Aktualisiert 10.08.2017 13:53

1 Jahr nach Olympia-GoldDie neuen Etappen im Leben von Cancellara

Vor genau einem Jahr wurde Fabian Cancellara zum zweiten Mal Olympiasieger, dann trat der Berner zurück. Nun arbeitet er an seiner zweiten Karriere.

von
E. Tedesco
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Der ehemalige Rad-Profi und Doppel-Olympiasieger Fabian Cancellara arbeitet an seiner zweiten Karriere und drückte dafür noch einmal die Schulbank.

Der ehemalige Rad-Profi und Doppel-Olympiasieger Fabian Cancellara arbeitet an seiner zweiten Karriere und drückte dafür noch einmal die Schulbank.

Cancellara und die ehemaligen Fussballprofis Mario Eggimann (l.) und Ciprian Marica dürfen sich ab sofort «zertifizierte Sport-Manager» nennen. Sie absolvierten das «Certificate of Advanced Studies in Sportmanagement» an der Uni St. Gallen.

Cancellara und die ehemaligen Fussballprofis Mario Eggimann (l.) und Ciprian Marica dürfen sich ab sofort «zertifizierte Sport-Manager» nennen. Sie absolvierten das «Certificate of Advanced Studies in Sportmanagement» an der Uni St. Gallen.

Erste Gehversuche als Unternehmer hat Cancellara hinter sich. Er hat eine eigene Firma gegründet und organisiert unter dem Label «Chasing Cancellara» drei Radrennen, bei denen ihn Hobbysportler (im Bild an einem Medientermin dafür mit Linda Intergand und  Bernhard Russi) herausfordern können. Zudem ist der Berner zusammen mit Georg Hochegger und Armin Meier als Partner bei der TriStar Triathlon Serie eingestiegen.

Erste Gehversuche als Unternehmer hat Cancellara hinter sich. Er hat eine eigene Firma gegründet und organisiert unter dem Label «Chasing Cancellara» drei Radrennen, bei denen ihn Hobbysportler (im Bild an einem Medientermin dafür mit Linda Intergand und Bernhard Russi) herausfordern können. Zudem ist der Berner zusammen mit Georg Hochegger und Armin Meier als Partner bei der TriStar Triathlon Serie eingestiegen.

Keystone/urs Flueeler

Vor einem Jahr schrieb der Berner Radprofi Schweizer Sportgeschichte: Am 10. August 2016 gewann Fabian Cancellara in Rio zum zweiten Mal nach 2008 Olympia-Gold im Einzel-Zeitfahren. Damit ist er der erste Schweizer Athlet der Neuzeit, der an Olympischen Sommerspielen zwei Goldmedaillen gewonnen hat.

In Rio schloss sich zudem ein Kreis. 2004 hatte der heute 36-Jährige mit einem Sieg am Prolog der Tour de France erstmals auf internationaler Ebene auf sich aufmerksam gemacht – zwölf Jahre später verabschiedete er sich in Brasilien mit einem letzten grossen Erfolg vom Profi-Radsport.

Exakt ein Jahr ist seither vergangen. Man hätte meinen können, dass er es nach 16 Jahren Spitzensport ruhiger angehen würde – Fehlanzeige. Cancellaras Agenda ist randvoll, sein Ehrgeiz ungebrochen. Neue Herausforderungen abseits des Radsattels meistert der vierfache Weltmeister mit so viel Elan und Wille wie einst enge Entscheidungen in Rennen.

Cancellara darf sich «zertifizierter Sportmanager» nennen

Seit drei Wochen ist Fabian Cancellara «zertifizierter Sportmanager». Um das Zertifikat – die Weiterbildung wird von der Universität St. Gallen in Kooperation mit Schalke 04 angeboten – zu erhalten, musste der zweifache Familienvater zurück auf die Schulbank. Natürlich hätten ihm die Erfahrungen aus dem Spitzensport geholfen, berichtet er. Andererseits hätte er aber auch wieder bei null anfangen müssen. «Vor allem der erste Teil des Kurses war hart. Ich war am Abend nudelfertig», erinnert er sich.

Das «Certificate of Advanced Studies in Sportsmanagement» umfasst vier Module, verteilt über einen Zeitraum von vier Monaten. Das Thema «Controlling», das bei der Kurswoche in der Veltins-Arena auf Schalke durchgenommen wurde, sei so anstrengend wie eine Bergetappe an der Tour de France gewesen, erzählt er. Die letzte Woche dagegen sei trotz Abschlusspräsentation fast wie eine Flachetappe gewesen.

