Aktualisiert 18.09.2014 07:41

Vorurteile schwinden

«Die Nati-Fussballer machen den Balkan hip»

Namen auf -ic sind bei der Wohnungssuche kaum noch ein Hindernis. Ein Integrationsexperte erklärt, wieso Balkanstämmige plötzlich ein positives Image haben.

von
ann

Herr Kessler*, Radan Stankovic wurde bei der Wohnungssuche kaum diskriminiert. Sind Leute vom Balkan jetzt integriert?

Ja - mehrheitlich ist das so. Nach zwanzig Jahren in der Schweiz hat sich das Image gewandelt. Bei den Italienern war es dasselbe. In den 80er-Jahren waren sie plötzlich hip.

Wie meinen Sie das?

Der Ruf der Italiener war in den 60er- und 70er-Jahren ebenfalls belastet. Aber man hat sich an sie gewöhnt - und sie haben sich bei uns integriert. Dann gewann 1982 die italienische Fussballmannschaft die Weltmeisterschaft und Italiener waren total in. Schweizer liefen mit Italien-Fahnen durch die Strassen und man fühlte sich mit den Leuten, die mit uns im Land wohnen, verbunden.

Das passiert jetzt auch mit Migranten vom Balkan?

Diesen Effekt haben wir eindeutig in diesem Jahr. Die erste Generation hat sich mittlerweile integriert und die zweite Generation übernimmt. Sie redet schweizerdeutsch und besetzt auch leitende Stellen in Firmen und Verwaltung.

Sind sie ein Teil der Schweiz geworden?

Auf jeden Fall. Der Hausabwart, der Handwerker, der Schrebergärtler, der Trainer im FC und oder auch der Offizier im Militär: Sie stammen immer öfter vom Balkan. Auch im kleinbürgerlichen Milieu haben sie sich niedergelassen - dort, wo am meisten Vorurteile gegen sie geherrscht haben. Die Schweizer haben mit ihnen zu tun und merken, die sind ähnlich wie wir.

Und warum gerade in diesem Jahr?

Der WM-Effekt hat durchgeschlagen. Die erfolgreichen Fussballer aus dem Balkan in der Nationalmannschaft sind ein Türöffner im Alltag. Sie transportieren ein neues Image dieser Migrationsgruppe und machen sie hip. Das gilt übrigens auch für die türkischstämmige Bevölkerungsgruppe.

Ist Albaner oder Kurde zu sein bald ein Imagegewinn?

Sie fallen auf jeden Fall jetzt schon als die besseren Schweizer auf. Sie sind oft fleissig, betreiben mit Erfolg Schweizer Restaurants oder gutbürgerliche Handwerksbetriebe und wollen sich integrieren. Die Alltagserfahrung mit ihnen ist meistens positiv, darum kippt das ganze Image vom Negativen ins Positive.

Benimmt sich die Migrationsgruppe heute auch anders als früher?

Die Flegeljahre sind vorbei. Das sieht man auch an der Jugendkriminalitätsstatistik. Die problematischen Jahrgänge sind erwachsen geworden und sind zu einem grossen Teil bei uns angekommen.

Werden wir jetzt bald Albanien-Fans?

Es dauert bestimmt nicht mehr lange, bis etwa Ferien in Albanien kein Geheimtipp mehr sind, sondern boomen. Sobald eine breite Bevölkerung mit Albanien zuverlässig und geschäftig verbindet, wird auch das Land attraktiv.

Wirkt sich das wiederum positiv auf unsere Beziehung zum Balkan aus?

Auf jeden Fall. Ferien haben immer auch etwas Romantisches. Daraus entsteht eine Wechselwirkung, die wir mit den Bewohnern verbinden.

* Thomas Kessler ist Integrationsexperte und Leiter Kantons- und Stadtentwicklung in Basel

Thomas Kessler ist Integrations-Experte und Leiter Kantons- und Stadtentwicklung in Basel

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