Aktualisiert 04.03.2011 13:20

Entführte ZwillingeDie offenen Fragen zu Alessia und Livia

Einen Monat ist es her, seit Matthias S. seine Mädchen verschleppt hat. Obwohl die Suche noch immer auf Hochtouren läuft, bleibt der Fall mysteriös.

von
Antonio Fumagalli

Vor dreissig Tagen wurden die Zwillinge Alessia und Livia von ihrem Vater Matthias S. im waadtländischen St-Sulpice verschleppt, seither bewegt ihr Schicksal die Öffentlichkeit. Ein Monat des Schreckens insbesondere für die Mutter der Zwillinge – auch wenn sie die Hoffnung, ihre einzigen Kinder wieder lebend in die Arme nehmen zu können, noch nicht aufgegeben hat (siehe Videoaufruf vom Samstag).

Die Polizeikorps in der Schweiz, Frankreich und Italien gehen seit Wochen unzähligen Hinweisen nach, Dutzende von Beamte kümmern sich ausschliesslich um das Schicksal der Zwillingsmädchen. Dennoch bleibt eine ganze Reihe von Fragen offen:

Der Verbleib der Zwillinge:

Gesichert ist einzig, dass Alessia und Livia am Morgen des 30. Januars mit Nachbarskindern in St-Sulpice spielten. Danach verliert sich ihre Spur. Hat sie Matthias S. auf seine irre Fahrt durch halb Europa mitgenommen? Mehrere Zeugen wollen die Zwillinge an verschiedenen Orten gesehen haben, Beweise dafür fehlen allerdings. Der Brief, den Matthias S. kurz vor seinem Tod an seine Frau schickte, scheint auf grausame Weise zielführender: Er schrieb, dass sie die Mädchen nicht mehr wiedersehen werde. Auch der zuständige französische Staatsanwalt Jacques Dallest glaubt kaum mehr an ein versöhnliches Ende der Geschichte, wie er gegenüber «24 Heures» sagte: «Meiner Ansicht nach wurden die Zwillinge auf der Fähre über Bord geworfen.»

Der Reiseweg des Vaters:

Matthias S. nahm sich am Abend des 3. Februars im süditalienischen Cerignola das Leben. Zuvor wurde er in Marseille, auf Korsika, in Toulon und südlich von Neapel gesichtet – immer ohne die Mädchen. Weshalb ging er ausgerechnet nach Apulien? Und wo fuhr er genau durch? Der Chip des Navigationsgeräts von Matthias S. könnte diesbezüglich wertvolle Hinweise liefern. Trotz einer grossangelegten Suche mit rund hundert Freiwilligen entlang der Bahnstrecke in Cerignola, wo Teile des GPS-Geräts gefunden wurden, bleibt der Chip bis heute verschollen. Hat Vater ihn absichtlich versteckt?

Die Zeitlücken:

Was machte Matthias S. am Morgen des 30. Januars während der rund drei Stunden, als die Mädchen in der Obhut eines Nachbars waren? Weshalb benötigte er mit seinem Auto mehrere Stunden für die 60 Kilometer bis zur französischen Grenze? Unklar bleibt auch, weshalb der Zwillingsvater über einen Tag brauchte, um von Toulon nach Süditalien zu gelangen.

Die fehlenden Beweisstücke:

Neben dem erwähnten GPS-Chip wirft auch der Verbleib des Diktaphons von Matthias S. Fragen auf: Jahrelang trug er es immer auf sich und verwendete es als eine Art Agenda. Wo hat er es vor seinem Tod deponiert? Hat er darauf Hinweise über das Schicksal der Mädchen aufgenommen? In seiner Villa in St-Sulpice fehlen zudem zwei Koffer, dafür wurden schlammige Stiefel entdeckt. Bezeichnend ist auch, dass es von der ganzen Irrfahrt keine Videobeweise von den Mädchen gibt, auf allen Überwachungsbildern ist der Vater alleine zu sehen.

Der mögliche Komplize:

Die Hoffnung der Mutter, ihre Kinder noch lebend zu sehen, beruhte seit Beginn auf einer Hypothese: Dass Matthias S. die Mädchen einer Drittperson übergeben hat, die sie seither versteckt hält. Begünstigt wurde der Hoffnungsschimmer durch die Tatsache, dass der Vater in Marseille fast 8000 Euro abhob, die er als Gegenleistung einem möglichen Komplizen hätte übergeben können. Als einige Tage später ein Grossteil der Summe per Post kommentarlos bei der Mutter eintraf, erlitt die These aber einen herben Dämpfer. Auch die mögliche Verbindung zu einer vermissten Frau im Kanton Freiburg scheint sich zerschlagen zu haben: Die Waadtländer Polizei geht von «keinem Zusammenhang» der beiden Fälle aus.

Das Motiv:

Letztlich bleibt die Frage nach dem Beweggrund des Vaters für seine mutmassliche Tat. Im letzten Sommer trennte sich seine Frau von ihm, kurz vor der Tat reichte sie die Scheidung ein. Dennoch konnte sie sich zumindest anfänglich nicht vorstellen, dass er Alessia und Livia Leid zugefügt hatte. War ihm der Tod der Kinder den Preis wert, um seiner Frau maximalen Schmerz zuzufügen? Denkbar – aber weshalb schickte er ihr dann das abgehobene Geld zurück?

Im Drama um Alessia und Livia bleiben auch einen Monat nach der Entführung mehr offene Fragen als Antworten. Sicher ist einzig, dass Matthias S. sein perfides Vorgehen peinlich genau geplant hatte. Der verzweifelten Mutter hilft dies alles herzlich wenig – sie will einzig Gewissheit über das Schicksal ihrer Töchter.

Das Westschweizer Fernsehen verzichtet auf Aufruf

Über 6000 Personen haben eine Online-Petition unterzeichnet, die vom Westschweizer Fernsehen TSR die dauernde Ausstrahlung eines Zeugenaufrufs zum Fall der entführten Zwillinge fordert. Dabei stiessen sie aber nicht auf offene Ohren: Wie ein TSR-Sprecher gegenüber «24 Heures» sagte, werde das Thema in den Informationssendungen behandelt. Wenn sich auf einen Aufruf falsche Zeugen meldeten, könne dieser gar kontraproduktiv sein.

(fum)

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