Aktualisiert 10.01.2014 20:19

Falsches Schweizerdeutsch

Die Mundart wird es überleben

Der Migros TV-Spot mit dem deutlich ausgesprochenen ‹S› belustigt den Sprachforscher Christian Schmid. Er sieht darin nicht den dräuenden Untergang der Schweizer Mundart.

von
Christian Messikommer

Der Pasta-Werbespot, bei dem der Sprecher das «S» in Migros deutlich ausspricht, ärgert die Sprachpuristen unter den Lesern, während andere darin einen genialen Schachzug sehen, wie Migros gratis in die Schlagzeilen kommt. Ein Leser bezichtigt diejenigen, die sich aufregen, der Ignoranz: «Man möchte ‹Italianità› ausstrahlen und akzeptiert nicht, dass Migros so ausgesprochen wird, wie es Italienischsprechende machen würden? Im Tessin spricht man das ‹S› auch aus.» Die meisten Leser nehmen das Ganze aber mit Humor und schätzen sich glücklich, dass man nicht grössere Probleme zu bewältigen habe.

Auch der Sprachforscher Christian Schmid ist belustigt, betont aber, dass auch in der Sprache nichts so sicher ist wie der Wandel. «Früher sagte man ‹ich gan uf Basel›, heute hört man oft ‹ich gaa nach Basel›. Den wenigsten gelingt es aber, die Veränderungen in der Sprache als Fortschritt anzusehen.» Eigentlich sei es erstaunlich, dass unsere Mundarten so lebendig sind. «Unsere Alltagssprache muss mit der heutigen Welt fertig werden. Das heisst, sie muss ständig Neues aufnehmen.» Der Wortschatz wandle sich dabei am schnellsten, die Grammatik folge langsamer, am wenigsten schnell ändere sich die Lautung, sagt Schmid.

Aus dem Frühmittelalter

Auch dass wir einen hochdeutsch sprechenden Menschen besser verstehen als einen aus dem Wallis, hat seinen Grund: «Wir werden hochdeutsch eingeschult, alles, was wir lesen und schreiben, ist schriftdeutsch, die meisten Medien, die wir konsumieren, auch Produkte, die wir kaufen, sind schriftdeutsch angeschrieben.

Wir lernen Hochdeutsch sozusagen als Zweitsprache. Walliserdeutsch nicht.»

Das Walliserdeutsch sei aber auch der Dialekt, der den grössten Abstand zu allen anderen Dialekten aufweise. Dies gründe in der langen Abgeschiedenheit der Region Oberwallis: Rundherum Berge, und talabwärts die französische Sprachgrenze. «Bis vor etwa hundert Jahren war das Tal sehr abgeschieden. Der Walliser Dialekt hat althochdeutsche Elemente behalten. Wir reden hier von der Zeit des Frühmittelalters. In gewissen Punkten ist es der archaischste Dialekt.» Die Walliser seien aber sehr sprachbegabt: «Fast alle Leute sprechen dort zwei Dialekte: Den Abgeschliffenen, den sie mit uns ‹Üsserschwizern› sprechen, und den anderen, der untereinander gesprochen wird, der für uns eher schwer verständlich ist.»

‹uf Basel› oder ‹nach Basel›

Der Walliser- wie auch alle anderen Dialekte sind im Wandel. «Dass man nicht mehr ‹uf Basel›, sonder ‹nach Basel› geht, oder ein Produkt ‹us Schwede› und nicht mehr ‹vo Schwede› kauft, aber auch die Futur-Form mit ‹werden›, ‹ich wirde cho› anstelle von ‹ich chume denn› — all dies kann nur so leicht in unseren Dialekt einfliessen, weil wir so gut mit dem Schriftdeutschen umgehen können.»

