Aktualisiert 05.08.2008 11:38

Italienisches SommertheaterDie nackte Wahrheit ist zu viel für Berlusconi

Mit nackten Frauen hatte der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi noch nie ein Problem. Doch ein nackter Busen als Hintergrund für seine TV-Auftritte ging seinen Beratern zu weit – sie liessen ihn bedecken.

von
Peter Blunschi

Der Busen gehört zum Bild «La verità svelata dal tempo» («Die Wahrheit wird enthüllt durch die Zeit») des venezianischen Malers Giambattista Tiepolo. Es ist eine Allegorie auf die Zeit und zeigt ein Frau, die auf einer Wolke neben einem alten Mann sitzt. Das Original befindet sich im städtischen Museum in Vicenza, eine Kopie hängt an der Wand des Pressesaals im Palazzo Chigi, der Residenz des Ministerpräsidenten. Berlusconi persönlich hatte das Bild ausgewählt.

Dann jedoch zeigte sich, dass der nackte Busen der Frau während Pressekonferenzen direkt hinter dem Ministerpräsidenten zu sehen war. Einige von Berlusconis Mitarbeitern befanden dies für unpassend. Sie liessen dem Bild ein wenig Stoff hinzufügen, um die Brust zu verdecken. «Sagen wir, es war eine Initiative von denjenigen, die um das Image Berlusconis besorgt sind», sagte sein Sprecher Paolo Bonaiuti der Zeitung «Corriere della Sera». Es habe Bedenken gegeben, dass das Bild die Gefühle einiger Zuschauer verletzen könnte.

«Absurd, verrückt, lächerlich»

Die Zensur liefert in Italien Stoff für eine nette Sommerpolemik. Denn mit den verletzten Gefühlen ist es so eine Sache. Der Kunstkritiker Vittorio Sgarbi, Berlusconis ehemaliger Kulturminister, sprach von einer «absurden, verrückten, lächerlichen, dümmlichen und nutzlosen» Aktion und gab der Hoffnung Ausdruck, sie sei ohne Wissen des Chefs durchgeführt worden. Und in einem Online-Voting des «Corriere della Sera» beurteilten satte 97,7 Prozent der Teilnehmer die Massnahme als nicht gerechtfertigt.

Noch mehr Anlass zu Spott gibt die vorgebliche Sorge um Berlusconis Image. Nicht nur hat der Medienmogul sein Vermögen mit TV-Sendern gemacht, auf denen sich zahlreiche leicht bekleidete Frauen tummeln. Seine sexistischen Sprüche sind berüchtigt. Im Wahlkampf in diesem Frühjahr empfahl er jungen Italienerinnen, die keinen Job finden, sie sollten halt einen Millionär heiraten. Und 2005 brüstete er sich, er habe seine gesamten «Playboy-Künste» eingesetzt, um die finnische Präsidentin Tarja Halonen davon zu überzeugen, eine EU-Behörde in Italien anzusiedeln.

Gerüchte um Berlusconi-Affären

Anfang 2007 platzte seiner ansonsten zurückgezogen lebenden Ehefrau Veronica Lario der Kragen. Sie verlangte von ihrem Göttergatten öffentlich eine Entschuldigung für seine ewigen Eskapaden. Silvio Berlusconi kroch zu Kreuze, doch geändert hat er sich anscheinend nicht. Letzten Monat liess er ein TV-Interview platzen, in dem er Fragen zu einer angeblichen Affäre mit der 32-jährigen Mara Carfagna hätte beantworten sollen.

Das ehemalige TV-Showgirl und Nacktmodel ist heute ausgerechnet Ministerin für Gleichstellung in seiner Regierung. Angeblich existiert eine Aufnahme der beiden mit kompromittierendem Inhalt. Derzeit findet in Rom zudem ein Gerichtsverfahren statt, in dem der Ex-Mann einer TV-Ansagerin behauptet, er habe seinen Job wegen einer Affäre Berlusconis mit seiner Frau verloren. Die Anwälte des Regierungschefs bestreiten dies vehement.

Die Verhüllung der Wahrheit

Und noch ein Aspekt sorgt für Heiterkeit: die Frau auf dem Tiepolo-Gemälde verkörpert die Wahrheit, oder im wahrsten Sinn des Wortes die «nackte Wahrheit». Deren Verhüllung liefert Anlass zu giftigen Kommentaren in Zeitungen und Blogs. «Jetzt da die Wahrheit ein von Berlusconis Beratern massgeschneidertes Kleid erhalten hat, werden sich die Lügen im Büro des Ministerpräsidenten noch wohler fühlen», lästerte die britische Zeitung «The Guardian».

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