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«Time out»Die New York Rangers kommen – na und?

Heute misst sich der EV Zug mit den New York Rangers. Der NLA-Leader hat gegen das NHL-Team eine Chance. Es ist alles eine Frage der Einstellung.

von
Klaus Zaugg

Die bisherigen drei Partien von Schweizer Teams gegen NHL-Mannschaften zeigen das Problem: Der SC Bern erstarrte 2008 in Ehrfurcht und wurde von den New York Rangers 1:8 gedemütigt. Diese Partie ist bis heute eine der schlimmsten, schmählichsten sportlichen Niederlagen der Berner. Coach John van Boxmeer hatte die Partie im Voraus verloren gegeben.

Arno Del Curto liess sich 2009 gegen die Chicago Blackhawks zu einer unrealistischen «Kavallerie-Taktik» provozieren, die Davoser liefen ins Leere und verloren 2:9. Nur die ZSC Lions mit einem durch den Gewinn der Champions Hockey League gestärkten und polierten Selbstvertrauen blieben nur einen Tag nach dem Davos-Debakel cool. Trainer Sean Simpson arbeitete die richtige Taktik aus, keinem fiel das Herz in die Hose, die Zürcher siegten 2:1 und holten den Victoria's Cup. Ja, das waren noch Zeiten im Hallenstadion. Und vielleicht ist seither halt das Ego der ZSC Lions zu glänzig poliert und zu gross. Aber wir wollen nicht vom Thema abkommen.

Auf europäischen Eisfeldern nicht chancenlos

Sportlich haben die aktuellen NLA-Spitzenteams (Davos, Zug, Bern, Kloten Flyers), ja selbst Fribourg und Lugano auf europäischen Eisfeldern gegen jedes NHL-Team eine kleine Chance. Warum glaubt niemand so recht daran? Das Problem ist die masslose Überschätzung der Leistungsstärke der Teams der besten Liga der Welt. Sie beruht auf Legendenbildung.

Der Mythos NHL ist auch im 21. Jahrhundert in der Schweiz ungebrochen. Es gibt keine regelmässigen TV-Übertragungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, und das erhöht die Legendenbildung. Nach wie vor kennen die meisten die NHL nur aus dem Internet und Überlieferungen und nicht aus eigener Erfahrung. Ich habe mehr als 200 NHL-Spiele vor Ort gesehen und dort unzählige Gespräche mit Spielern, Trainern und Manager geführt – und dann zeigt sich, dass in der NHL auch «nur» Eishockey gespielt wird.

Mehr Schein als Sein

Die NHL ist in erster Linie einmal eine straff zentralistisch geführte, lärmige PR-Maschine, die perfekt vermarktet wird und mit über drei Milliarden Jahresumsatz zum «Big Business» gehört. Wer zur NHL gehört oder wenigstens als Scout oder Helfer eine NHL-Schirmmütze tragen darf, wird von Sendungsbewusstsein beseelt. Wer zum ersten Mal ein NHL-Spiel live sieht, wird so sehr vom drum herum beeindruckt, dass er beim Eishockey schon gar nicht mehr so kritisch hinschaut wie daheim. So wie ein lautes, grell bemaltes Auto schneller scheint, so erweckt die NHL durch ihr Auftreten Spielstärke. Tatsächlich ist die NHL eine allmächtige Liga. Sie hat im Quadrat mehr kommerzielle Macht und sportpolitischen Einfluss als die gesamte übrige Hockeywelt zusammengenommen.

Durch die kleineren Eisfelder hat sich eine andere Spielkultur entwickelt: Die Partien sind, weil es weniger Platz hat, ganz einfach intensiver, das Eishockey ist im volkstümlichen Sinne härter. Durch die enorme Anzahl Spiele (84 in der Qualifikation) mit einem Saisonstart im Oktober und einem Saisonende (Stanley-Cup-Final) im Juni, und durch die Verteilung der Teams kreuz und quer über einen ganzen Kontinent, ist die NHL ein für Europäer unvorstellbar harter Abnützungskampf. Dazu kommt die harsche nordamerikanische Leistungskultur.

NHL funktioniert gleich wie NLA

Aber Eishockey ist Eishockey. Bei genauerem Hinsehen und Hinhören zeigt sich, dass die Mannschaften aus den gleichen Gründen funktionieren oder eben nicht funktionieren wie bei uns. Die Coaches und Manager begehen ähnliche Torheiten wie bei uns und benützen die gleichen Ausreden. Die Spiele sind vor allem zwischen Dezember und Februar oft von schlechter Qualität. Mehr als die Hälfte der rund 800 NHL-Profi könnte in der Schweiz in einem NLA-Team keine Leaderrolle übernehmen.

Die Schweizer haben schon mehrmals bewiesen, dass sie durchaus mit den NHL-Superstars auf Augenhöhe spielen können: Beim Olympischen Turnier haben wir gegen die besten kanadischen NHL-Profi 2006 in Turin 2:0 gewonnen und 2010 in Vancouver auf den kleinen nordamerikanischen Eisfeld (!) erst im Penaltyschiessen verloren. Im Spiel gegen die kanadische Nationalmannschaft gibt es diese Angst vor der NHL nicht.

Nicht vor Ehrfurcht erstarren

Mit Glück, der richtigen Taktik und einem Jussi Markkanen in Form können die Zuger die Rangers heute Abend fordern, und sie haben sogar eine kleine Siegeschance. Aber eben nur, wenn sie nicht vor Ehrfurcht erstarren und sich nicht davon abbringen lassen, ihr gewohntes Hockey zu spielen. Und die Vorbereitung nicht anders abläuft als vor dem Spitzenkampf gegen den SC Bern. Den haben die Zuger ja 4:0 gewonnen. Die Rangers kommen – na und?

20 Minuten Online berichtet heute Abend ab 20 Uhr live vom Luxus-Testspiel zwischen dem EV Zug und den New York Rangers.

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