Präsident Bidens Auftritt: «Die Nation hatte diese Rede nötig»
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Präsident Bidens Auftritt«Die Nation hatte diese Rede nötig»

Joe Biden tritt sein Amt in einer Zeit politischer Tumulte und Megakrisen an – und versuchte in seiner Antrittsrede, alle Amerikaner mitzunehmen. Hat er das geschafft, fragen wir Politologen Alexander Trechsel.

von
Ann Guenter

Darum gehts

  • Der neue Präsident der USA hat sich in seiner Antrittsrede an die Nation gewandt.

  • Seinem Vorgänger dankte er, wie sonst üblich, nicht.

  • Wo die Schwerpunkte der Rede lagen und ob Joe Biden damit geliefert hat, erklärt Politologe Alexander Trechsel von der Uni Luzern.

Joe Biden ist der 46. Präsident der Vereinigten Staaten. In seiner Antrittsrede nannte er das Land «gebrochen» und blickte in jene Gräben, die sich aus Sicht vieler Beobachter gerade durch die polarisierende Art und Politik seines Vorgängers Donald Trump aufgetan haben. Diesen erwähnte Biden mit keiner Silbe – auch nicht, um sich zu bedanken, wie es Trump vor vier Jahren noch bei Barack Obama getan hatte.

«Ich weiss, dass die Kräfte, die uns spalten, tief sind, und dass sie echt sind», sagte Biden vor dem Capitol in Washington. «Aber ich weiss auch, dass sie nicht neu sind. Unsere Geschichte war ein ständiger Kampf zwischen dem amerikanischen Ideal, dass wir alle gleich geschaffen sind, und der harschen, hässlichen Realität des Rassismus, Nativismus, der Furcht, der Dämonisierung, die uns seit Langem auseinanderreissen.»

Anders als Trump sprach Biden die Welt an

Für Alexander Trechsel sind die Schwerpunkte der Antrittsrede an das Land offensichtlich: «Die nationale Einheit als Hauptthema, die Biden bereits in seiner gesamten Kampagne beschworen hatte. Dann die Pandemie, wegen der Biden in seiner Rede ein Gebet für die über 400'000 Opfer im Land einfliessen liess. Und schliesslich die wichtige Suche nach der Wahrheit und die Notwendigkeit der Heilung des gebrochenen Landes, was durchaus als Hieb gegen Donald Trump verstanden werden kann, aber vor allem vor dem Hintergrund des Capitol-Sturms durch Trump-Anhänger gesehen werden muss.»

Im Gegensatz zur Antrittsrede seines Vorgängers richtete sich die Ansprache Bidens auch an die internationale Gemeinschaft: «Trump strich 2017 den America-First-Fokus heraus. Biden hingegen sprach die Welt an und machte deutlich, dass die USA wieder ihre Alliierten an Bord holen werde, und dass man Bedrohungen wie den Klimawandel gemeinsam werde bekämpfen müssen», sagt der Politologe von der Universität Luzern.

«Seriös und bescheiden»

Alles in allem sei es eine für Biden typische Rede gewesen, aber eine, die die Nation nötig gehabt habe. «Er trat seriös und bescheiden auf, seine Rede richtete sich an die Menschen aller Farben und Religionen im Land. Die Inklusivität war Bidens wichtigste Botschaft.»

Die Rede sei ein erster Schritt hin zu einer nationalen Heilung. «Doch die tiefen Gräben in der Gesellschaft kann Biden weder kurz- noch mittelfristig leicht kitten, das ist klar. Die Hardliner rund um Donald Trump sind immer noch zahlreich. Aber ich hoffe, Biden und seiner Vizepräsidentin Kamala Harris wird es gelingen, eine Kultur der Einheit zu schaffen». Letztlich, so der Politologe, müsse das Ziel sein, dass alle miteinander reden könnten, auch wenn man sich nicht einig sei. «Das macht eine Demokratie aus.»

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