Aktualisiert 21.05.2013 16:50

«Time-out»Die NHL entdeckt unsere Billigarbeiter

Die silberne WM eröffnet unseren Helden neue sportliche Perspektiven in Nordamerika. Aber vorerst noch keine Millionen.

von
Klaus Zaugg

Die Erkenntnis ist so banal wie richtig: Wer sich bei einer WM durchsetzen kann, ist NHL-tauglich. Damien Brunner bestätigt diese simple These zur Zeit auf eindrücklichste Art und Weise. Die NHL-Talentsucher, NHL-Coaches und NHL-Manager, die sich über frühes Scheitern in den Playoffs gerne mit einer schönen Europareise trösten, schauen bei der WM sehr genau hin.

Die WM-Stars grosser Nationen (Russland, Schweden, Finnland, Slowakei, Kanada, USA, Tschechien) gehören längst zum NHL-System. Sie stehen entweder bei NHL-Teams unter Vertrag oder NHL-Teams haben die Transferrechte im Draft erworben. So war es seit Anbeginn der Zeiten.

Doch nun taucht erstmals seit 1953 eine neue Nation in den WM-Medaillenrängen auf. 60 Jahre lang hatten sieben Länder Jahr für Jahr die WM-Medaillen unter sich aufgeteilt: Russland, Tschechien, Finnland, Schweden, Kanada, die USA und die Slowakei. Und nun hat die Schweiz die Hockey-Landkarte verändert.

Auch die «Vergessenen» sind wieder interessant

Einige Schweizer Stars sind zwar auch bei NHL-Teams unter Vertrag oder durch den Draft gegangen. Aber die Schweiz ist das erste Medaillen-Team der Geschichte mit Spielern, die von der NHL noch nicht entdeckt worden sind. Dazu gehören etwa Reto Suri, Matthias Bieber und Denis Hollenstein. Andere, die einst durch den NHL-Draft gingen und dann «vergessen» wurden, sind auf einmal wieder interessant: Luca Cunti, Julian Walker, Philippe Furrer oder Severin Blindenbacher. Wenn die Draftrechte inzwischen verfallen sind, kann einer sogar frei das NHL-Team wählen.

Tausende feiern die Eishockey-Helden

Für Schweizer, die als Junioren nicht gut genug waren, um vom NHL-Radar erfasst zu werden, ist die WM die beste Möglichkeit, vielleicht doch noch in die NHL zu kommen. Der grosse Vorteil der Schweizer ohne NHL-Vertrag: Sie sind, anders als die meisten WM-Stars, «Billigarbeiter» für die NHL. Der erste NHL-Vertrag unterliegt starken Einschränkungen und das Bruttosalär beträgt weniger als eine Million. Spieler im Alter von Denis Hollenstein oder Reto Suri, die früh in die NHL «eingechekt » haben, sind heute mehrfache Dollarmillionäre.

Den NHL-Teams bietet sich also die Möglichkeit, mit einigen Schweizer Silberhelden «fertige» Spieler zu einem äusserst bescheidenen Salär zu verpflichten. Einen Schweizer für weniger als eine Million brutto zu bekommen, ist für einen NHL-Klub ähnlich, wie wenn es einem NLA-Team gelingt, einen guten Spieler für 50'000 Franken Jahressalär zu verpflichten.

Für Josi ist die WM 2 Millionen wert

Der Dollar rollt erst ab Ablauf des sog. «Entry Level Contracts». Roman Josi steht jetzt nach Ablauf dieses Erstvertrages in den Verhandlungen um eine Vertragsverlängerung und die WM ist für ihn mindestens zwei Millionen Dollar wert. Vom Reglement her muss Nashville seinen Jahreslohn bei einer Vertragsverlängerung nur zu 10 Prozent. Und Josi muss bleiben, wenn Nashville eine gegnerische Offerte kontert («match the offer»).

Nun ist Josi mit 22 Jahren der beste WM-Verteidiger – und gehört damit zu den NHL-Verteidigern mit dem grössten Entwicklungspotenzial überhaupt. Nashville wird ihm für eine Vertragsverlängerung nach dieser WM zwischen 2,5 und 3,5 Millionen Jahressalär bezahlen müssen, um die Konkurrenzofferten kontern zu können.

Brunner verdient nächste Saison 2-4 Millionen

Nach Ablauf des Erstvertrages, der ab einem bestimmten Alter (23) nicht mehr drei (wie bei Roman Josi) sondern nur noch ein Jahr beträgt und auch das Recht «match die offer» nicht mehr enthält (wie bei Reto Berra und Damien Brunner), kann der Rubel rollen. Beide können nach einem Jahr NHL den Arbeitgeber frei wählen. Damien Brunner wird für nächste Saison einen Vertrag mit zwei bis vier Millionen Dollar Jahressalär bekommen. Für Spieler, die schon in der NHL waren (wie Martin Gerber) gibt es bei der Rückkehr sowieso keine Lohneinschränkung.

Moser hält sich alle Optionen offen

Simon Moser hingegen wechselt vorerst zum Nulltarif in die NHL. Sein Agent George Müller verfolgt die richtige Strategie: Der Klub von Roman Josi hat Simon Moser ins Camp eingeladen. Also ins Trainingscamp, bei dem die Plätze im NHL-Team vergeben werden. Würde Moser jetzt schon einen Einjahresvertrag unterschreiben und im Camp durchfallen oder aus anderen Gründen nicht richtig zum Zuge kommen, dann wären alle Wege in die NHL verbaut. Er würde im Farmteam versenkt wie Andres Ambühl vor drei Jahren von den New York Rangers.

Simon Moser schliesst mit Nashville vorerst ein «Amateur Tryout» ab: Einen Vertrag für ein Trainingscamp ohne Lohn, aber Versicherung. Macht er ein gutes Camp, bekommt er einen Vertrag. Wenn nicht, besteht immer noch die Möglichkeit, bei einem anderen Team unterzukommen oder in die Schweiz zurückzukehren.

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