Die New Yorker leiden unter Lift-Paranoia
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Die New Yorker leiden unter Lift-Paranoia

In kaum einer anderen Stadt der Welt wird so viel Lift gefahren wie in New York. Für viele ist es aber der reinste Stress, mit Fremden dicht an dicht auf so engem Raum zusammenzustehen.

In Zeitungen und auf Websites wird immer wieder die Frage erörtert, wie man sich in solchen Situationen richtig verhält. Es gibt ganze Regelwerke zur Fahrstuhl- Etikette.

Der wichtigste Leitsatz lautet: Die anderen nicht mustern. Wohin aber soll man dann gucken? Viele starren einfach nach unten auf ihre Füsse. Das ist einer der Gründe dafür, warum es in New York so viele Schuhputzer gibt.

Pamela Fiori, Chefredaktorin des ältesten US-Magazins «Town & Country», empfiehlt, nicht nach unten zu sehen, sondern geradeaus zur Tür hin. Mancher Aufzugs-Knigge geht so weit zu raten, die Hände vor dem Körper zu falten, falls man keine Aktentasche oder dergleichen festhält.

Emil: «Enervierende Stille»

Einigkeit herrscht darüber, dass man im Lift nicht sprechen darf oder höchstens ganz leise. Auf dem Handy weiterzutelefonieren, gilt als Fauxpas. Die grosse Mehrheit hält sich an dieses Schweigegebot, und so kommt es, dass New Yorker Aufzüge Oasen der Stille sind.

Allerdings ist es eine «enervierende Stille, die peinlich wirken kann und bei der man sich manchmal richtig unwohl fühlt». So empfindet es jedenfalls Emil Steinberger, der sechs Jahre in Manhattan gewohnt hat.

Der Schweizer Kabarettist hat den Eindruck, «dass die Menschen an diesem Ort sogar den Atem anhalten, sich gleichzeitig aber die Zehen in ihren Schuhen zu krümmen beginnen, während der ganze Körper regungslos und steif, wie angewurzelt, an einer Stelle stehen bleibt».

Peinlich - und doppelt peinlich

Gestattet sind sachbezogene Konversationen, zum Beispiel die Frage, in welchen Stock der andere will, damit man für ihn drücken kann. Peinlich ist es, sich im Stockwerk zu vertun. Man drückt falsch, der Aufzug hält, die Türen gehen auf - alle schauen einen an und warten darauf, dass man rausgeht, aber man bleibt stehen.

Ein genervtes Seufzen ist die Quittung. Zeit ist Geld, in New York ganz besonders. Leute mit schwachen Nerven steigen deshalb auch schon mal auf der falschen Etage aus, wenn sie sich «verdrückt» haben. Doppelt peinlich, wenn der nächste Aufzug, der hält, dann wieder der ist, aus dem man gerade ausgestiegen ist...

Ein prekärer Sonderfall: Was tun, wenn im Bürohochhaus der Vorstand zusteigt? Sagt man dann «Guten Tag», obwohl man die anderen vorher nicht gegrüsst hat? In diesem Punkt gehen die Meinungen auseinander. Meist wird der Ratschlag gegeben, durchaus zu grüssen, aber nur «kurz und unaufdringlich».

Aufzugsneurose

Alle oben genannten Regeln verfallen jedoch, wenn der Lift stecken bleibt. Meist beginnen dann alle, sich zu unterhalten, und das ist nach Einschätzung von Psychologen auch das einzig Richtige, weil so Spannung abgebaut wird.

Es soll New Yorker geben, die bei jeder Fahrt befürchten, der Lift könne stecken bleiben oder abstürzen. Aufzugneurose nennen das die Psychiater. Wer davon gepackt wird, kann eigentlich nur wegziehen. Treppensteigen ist in dieser Stadt irgendwie keine Alternative.

(sda)

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