28.05.2016 21:57

Kindsmisshandlungen «Die Mutter gab ihrem kleinen Kind Schlafmittel»

1388 Fälle von Kindsmisshandlungen gab es in der Schweiz letztes Jahr. Der Chefarzt der Kinderklinik Baden, Markus Wopmann, kennt die Hintergründe.

von
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Oft geschehen psychische Misshandlungen von Kindern wegen häuslicher Gewalt (Symbolbild).

Oft geschehen psychische Misshandlungen von Kindern wegen häuslicher Gewalt (Symbolbild).

Keystone/Christof Schuerpf

Herr Wopmann*, die psychischen Misshandlungen von Kindern haben zugenommen. Vom wem werden diese begangen?

Die Täter sind bei psychischen Misshandlungen immer noch meistens die Eltern. Bei körperlichen und sexuellen Misshandlungen sind es aber oft auch Jugendliche.

Und diese misshandeln Kinder sexuell aus denselben Motiven wie Erwachsene?

Ein 17-Jähriger kann mit einer 12-Jährigen zwar einvernehmlichen Sex haben, dennoch fällt das aus strafrechtlicher Sicht in die Kategorie Kindsmissbrauch. Aber es gibt die Fälle, bei denen ein älterer Bub ein jüngeres Mädchen nötigt, mit ihm «etwas auszuprobieren». Die sexuellen Motive sind aber auch bei 13-Jährigen gegeben, die einer 7-Jährige zwischen die Beine fassen. Die wollen ausprobieren, leben ihre Gefühle aber am falschen Ort aus.

Wie sieht die psychische Misshandlung durch Eltern aus? Wie äussert sich das?

Oft geschieht dies im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt. Kinder werden sozusagen nicht aktiv, sondern passiv misshandelt. Da gab es zum Beispiel eine Frau, die ihrem Mann ein Messer in den Arm gerammt hat, oder ein Mann, der auf seiner Frau gekniet ist und sie gewürgt hat – in beiden Fällen mussten Kinder die verstörenden Szenen anschauen.

Was löst dies bei Kindern aus?

Sie glauben zum Beispiel, dass die Person, die sie beschützt, verletzt oder umgebracht wird. Sie äussern dann ähnliche Symptome wie bei einer posttraumatischen Belastungsstörung. In der Nacht sind das Albträume, sie wachen schweissgebadet auf. Wenn wir von der Polizei den Hinweis erhalten, dass in einem Fall von häuslicher Gewalt ein Kind zugegen war, untersuchen wir es immer. Einige Kinder stecken aber solche Vorfälle unbeschadet weg – es kommt auch darauf an, wie oft solche Vorfälle passieren.

Also gegen das Kind direkt richten sich psychische Misshandlungen nicht?

Oft geschehen solche Misshandlungen durch Drohungen. «Wenn du das noch einmal tust, bringe ich dich um» – solche Sätze müssen sich kleine Kinder anhören. Oder Drohungen, dass sie weggegeben oder in ein Heim kommen, solche Sachen. Sie reagieren dann völlig verängstigt.

In zehn Fällen gab es noch das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Was ist das?

In allen Fällen waren die Täterinnen die Mütter. Diese lösen bei ihrem Kind Symptome aus, um diese dann ärztlich behandeln zu lassen. Das klingt bizarr und alle Täterinnen leiden unter einer psychischen Erkrankung. Vor einigen Jahren kam eine Mutter zu uns, deren zweijähriges Kind ganz wacklig auf den Beinen war. Bei der Untersuchung kam heraus, dass das Kind grossen Mengen Dormicum – ein Schlafmittel – in seinem Körper hatte. Die Mutter hatte es verabreicht, uns davon aber nichts gesagt.

Jedes fünfte misshandelte Kind ist unter fünf Jahre alt. Geht es da vor allem um Vernachlässigung?

Um jede Art von Misshandlung. Auch sexuellen Missbrauch gibt es. Aber es geht vor allem um körperliche Misshandlungen. Das Kind, das 2015 an Misshandlung gestorben ist, war unter einem Jahr alt. Es wurde zu Tode geschüttelt.

Wie sieht es mit «unbewusster» Misshandlung aus? Dass die Täter nicht wissen, dass sie dem Kind schaden?

Bei sexuellem Missbrauch zu argumentieren, dass das Kind «es auch schön fand», geht nicht. Aber zum Beispiel fand es eine Mutter völlig in Ordnung, dass ihr siebenjähriger Sohn jeden Mittag alleine zu Hause sein Essen zubereitete. Dass dies eine Form von Vernachlässigung ist, wollte sie nicht einsehen.

In Ihrem Bericht schreiben Sie, dass die Sicherheit der Diagnose nicht immer gegeben ist. Warum nicht?

Bei körperlicher Misshandlung und Vernachlässigung sehen wir die entsprechenden Spuren, auch bei psychischer Misshandlung ist die Diagnose in 75 Prozent der Fälle sicher. Bei sexuellem Missbrauch ist die Diagnose schwieriger. Da muss auch noch beachtet werden, ob die Eltern in einem schmutzigen Scheidungskrieg sind und was dem Kind gesagt wird, was es erzählen soll.

*Markus Wopmann ist Leiter der Fachgruppe Kinderschutz und Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche am Kantonspital Baden

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