Aktualisiert 09.12.2008 10:46

«Die Nacht der langen Messer»

Die Nacht vor den Bundesratswahlen gehört den Strippen- und Drahtziehern. Es ist die Nacht der langen Messer. Woher stammt der Ausdruck?

Zweifelsfrei klären lässt sich die Herkunft der Wendung nicht, das sei vorausgeschickt. Am häufigsten wird sie aber klar mit einem historischen Ereignis in Verbindung verbracht, in dem sich der blutige Charakter des Dritten Reiches zum ersten Mal unübersehbar äusserte: dem so genannten Röhm-Putsch im Jahr 1934.

Blutbad im bayrischen Idyll

Am frühen Morgen des 30. Juni 1934 landet eine Ju-52 in München-Oberwiesenfeld. An Bord: Adolf Hitler, Joesph Goebbels und fünf weitere Männer. Der «Führer» ist nach Bayern gekommen, um die Nummer zwei im Nazi-Staat, SA-Führer Ernst Röhm, auszuschalten.

Gegen sieben Uhr erreicht ein Konvoi von drei Autos die Pension «Hanselbauer» in Bad Wiessee, wo Röhm und die Spitzen der SA ahnungslos ihren Rausch ausschlafen. Hitler stürmt - mit der Reitpeitsche in der Hand - an der Spitze eines SS-Trupps in das Zimmer von Röhm und verhaftet seinen alten Mitstreiter.

An diesem und den nächsten Tagen ermordet die SS um die zweihundert Personen: ranghohe SA-Leute, aber auch zahlreiche Regimegegner und weitere Personen, mit denen die Nazis eine offene Rechnung haben. Röhm wird am 1. Juli in seiner Zelle zum Selbstmord gezwungen.

Die SS verdrängt die SA

Der Grund für das Massaker lag in den Meinungsverschiedenheiten zwischen Hitler und Röhm. Der SA-Führer wollte aus den rund vier Millionen Braunhemden der SA eine regelrechte Armee aufbauen, während Hitler mit der Reichswehr paktierte, die den braunen Horden misstrauisch gegenüberstand.

Zudem wollten Röhm und seine SA-Leute die «Revolution» weitertreiben und beargwöhnten Hitlers Pakt mit der Grossindustrie. Und schliesslich hatte der ehrgeizige Röhm durch seine Machtfülle den Hass von Hermann Göring und Heinrich Himmler auf sich gezogen.

Zum Dank für die Entmachtung der SA wurde die SS denn auch enorm aufgewertet. Im Juli 1934 wurde die «Schutzstaffel» aus der SA, zu der sie bisher gehört hatte, herausgelöst. Die SA versank in der Bedeutungslosigkeit.

Andere Erklärungen

Eine andere Herleitung des Ausdrucks stammt aus der britischen Geschichte: Im Jahr 450 ermordeten angelsächsische Einwanderer in Salisbury die keltischen Adeligen. Der mittelalterliche britische Historiker Geoffrey of Monmouth umschrieb das blutige Geschehen mit dem Ausdruck «die Nacht der langen Messer».

Übrigens werden - um in Grossbritannien zu bleiben - auch die Kabinettsumformungen des britischen Premierministers Harold Macmillan im Jahre 1962 als «Nacht der langen Messer» bezeichnet. Der Regierungsumbildung fielen sieben Kabinettsmitglieder zum Opfer.

Eine weitere, gänzlich andersartige Herleitung führt in die Welt des Motorsports: Dort war «die Nacht der langen Messer» der Spitzname der berühmt-berüchtigten Etappe der Rallye Monte Carlo, die nachts über den Col de Turini führte.

Die SA

Die Sturmabteilung der NSDAP war 1921 als Truppe für den Saalschutz gegründet worden und war rasch zu einem grossen paramilitärischen Verband herangewachsen, der massgeblich zur Machtergreifung der Nazis 1933 beitrug. Die Braunhemden lieferten sich in der Weimarer Republik Strassenschlachten mit politischen Gegnern und terrorisierten Andersdenkende und Juden.

Nach der Ermordung ihres Anführers Ernst Röhm 1934 wurde die Organisation nahezu bedeutungslos.

Die SS

Die SS («Schutzstaffel») wurde 1925 ursprünglich als Leibwache für Hitler gegründet und war eine Abteilung der SA. Nachdem Heinrich Himmler 1929 die Leitung der SS übernommen hatte, erfolgte ein starker Ausbau. Nach dem Röhm-Putsch 1934 wurde die SS eine eigenständige Organisation, die in der Folge mit ihren Totenkopfverbänden die Bewachung der KZs und später auch die Vernichtung von Millionen Menschen übernahm. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges umfasste die SS - darunter auch kämpfende Verbände der so genannten Waffen-SS - über 840 000 Mitglieder.

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