekär, wie auf einem Bild aus Zürich zu sehen ist. Unzählige Interessierte stehen für eine freie Wohnung Schlange.

In der Schweiz sind die Zustände bei der Wohnungssuche teilweise prekär, wie auf einem Bild aus Zürich zu sehen ist. Unzählige Interessierte stehen für eine freie Wohnung Schlange.

Keystone/Walter Bieri
Das US-Start-up Rentberry.com will mit einer neuen Methode den Immobilienmarkt aufmischen. Leerstehende Wohnungen sollen versteigert werden. Wer die höchste Miete bietet, bekommt die Wohnung.

Das US-Start-up Rentberry.com will mit einer neuen Methode den Immobilienmarkt aufmischen. Leerstehende Wohnungen sollen versteigert werden. Wer die höchste Miete bietet, bekommt die Wohnung.

Screenshot Rentberry.com
In der Schweiz haben die SBB bereits Wohnungen versteigert, allerdings waren diese zum Verkauf ausgeschrieben. Das Prinzip war ähnlich: Wer den höchsten Kaufpreis bot, bekam den Zuschlag. Für Mietwohnungen ist die Situation jedoch anders. Hier gelten strenge Regeln, sagt François Bohnet, Professor an der Universität Neuenburg und Mietrechts-Experte.

In der Schweiz haben die SBB bereits Wohnungen versteigert, allerdings waren diese zum Verkauf ausgeschrieben. Das Prinzip war ähnlich: Wer den höchsten Kaufpreis bot, bekam den Zuschlag. Für Mietwohnungen ist die Situation jedoch anders. Hier gelten strenge Regeln, sagt François Bohnet, Professor an der Universität Neuenburg und Mietrechts-Experte.

Keystone/Steffen Schmidt

Das Start-up Rentberry.com macht sich den angespannten Wohnungsmarkt in US-Städten zunutze. Auf der Online-Plattform werden leerstehende Wohnungen versteigert.

Auch in der Schweiz gab es bereits Immobilienauktionen. Etwa an der Europaallee in Zürich. Dabei handelte es sich aber um Eigentumswohnungen der SBB, die zum Verkauf standen. Wer am meisten bot, bekam den Zuschlag, schrieb damals der «Tages-Anzeiger». Laut Ansgar Gmür, Direktor des Schweizer Hauseigentümerverbands, ist das eine alltägliche Praxis bei Wohnungsverkäufen: «Es wird kaum ein Haus mehr ohne Bieterverfahren abgegeben.»

Hilft nur denen, die ein sehr hohes Einkommen haben

Trotzdem löste das Vergabeverfahren 2013 Kritik aus. Mietwohnungs-Auktionen in der Schweiz sind aus Sicht des Schweizer Mieterverbands (SMV) die «reinste Katastrophe», wie Generalsekretär Michael Töngi sagt. «In der Schweiz gibt es immer noch das Kosten-Miete-Modell.» Mit anderen Worten: Der Mietpreis setzt sich aus den Kosten zusammen, die dem Vermieter anfallen. Hinzu kommt eine gewisse Rendite, die nicht zu hoch ausfallen darf. Ansonsten spricht man von missbräuchlichen Mieten. «Das ist nicht mietrechtskonform», sagt Töngi.

Würden also Wohnungen in der Schweiz versteigert, würde das System unterlaufen. «Das hilft nur denen, die ohnehin ein sehr hohes Einkommen haben», sagt Töngi. «Die Mittelschicht hätte keine Chancen mehr», weil die Mieten in horrende Höhen getrieben würden. «Die unteren Sozialschichten könnten per se nicht mitmachen», führt Töngi weiter aus.

«Vermieter werden kein Interesse haben»

François Bohnet, auf Mietrecht spezialisierter Rechtsanwalt und Professor an der Universität Neuenburg, hält solche Auktionen für problematisch, jedoch mietrechtlich nicht für unmöglich. Die Regeln verlangten, dass ein offizielles Formular eingereicht wird. Zudem müssen der alte und der neue Preis offengelegt werden. «Mieter können gegen den Preis vorgehen, wenn sie ihn für unangemessen halten», sagt Bohnet. Werde die Wohnung versteigert, falle der Mietpreis wahrscheinlich höher aus als erlaubt. Somit könnte der Mieter, der das höchste Gebot gemacht hatte, im Nachhinein noch immer eine Beschwerde einreichen, weil er mit dem Preis nicht einverstanden ist.

Für Bohnet ist deshalb klar: «Die Vermieter werden kein Interesse an einer solchen Auktion haben. Sie haben schliesslich keine Probleme, einen Mieter zu finden.» Doch auch für Wohnungssuchende sei eine Versteigerung kaum attraktiv: «Solche Auktionen treiben die Leute dazu, mehr für Wohnungen zu zahlen als bei normalen Vergaben.»

«Die grosse Wohnungsnot ist vorbei»

Am ehesten könnte eine Auktion von Vorteil sein, wenn jemand seine Wohnung untervermieten will – ähnlich, wie es heute schon bei Airbnb möglich ist. Doch Bohnet warnt: «Der Preis für eine Untermiete darf nicht viel höher sein als jener, den man selbst bezahlt. Der Vermieter könnte sonst die Untermiete verbieten.»

HEV-Direktor Gmür sieht für Mietwohnungs-Auktionen ebenfalls keinen Bedarf. «Ich hoffe nicht, dass das Schule macht», sagt er. Zumal der Wohnungsmarkt in der Schweiz nicht mit demjenigen in den USA zu vergleichen sei. «In der Schweiz kann ein Mietvertrag unterschrieben und im Anschluss dennoch angefochten werden.» Dass der Mieter vor Gericht Recht bekommt, kann sich Gmür vorstellen. «Es gibt einen Mieterschutz, aber keinen Vermieterschutz.» Zudem werde sich der Markt in den nächsten paar Jahren ohnehin deutlich entspannen. «Die grosse Wohnungsnot ist vorbei», so Gmür.

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