Trotzdem werden solche Veränderungen nicht begrüsst. «Wir haben eine traditionelle Vorstellung, dass der Dialekt gut ist, wenn er einen möglichst grossen Abstand zum Schriftdeutschen hat.» Eigentlich ist es paradox: Man will die Identität durch sprachliche Abgrenzung bewahren, hat aber kein Problem damit, die Sprache zu wandeln. «Das hängt mit unserer Haltung gegenüber einer Sprache oder einem Dialekt zusammen. Diese Haltung ist durch sehr viele verschiedene Faktoren bedingt und oft sehr langlebig. Da kann es zum Beispiel sein, dass man eine Abneigung gegen eine Sprache hat, weil eine Person oder eine Gruppe, die man nicht mag, diese spricht. Auch historische Gründe können da hineinspielen.» Die Abneigung gegen das Hochdeutsche liege darin begründet, dass man in der Zeit des Nationalsozialismus eine klare Abgrenzung zwischen Schriftdeutsch und Mundart geschaffen habe. «Denjenigen, die das vertreten haben, ist es gelungen, diese Trennung bis hinunter zur Primarschule durchzusetzen. Der hörbarste Abstand zwischen Schriftdeutsch und Mundart ist, dass man kein Schriftdeutsch in der Mundart zulässt.»

Die Schweizer Mundart unterscheidet sich immer noch deutlich vom Hochdeutschen:

- Präteritum: Die Vergangenheitsform ist irgendwann im Laufe der Zeit verloren gegangen. Wir können nicht sagen «Ich war z'Bern», sondern sagen in der Vorgegenwart «Ich bin z'Bern gsi». Unsere alemannischen Nachbarn ennet dem Rhein haben damit aber kein Problem.

- Futur: Wir bilden die Zukunftsform mit dem Präsens und sogenannten Zeitpartikeln: «Ich gang denn» statt «Ich wirde cho». Die jüngere Generation, so von 30 abwärts, hat damit aber kein Problem.

- Das Plural-«s»: Früher sagte man «ein Tram, zwei Tram», heute sagen die Jungen ungeniert «Trams» oder «Taxis».

- Akkusativ: Statt «Wer häsch troffe?» wird heute immer öfter gefragt «Wen häsch troffe?»

- Relativ-Sätze: Sogar Moritz Leuenberger sagte «…die Staate, die nanig i de EU sind…»

Zurück zum Migros-Spot. Der Sprachforscher hat nicht viele gute Worte übrig für die Zunft der Werbetexter: «Ich sage als alter Mundart-Liebhaber: Dieses Werber-Deutsch ist die schrecklichste Sprache, die es gibt. Die dürfen gewisse Mundart-Wörter gar nicht verwenden, dann entlehnen sie ein hochdeutsches Wort, das sie dann wieder vermundarten.» Schmid ist aber einsichtig: «Natürlich wird der Werber sagen, seine Funktion sei es, zu werben, nicht die Mundart zu erhalten.»

Hochdeutsch wirkt kompetenter

Auffällig sei auch im Berufsleben, dass Leute, die einen schönen Dialekt sprächen, bei Ansprachen, Verhandlungen und Vorträgen den Dialekt Richtung Hochdeutsch drücken. Offenbar töne Hochdeutsch in unseren Ohren kompetenter, sagt Schmid.

Christian Schmid zum Schluss: «Die Schweiz ist ein wunderbares Freiluft-Sprachlabor und unsere Sprache bewegt sich deutlich in Richtung Schriftdeutsch. Aber wir werden auch in 50 Jahren immer noch Mundart reden.»

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Christian Schmid, 66, ist Sprachforscher und Mundart-Liebhaber. Während 24 Jahren hat er auf Radio DRS 1 (heute SRF1) bis 2012 in mehr als 1000 «Schnabelweid»-Sendungen die unglaubliche Sprachvielfalt unserer Mundart aufgezeigt. Er ist Autor mehrerer Bücher. Zuletzt erschienen «Blas mer i d Schue. 75 Redensarten – Herkunft und Bedeutung», «Durchs wilde Wortistan», «Nebenaussen» und «D'Prinzässin uf em Ärbsli». Christian Schmid lebt in Schaffhausen.

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