Aktualisiert 24.03.2016 07:40

Schweizer Muslime«Die moralische Empörung reicht nicht»

Die grossen Schweizer Muslim-Verbände schweigen nicht zu den Anschlägen in Brüssel. Sie verurteilen sie aufs Schärfste.

von
G. Brönnimann
Menschen versammeln sich am 22. März auf der Place de la Bourse, um der Opfer der Attacken islamistischer Terroristen in Brüssel am selben Tag zu gedenken.

Menschen versammeln sich am 22. März auf der Place de la Bourse, um der Opfer der Attacken islamistischer Terroristen in Brüssel am selben Tag zu gedenken.

Keystone/Christophe Petit Tesson

Die Föderation islamischer Dachorganisationen Schweiz (Fids) hat zu den Anschlägen in Brüssel eine Mitteilung veröffentlicht:

«Mit tiefer Trauer haben wir von den terroristischen Attentaten in Brüssel erfahren, die Belgien und uns erschüttern. Die Fids verurteilt aufs Schärfste diese feigen und blinden terroristischen Attacken und Verbrechen. Unser aufrichtiges Beileid geht an die Familienangehörigen und Freunde der unschuldigen Opfer. Den Verletzten drücken wir unser tiefstes Mitgefühl aus.

Solche Verbrechen erhöhen Spannungen in unsere Gesellschaft.

Wir rufen weiter die Menschen guten Willens auf, für den Frieden einzustehen. Die Fids und die Dachverbände, die sie unterstützen, engagieren sich weiterhin in Zusammenarbeit mit unseren politischen und religiösen Partnern in unseren Bemühungen für das gemeinsame Zusammenleben und den religiösen Frieden.»

«Die moralische Empörung reicht nicht»

Deutliche Worte kommen von Farhad Afshar, dem Vorstand der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (Kios), dem zweiten grossen muslimischen Dachverband der Schweiz. «Wir verurteilen diese Anschläge aufs Schärfste», sagt Afshar zu 20 Minuten. «Es sind Akte grösster Unmenschlichkeit, die alle Menschen verletzen. Und sie verletzen das Ansehen des Islam auf der ganzen Welt.»

«Es reicht nicht, die Anschläge zu verurteilen», sagt Farhad Afshar weiter, «man muss auch fragen: Wer finanziert die Salafisten? Wer bezahlt das alles?» Gefragt, wie er das mit Bezug auf Belgien und den IS genau meine, antwortet Afshar: «Die Terroristen sind nicht Bewohner vom Mars, die auf die Erde gekommen sind. Es sind Staaten, Firmen und Personen, die solche Verbrechen finanzieren.» Die Verbreitung des Salafismus werde «gefördert»: «Systematisch werden Moscheen unterwandert. Das kostet sehr viel Geld.» Auch dem müsse man sich endlich stellen: «Die moralische Empörung reicht nicht: Die Unterstützer dieser Leute leisten Beihilfe zum Mord.»

Auch die Ahmadiyya Muslim Jamaat Schweiz verurteilt die Bluttat von Brüssel. Imam Nabeel Ahmed von der Nuur-Moschee aus Wigoltingen TG schreibt: «Die Muslime der Ahmadiyya Muslim Jamaat in der Schweiz haben mit Grauen, Trauer und Fassungslosigkeit von den barbarischen Terroranschlägen in Brüssel erfahren.» Es handle sich um «eine unentschuldbare Barbarei, die Hass und Zwietracht sät und der wir bloss mit gesellschaftlicher Einheit begegnen können». Es sei, so der Imam weiter, «eine Verantwortung jedes wahren Muslims, dass er immer als ein loyaler und vollkommen gesetzestreuer Bürger seines Landes lebt».

Antiislamische Tweets

«Jetzt ist wieder hemmungslose Hexenjagd in den sozialen Medien angesagt», schreibt IZRS-Vorstandsmitglied Qaasim Illi auf Twitter. Tatsächlich war der Hashtag #StopIslam gestern ein Trend in sozialen Medien. Das wurde auch von den «Tagesthemen» kommentiert:

Kritik an belgischen Behörden

Die Schweizer Islamismus-Kritikerin Saïda Keller-Messahli erinnert auf Facebook daran, dass man nicht vergessen dürfe, dass auch die «Toleranz gegenüber der Intoleranz zum Drama geführt» habe und verlinkt auf Facebook einen Artikel der französichen Zeitung «Libération», der letztes Jahr kurz nach den Attentaten von Paris veröffentlicht worden war. Laut dem Artikel haben weder Belgiens Gesellschaft, Institutionen noch die Regierung etwas gegen die seit dreissig Jahren zunehmende Verbreitung des Salafismus und Extremismus bei belgischen Muslimen unternommen.

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