Die Nacht, als die Kultur in Flammen aufging
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Die Nacht, als die Kultur in Flammen aufging

Bertolt Brecht und Sigmund Freud. Erich Maria Remarque und Vicky Baum, Kurt Tucholsky, Alfred Kerr, Franz Kafka, Heinrich Heine, Thomas Mann... Und Erich Kästner.

Der stand selbst am Abend des 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz in der johlenden Menge eingekeilt und sah mit an, wie seine Bücher wie die anderer von den Nationalsozialisten verfemter Schriftsteller, Wissenschaftler und Journalisten ins Feuer flogen und zu Asche wurden.

Beklommen mittenmang damals auch Elfriede Brüning, die als Zeitzeugin zu einer der vielen Gedenkveranstaltungen zum 75. Jahrestag der Bücherverbrennung angekündigt ist. «Ein ganzes Menschenalter» später stehen der heute 97-Jährigen die Bilder «jenes verhängnisvollen Tages vor Augen, als wäre alles gestern gewesen».

In ihrem Buch «Gedankensplitter» und auf der Internetseite «verbrannte-buecher.de» berichtet die Schriftstellerin «vom schlimmen Anfang». Nach der Machtübernahme Hitlers und dem Boykott jüdischer Geschäfte im Frühjahr 1933 begann mit der von der Deutschen Studentenschaft organisierten «Aktion wider den undeutschen Geist» die Verfolgung jüdischer, kommunistischer, pazifistischer oder von den Nazis sonstwie als «entartet» abgestempelter Schriftsteller.

Scheiterhaufen auf dem Opernplatz

Höhepunkt war die öffentliche Verbrennung «zersetzenden Schrifttums» in Berlin und anderen Universitätsstädten am 10. Mai. Der Ablauf «mit düster feierlichem Pomp», wie es Kästner empfand, war sorgfältig inszeniert, von Fackelzügen zwischen Universität und Scheiterhaufen bis hin zu vorgegebenen «Feuersprüchen», die zur Übergabe der «Schmutz- und Schundbücher» an die Flammen aufzusagen waren.

Wegen strömenden Regens musste die Aktion in manchen Städten verschoben werden. Nicht so in Berlin, wo 70.000 Menschen auf dem heutigen Bebelplatz gegenüber der Humboldt-Universität zusammenkamen, Reichspropagandaminister Joseph Goebbels sprach, der Rundfunk übertrug, und die Wochenschau filmte. Hier soll die Feuerwehr mit Benzinkanistern beim Anzünden des feuchten Scheiterhaufens nachgeholfen haben.

Goebbels in Hochform

«Begräbniswetter hing über der Stadt», schrieb Kästner. Studenten in SA-Uniform, Professoren in Talaren, Schaulustige drängten sich vor dem grell beleuchteten Holzstapel und dem mit einem Hakenkreuz geschmückten Rednerpult, «hinter das nun in rascher Folge die Burschen traten ... und unter Schmährufen die Bücherstapel, die immer neu von Lastautos herangekarrt wurden, in die Flammen warfen», wie Brüning schildert.

Gegen Mitternacht dann der Auftritt des «schmächtigen Männleins», des Germanisten Goebbels, der «mit sich überschlagender Stimme in die Menge brüllte: 'Ich übergebe den Flammen die Schriften der Juden und Völkerverhetzer, von Heine, Brecht und Feuchtwanger, von Thomas und Heinrich Mann', bis seine Rede im Toben der ihm zujubelnden Menge unterging». In seinem Tagebuch notierte Goebbels über die Brandrede: «Ich bin in bester Form. Riesenauflauf.»

Leere Bibliothek als Mahnmal

«Mir war inmitten dieses Chaos' zumute, als ob eine Brandung über mir zusammenschlug. Nur mit Mühe hielt ich mich aufrecht. Immer höher schlugen die Flammen des Scheiterhaufens. Breite Funkengarben züngelten am Himmel empor, und dichte Brandwolken überzogen den ganzen Platz, hüllten mich ein und nahmen mir den Atem», berichtet Brüning. «Dabei wusste ich genau, dass ich ausharren musste.» Die damals 22-jährige sah dem «schaurigen Spektakel» zu in der Hoffnung, dort Kollegen aus dem bereits verbotenen Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller zu treffen - und «als Zeugen dieser Kulturschande» davon zu berichten.

Auf dem Bebelplatz neben der Staatsoper in Berlin erinnert heute ein ungewöhnliches Mahnmal des israelischen Künstlers Micha Ullmann daran: Durch eine Glasplatte im Boden ist eine unterirdische «Bibliothek» aus leeren Bücherregalen zu sehen. Auf einer Bronzetafel steht das ahnungsvolle Zitat Heinrich Heines von 1821: «Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende gar auch Menschen.» (dapd)

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