«Zumindest war ich noch fit genug, um mit anderen Teilnehmern wie Mario Eggimann (ehemaliger Fussball-Profi in Aarau, Karlsruhe und Hannover, die Red.) am Abend eine Velotour zu unternehmen», sagt der amtierende «Sportler des Jahres». Er spüre zwar das eine oder andere Kilo mehr auf den Rippen, weil er sein Velo zwischen Januar und Mai wenig bewegt habe, aber im Kopf sei er frischer. Der Schulabschluss bestätigt ihm das.

Raus aus der Komfortzone

Die Schulbank – warum gerade diese Etappe? «Ich wollte weiterkommen und nicht mehr nur als ehemaliger Veloprofi wahrgenommen werden. Diese Weiterbildung war das ideale Sprungbrett für die Karriere nach meiner Aktivzeit und ein Weg raus aus der Komfortzone.»

Der Übergang vom Spitzensport in die «Rente» sei nicht einfach gewesen. Cancellara musste zuerst seinen Rhythmus im Alltag finden. «Ich sammle Erfahrungen, versuche zu verstehen, wie Events funktionieren, und achte darauf, was im Hintergrund einer Veranstaltung wichtig ist. Darauf kann ich aufbauen.» Erste Gehversuche als Unternehmer hat Cancellara hinter sich. Er hat eine eigene Firma gegründet und organisiert unter dem Label «Chasing Cancellara» drei Radrennen, bei denen ihn Hobbysportler herausfordern können. Zudem ist er als Partner von Georg Hochegger und Armin Meier bei der TriStar Triathlon Serie eingestiegen. Wohin ihn die Karriere als Unternehmer bringen wird, kann er noch nicht beantworten.

Auf den Spuren von Streller und Spycher

Interessiert beobachtet Cancellara andere ehemalige Spitzensportler, wie diese ihre Karriere nach der Profizeit gestalten. Zum Beispiel die einstigen Spitzenfussballer Christoph Spycher (YB, ebenfalls Absolvent des Sportmanagement-Lehrgangs) und Marco Streller (FCB), beide Sportchefs in der Super League. «Ich bin kein Fan einer Mannschaft und muss gestehen, dass ich mehr Thun- und Basel-Spiele gesehen habe als von YB. Deshalb bin ich auf den FC Basel gespannt, weil es Leute meiner Generation sind, die nun Führungspositionen bekleiden. Mich interessiert nicht das Team, sondern das, was hinter den Kulissen passiert bei einem Club, einem Töffrennen oder der Formel 1.»

Wie funktionieren Streller, Wicky & Co. nach der grandiosen Ära Heusler? Wie bewältigt Spycher die Aufgabe bei YB? Wie ergeht es dem ehemaligen Skirennfahrer Didier Cuche und anderen ehemaligen Sportlern, die ungefähr seinen Jahrgang haben, nachdem der Tag X gekommen ist? Könnte sich Cancellara etwa vorstellen, bei YB die Geldgeber Rihs zu unterstützen – oder den Radrennstall BMC?

Offen für alles

«Ich bin offen für alles. Ich bin zwar vertraglich an einige Sachen gebunden, aber sonst mit niemandem verheiratet – ausser mit meiner Frau. Es hat im Sport immer viele gegeben, die mehr für den eigenen Sack geschaut haben, aber ich bin nicht Velo gefahren, weil ich cool sein, sondern weil ich Rennen gewinnen wollte. Andy und Hans-Ueli Rihs haben viel für den Sport gemacht. Darum sage ich nicht nein, wenn es darum geht, etwas mit grosser Tradition weiterzuführen. Ich bin kein Hardliner, stehe eher für Tradition. Aber das war bislang kein Thema und zuerst muss ich mich noch besser in der Aussenwelt zurechtfinden.»

Macht sich der aktuelle Sportler des Jahres Gedanken darüber, dass die Marke Cancellara an Strahlkraft verlieren könnte? «Eine interessante Frage, mit der ich mich auch beschäftige», sagt er, «für welche Werte stehe ich? Ich bin kein Sportler mehr – wer bin ich dann?» Antworten darauf habe er noch keine gefunden. Er möchte dem Sport etwas zurückgeben, so viel steht fest. Und Menschen sollen bei ihm im Mittelpunkt stehen – wie der Sport. Die neue Etappe des Fabian C.: Genauso spannend wie ein Einzelzeitfahren in Rio.

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