27.06.2014 12:19

Achtelfinal gegen ArgentinienDie Nati kann auf 200 Millionen Fans zählen

Wenn die Schweiz am nächsten Dienstag den WM-Achtelfinal gegen Argentinien bestreitet, stehen zwei Länder hinter unserer Nati: die Schweiz ... und Brasilien!

von
S. Compagno und E. Tedesco, Porto Seguro

Schon auf dem Rückflug von Manaus liess der Pilot des Azul-Charters den Schweizer Medientross wissen, man wünsche für den Achtelfinal gegen den Nachbarn nur das Allerbeste. Und in Porto Seguro wird man als Schweizer Journalist derzeit auf Schritt und Tritt auf dieses Spiel angesprochen: «Suíça schlägt Argentinien, was meinst du?» Und um die Frage noch etwas suggestiver zu gestalten, geht reflexartig der Daumen hoch. Ein Schweizer Sieg (und noch viel mehr eine argentinische Niederlage) würde Brasilien in einen kollektiven Freudentaumel stürzen.

Die Rivalität der beiden grössten Länder Südamerikas ist legendär, und sie beruht einzig auf dem Fussball. «Alles vereint uns. Nichts trennt uns.» Im Jahr 1909 weilte der argentinische Präsident Roque Sáenz Peña auf Besuch in Brasilien und beendete mit diesem Ausspruch eine Rede über die Beziehung der beiden Länder.

In der Tat gibt es nichts, was die Beziehungen der Nachbarstaaten stört. Man zog gemeinsam in Kriege, man geschäftet zusammen. Es bestünde vollkommene Harmonie, wäre da nicht der Fussball. Dort spielten die Brasilianer zunächst eine untergeordnete Rolle. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts hiessen die Schwergewichte in Lateinamerika Uruguay (Weltmeister 1930 und 1950) und Argentinien. Erst in den 50er-Jahren legte Brasilien seinen Minderwertigkeitskomplex ab und wurde dreimal Weltmeister (1958, 1962, 1970), während Argentinien im Mittelmass versank.

Tragik gegen Vergnügen

Die Grundlagen für die grosse Rivalität wurden erst 1978 gelegt, als Argentinien im eigenen Land erstmals Weltmeister wurde und 1986 in Mexiko nachdoppelte. Die Basis war gelegt, dazu kamen gegensätzliche Spielphilosophien. Der Argentinier Roberto Perfumo, einst Star des brasilianischen Klubs Cruzeiro Belo Horizonte, beschrieb die Unterschiede 2002 in einem Interview mit der argentinischen Zeitung «Olé» wie folgt: «Der Umgang mit dem Ball ist ganz anders. Wir nutzen ihn eher, um unsere Ziele zu erreichen, sie hingegen für das persönliche Vergnügen. Das hat mit der Lebensweise, mit der Art, wie man sich gibt, zu tun. Für uns ist der Fussball tragisch. Für sie hingegen nicht.»

Die Unterschiede sind in einer globalisierten Fussballwelt heute mehr Klischee als Realität. Doch die Rivalität bleibt: Hier der fünffache Weltmeister, der zu Hause die «Hexa», den sechsten Titel anstrebt, dort der zweifache Titelträger, der die Party nur zu gern vermasseln würde. Hier die Kreativität und Leichtigkeit des brasilianischen Sambas, dort die Leidenschaft und Präzision des argentinischen Tangos.

Wie sich hier wohl ein Schweizer Schottisch macht?

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