Verkehrsexperte: «Die Mobilität in der Schweiz ist zu billig»
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Verkehrsexperte«Die Mobilität in der Schweiz ist zu billig»

Weil das Pendeln viel CO2-Ausstoss verursacht, müssten Firmen, Angestellte und Politiker auf Alternativen setzen, sagt der Verkehrsexperte Thomas Sauter-Servaes.

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Die meisten Pendler fahren mit dem Auto zur Arbeit.

Die meisten Pendler fahren mit dem Auto zur Arbeit.

Keystone/Michael Buholzer
17 Prozent nehmen den Zug.

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Keystone/Gaetan Bally
7 Prozent sitzen aufs Velo.

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Keystone/Alexandra wey

Herr Sauter-Servaes, wir pendeln immer weiter und immer länger. Ist das problematisch?

Ja, denn unser Mobilitätsverhalten bringt einen immer höheren CO2-Ausstoss mit sich, der den Klimawandel weiter antreibt. Weiterhin fährt rund die Hälfte der Pendler mit dem Auto, die Auslastung zu Stosszeiten ist 1,1 Personen pro Fahrzeug, bei meistens 5 Plätzen. Das kann nicht so weitergehen. Neben dem Umweltaspekt wirkt sich langes Pendeln auch negativ auf unsere Gesundheit aus.

Was muss denn geschehen, dass wir weniger pendeln?

Wir haben so viele Lösungsansätze: Homeoffice, Videokonferenzen, Co-Working-Spaces nahe dem Wohnort. Bei vielen Jobs braucht es eigentlich keine Anwesenheit. All das wissen wir seit Jahren, trotzdem passiert nichts. Alle guten Ideen verhallen ungehört im Walde. Das Problem ist einfach, dass Mobilität verhältnismässig billig ist, zu billig. Denn die Kosten für Umwelt und Gesundheit sind in den Billettpreisen und im Benzin nicht oder zu wenig eingerechnet. Wenn ich das sage, ernte ich jeweils einen Shitstorm. Doch weder Arbeitnehmer noch Arbeitgeber zeigen grosses Interesse daran, mit neuen Arbeitsformen zu experimentieren, wenn das Pendeln so günstig ist.

Bei wem liegt jetzt die Verantwortung?

Einerseits bei den Arbeitgebern: Sie würden von weniger gestressten Mitarbeitern profitieren, wenn sie Homeoffice und flexible Arbeitszeiten im Unternehmen konsequent durchsetzen. Doch auch die Arbeitnehmer müssen sich überlegen: Bin ich bereit, meine Pendlerroutinen zu hinterfragen und neue Arbeitskonzepte auszuprobieren? Und auch die Politik ist gefragt, sie könnte dafür sorgen, dass mittels Mobility Pricing neue Anreize gesetzt werden.

Also müssen Zug und Auto teurer werden?

Das würde helfen, das Umweltproblem zu lösen, aber es würden natürlich neue Probleme geschaffen. Wenn man die Mobilität verteuert, schränkt man die Leute in ihrer Freiheit ein. Man würde als Erstes die Leute mit tiefen Löhnen treffen. Pendeln und Freizeitreisen könnten sich nur noch Besserverdiener leisten. Das tut den Leuten weh, das hätte also politisch kaum Umsetzungschancen. Ein Umzug in die Stadt, wo viele arbeiten, ist ebenfalls selten eine Option, da dort die Mieten für viele zu hoch sind. Wir befinden uns also in einer Zwickmühle zwischen persönlicher und gesellschaftlicher Nutzenmaximierung, für die ich leider keine Patentlösung parat habe. Wir müssen wohl weiter nach schlauen neuen Ansätzen suchen.

Thomas Sauter-Servaes leitet den Studiengang Verkehrssysteme an der ZHAW

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